Rosenheim/Mühldorf – Dicke halbtransparente Folien, Acryl- und Glasscheiben haben derzeit Hochkonjunktur. Immer mehr Supermärkte, Bäckereien, Metzgereien, Banken, Apotheken, Tankstellen, Postagenturen und Arztpraxen errichten Spuckschutze für ihr Personal. Was die Glaser freut. Die können so wenigstens einen kleineren Teil ihrer Einbußen auffangen.
Als beim Supermarkt um die Ecke nicht nur knallig-bunte Linien auf dem Boden erschienen, sondern auch dicke halbtransparente Folie zwischen Kassenkraft und Kunde auftauchte, mag der eine oder andere noch mit leichtem Kopfschütteln reagiert haben. Ein paar Tage später zogen viele andere nach, orderten Acryl- oder Glasscheiben, sogenannte Spuckschutze, um ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu schützen.
Spuckschutze haben
bei Glasern Priorität
Alexander Mager, Glasermeister aus Rosenheim, zog dabei einen besonders dicken Fisch an Land: Er stattete alle Geschäftsstellen der Sparkassen Rosenheim/ Bad Aibling, gut 160, aus. Das war nicht an einem Tag zu bewältigen, auch wenn seine vier Mitarbeiter in der Werkstatt den ganzen Tag nichts anderes taten. Der Auftrag ist abgearbeitet, jetzt geht es wieder zügig. „Wer morgens anruft, wird im Laufe des Tages beliefert“, so Mager. „Es sei denn, der Kunde nutzt die Gelegenheit und will gleich was für die Ewigkeit, das dauert etwas länger“, fügt Glasermeister Marinus Moser aus Kolbermoor an.
Die Kollegen halten es genauso: Spuckschutze haben derzeit bei den Glasereien im Landkreis Rosenheim Priorität. „Das ist unser Beitrag, die zu schützen, die für uns alle arbeiten“, sagt Moser, der innerhalb weniger Tage zwischen 15 und 20 Spuckschutze auslieferte. „Wenn wir so helfen können, ist das toll“, findet Andrea Ziegler von der Glaserei Kotiers in Bad Endorf.
Das ganz große Geschäft ist mit der Produktion und dem Einbau von Spuckschutzen nicht zu machen – es sei denn, man zieht einen der seltenen Großaufträge an Land. „Wir bedienen meist die kleineren Geschäfte, die großen Ketten haben fast alle Folie“, heißt es dazu bei der Glaserei Heinerich in Wasserburg, beliefert werden überwiegend Kunden, mit denen man sowieso schon zusammenarbeite. Beziehungsweise die Arztpraxen und Apotheken im Ort, wie auch bei Kotiers in Bad Endorf. Dort war es ein halbes Dutzend Scheiben innerhalb von zwei Tagen.
Ganz auffangen können die Spuckschutze den generellen Auftragsrückgang nicht. „Die Leute kümmern sich jetzt um anderes“, sagt Mager. Neue Fenster – oder gar Wintergärten – seien aktuell nicht so gefragt, wie in anderen Jahren. „Die geplanten Aufträge werden weniger, die Notfälle mehr“, fasst es Moser zusammen. Von einem echten Ausgleich könne bei ihnen keine Rede sein, so Andrea Ziegler, die Mitarbeiter bauten zum Teil Überstunden ab, zum Teil seien sie in Kurzarbeit. Auch weil sie die Mitarbeiter nicht zu Einsätzen schicken wolle, wo sie nicht wisse, was auf die Kollegen zukommt – „das mache ich einfach nicht.“
„Bei uns fängt es in etwa das auf, was an anderer Stelle wegbricht“, heißt es bei der Glaserei Theodor Tölg in Waldkraiburg. Weniger, weil sie selber so viele Spuckschutze bauten und lieferten, das sei überschaubar. Aber Tölgs handeln auch mit Glas und Plexiglas. „Gerade Plexiglas verkaufen wir im Moment sehr gut an Kollegen. Vor allem an die, die sonst überwiegend mit Glas arbeiten.“ Denn Plexiglas hat den Vorteil, leichter zu sein und nicht so schnell zu brechen wie Echtglas. „Das ist schon praktisch“, so Mager. Aber Echtglas lasse sich deutlich besser reinigen, zeige weniger Gebrauchsspuren, verkratze nicht so leicht.
Echtglas sauberer,
Plexiglas praktischer
Ein durchschnittlich großer Glasspuckschutz kostet inklusive Lieferung und Aufbau um die 170 Euro, nach oben sind laut Mager keine Grenzen gesetzt. Spuckschutze aus Acryl sind in der Regel günstiger, weil das Material billiger ist. 50 bis 80 Euro, je nach Befestigung, sei da inklusive Lieferung und Aufbau etwa der Preis, so Moser. Auch hier gibt es nach oben kaum Grenzen. Ob Acryl oder Glas: Scheibengröße und Arbeitsaufwand entscheiden.
Sollte der Bedarf an Spuckschutzen irgendwann wieder weniger werden, hat Moser, der Kolbermoorer Glasermeister, schon die nächste Notsituation vor Augen: „Kinder wochenlang in Quarantäne, die drinnen spielen, die Buam auch gerne mal kicken – Scheibenbruch hatte ich in den letzten Wochen viel öfter als sonst.“