Rosenheim – Die Corona-Krise hat laut Winfried Schneider, Leiter des Rosenheimer Instituts für Baubiologie und Nachhaltigkeit (IBN), wie jede Krise zwei Seiten: Zum einen gebe es ganz klar die aktuellen Probleme in Wirtschaft und Gesellschaft, zum anderen aber in Hinblick auf nachhaltiges Bauen auch „mutmachende Anzeichen“. Denn: „Die Leute wollen etwas für ihre Gesundheit, den Umweltschutz sowie unsere regionale Wirtschaft tun“, sagt Schneider.
Mit Material arbeiten,
das recycelbar ist
Nichtsdestotrotz gibt es im Hinblick auf das Errichten von Häusern und Gebäuden in der Zukunft ohne Frage einige Herausforderungen. „Für das Bauen und Wohnen wird mit wachsender Tendenz rund ein Drittel des weltweiten Gesamtenergieverbrauchs benötigt“, sagt Schneider.
Ursache für diese Tendenz sind laut Schneider unter anderem Baustoffe, die zur Herstellung viel Energie benötigen. Deshalb sollte mehr mit Baustoffen gearbeitet werden, die wiederverwendbar sind oder zumindest recycelt werden können. „Gute Beispiele hierfür sind neben Holz auch Lehm, mit dem seit tausenden Jahren gebaut wird. Der muss nicht gebrannt werden und ist deshalb energiesparend.“ Er ist sich sicher: „Wenn wir die beschlossenen Klimaziele erreichen wollen, werden in diesem Bereich massive Einsparungen notwendig sein.“
Auch die Verbraucherzentrale Bayern bietet Energieberatung an. Zuständig für die Regionen Traunstein und Mühldorf ist Thomas Wagner. Für ihn stellt der Klimawandel im Bereich Bauen eine große Herausforderung dar, da die Anzahl der heißen Tage mit Temperaturen von mehr als 30 Grad Celsius deutlich steigen werden. „Durch diese Entwicklung verringert sich zwar der Energiebedarf für Raumwärme im Winter, dafür steigt aber auch der Bedarf an Klimatisierung in den Sommermonaten“, erklärt er. Es sei deshalb unbedingt erforderlich, diese Entwicklung bereits heute in den Bauplänen zu berücksichtigen.
Hanf, Zellulose oder
Wolle als Dämmstoffe
Bei Dämmstoffen sollte, so empfiehlt es Institutsleiter Schneider, mehr auf Naturprodukte wie Holzfasern, Hanf, Zellulose oder Schafwolle gesetzt werden. Auf Materialien, die energieaufwendig hergestellt werden und zudem Gifte wie Lösemittel oder Pestizide enthalten, sollte man verzichten. „Solche Stoffe sind weder für die Gesundheit noch für die Natur gut“, sagt Schneider. Bei Gebäuden sollten vor allem Wände, Fenster und das Dach möglichst einwandfrei gedämmt werden. Aber auch Wärmespeicherung im Gebäudeinneren sei wichtig. „Alles, was schwer ist, wie Natursteine beispielsweise, speichert Wärme gut“, erklärt er.
Beim Thema Heizen gibt Schneider den Rat, in einem ersten Schritt den Energieverbrauch eben durch optimale Wärmedämmung zu senken. Und außerdem nicht sinnlos jeden Raum durchzuheizen. Energieberater Wagner sieht das ähnlich: „Auch durch triviale Dinge wie das Senken der Raumtemperatur oder das Verwenden eines Sparduschkopfes lassen sich Energiekosten einsparen.“
Strom und Wärme können laut IBN-Leiter Schneider am besten aus erneuerbaren und regionalen Energiequellen wie Sonne, Wind und Wasser gewonnen werden. „Für Strom lohnt sich eine Fotovoltaikanlage“, sagt er. Besonders nachhaltig sei es, mit vermeintlichem Abfall wie beispielsweise Rinde oder Kirschkernen zu heizen.
Schneider weist auf Unterstützungsmaßnahmen hin, die Bauherren beantragen können, beispielsweise bei der staatlichen Förderbank KfW. „Nachhaltige Bauvorhaben werden gefördert, damit der Bund seine Klimaziele erreicht“, erläutert er. Wagner fügt hinzu: „Das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle fördert zudem den Einbau neuer Heizungen.“
Kann sich ein Otto Normalverbraucher nachhaltiges Bauen überhaupt leisten? „Ja“, meint Schneider. Konsequent bauen mit „gesunden“ und umweltfreundlichen Materialien sei zwar etwas teurer, aber mittelfristig lohne es sich.“ Auch das Sanieren von Bestandsgebäuden hält er für wichtig – nicht immer gleich alles abzureißen. „Ist ein Abriss unvermeidbar, sollte so viel wie möglich wiederverwendet oder recycelt werden.“
Bauinnung
bestätigt Trend
Einen Trend hin zum nachhaltigen Bauen kann auch der Obermeister der Rosenheimer Bauinnung, Robert Daxeder, in der Region erkennen. Im gesamten oberbayerischen Raum sei außerdem der Ziegelbau weit verbreitet. „Dieser ist sehr ökologisch. Ziegel haben einen guten Dämmwert und sind auch, was die Entsorgung betrifft, nachhaltig“, unterstreicht Daxeder.
Dass die Corona-Krise spurlos an der heimischen Bauwirtschaft vorübergeht – damit rechnet auch Daxeder, der selbst ein Bauunternehmen in Kolbermoor betreibt, nicht. „Die Krise wird auf alle Fälle Auswirkungen auf die Baubranche haben“, ist er überzeugt. Und er gibt zu bedenken: „Der Bedarf nach Wohnungen ist nach wie vor groß. Die Politik muss sich aber Gedanken machen, wie sie den Markt unterstützt.“