Ramerberg – Schwer zu kämpfen haben kleine inhabergeführte Geschäfte in ländlichen Regionen nicht erst seit der Corona-Pandemie. Zwei Beispiele aus der Region: Läden mit Spezialisierung auf Bastelmaterialien. Der eine kämpft weiter, der andere hört auf.
„Inge Seltmann Schul- und Bürobedarf“ steht auf dem Hinweisschild an der Jörg-Huber-Straße in Ramerberg – mitten in einem Wohngebiet der 1368-Seelen-Gemeinde. Wie kann sich hier auf dem Land in einer Siedlung ein Schreibwarengeschäft halten? „Ich habe hier lauter Nischenprodukte“, erklärt Inhaberin Inge Seltmann (63).
Ihr Laden bietet auf etwa 140 Quadratmetern Fläche 15000 Grundartikel – ein auf den ersten Blick buntes Sammelsurium an Arbeits-, Bastel- und Dekomaterial. Jeder Millimeter Verkaufsfläche ist genutzt.
Gründerin startete in der Einliegerwohnung
Dabei hat Seltmann vor fast 23 Jahren mit ihrem Geschäft ganz klein angefangen. Als Mutter von zwei Buben und zwei Mädchen musste die gelernte Krankenschwester „wegen jedem Bleistift in die Stadt fahren“. Sie entschloss sich, selbst einen Laden aufzumachen und verkaufte anfangs in ihrer kleinen Einliegerwohnung alles, was die eigenen Kinder als Schulbedarf benötigten. „Und dann haben wir ausgebaut“, holt Seltmann tief Luft. Denn schnell war ihr klar geworden, dass ihr kleiner Laden ein besonderes Geschäft sein muss, will es mit der Konkurrenz in den Städten und dem heutzutage starken Online-Handel mithalten. „Ich habe die Nischen für mich entdeckt“, erklärt sie. „Lineale gibt es überall, aber wer ein flexibles Kurvenlineal möchte, der kriegt es bei mir.“
Eine Besonderheit reiht sich in ihrem Geschäft an die nächste: Farben, die auf jedem Untergrund haften, Stifte in allen Stärken, Wachs von fünf Herstellern „weil wir alle Farben anbieten wollen“, Perlen in allen Größen, mit Glitzer und ohne, Ausstechförmchen von groß bis winzig klein.
Seltmann werkelt mit ihren eigenen Materialien außerdem auf Bestellung – etwa, wenn sie Hochzeitsanstecker herstellt. Außerdem bietet sie Bastelkurse an – vor allem in der Vorweihnachtszeit. Dass sie ihr Geschäft mit Leib und Seele führt, spüren anscheinend ihre Kunden, die nach ihren Angaben bis aus Neuperlach und Grafing nach Ramerberg fahren. Viele von ihnen kaufen in zweiter Generation. Die Eltern haben hier den ersten Füller erhalten und kommen jetzt mit den eigenen Kindern, um bei Seltmann im Hinterzimmer die ersten Schwungübungen vorzunehmen. Ich verkaufe keinen Füller, wenn ich das Kind dazu nicht sehe“, setzt sie auf persönliche Beratung und Service.
Die Corona-Krise kam auch für Seltmann wie aus dem Nichts. Sie hatte gerade die neuen Schulranzen geordert. „Der Lockdown war sehr schwer für mich. Zum Glück gab es die staatliche Hilfe, die habe ich ein Mal in Anspruch genommen, dann ging es schon wieder weiter“, beschreibt sie die Lage.
Bei 79 verschiedenen Lieferanten bestellt sie alles, was ihre Kunden für die Schule oder das Büro, zum Basteln oder Verschenken kaufen möchten. „Ich habe keine Laufkundschaft, aber der Kunde, der zu mir kommt, der findet hier, was er sucht“, ist die Geschäftsfrau überzeugt. „Nur so überleben wir.“ Seltmann hofft, dass ihre Tochter Angela einmal in ihre Fußstapfen tritt.
Bastelmaterialien sind beratungsintensiv
Keine Zukunft gibt es dagegen für die Boutique Hinterberger in Wasserburg. Auch sie bietet neben Geschenkartikeln und Haushaltswaren viele Bastelmaterialien an. Hier gibt es unter anderem noch Schleifen, die auf Länge geschnitten und für Centbeträge verkauft werden. Ende 2020 schließt jedoch die Ladentür für immer – nach 59 Jahren Firmentradition.
Die Umsätze seien nicht so gestiegen wie die Fixkosten, die Gewinnmarge immer kleiner geworden, nennt Pächterin Claudia Mairhofer als Grund. Die Kundenfrequenz im Laden sei nach wie vor hoch, doch es bleibe unter dem Strich zu wenig übrig. Der Verkauf von Bastelmaterialien bringe in der Regel nur Kleinbeträge ein und sei zudem sehr beratungsintensiv. Zu schaffen macht Mairhofer auch die Konkurrenz durch Discounter und Märkte auf der grünen Wiese vor den Toren der Stadt.
Der Lockdown und die Corona-Krise hätten ihrem Geschäft nicht den Todesstoß gegeben, jedoch deutlich gemacht, „wie ausgeliefert wir kleinen Einzelhändler in solchen Situationen sind“, bedauert sie.