Grassau – Was in Berlin und München schon zum Alltag gehört, ist nun auch in Grassau zu finden. Die „Chiemgau Collective“ bietet Arbeitsplätze zur flexiblen Miete an. Die Idee kam drei Unternehmern aus dem Achental, die auch miteinander befreundet sind, eher durch Zufall: Michael Steffl bietet Erlebnispädagogik in der Natur an. Dominic Hartmann organisiert Events wie das Chiemgau Outdoor Festival und den Chiemgau Trail Run. Und der Dritte im Bunde, Stefan Götschl, arbeitet für ein Snowboardmagazin, als freier Journalist und als Fotograf.
Zufällige Idee
von drei Freunden
Für die Spezln lag es nahe, sich zusammen zu tun. Über die Immobilie sind sie mehr oder weniger gestolpert. Denn eigentlich war die ehemalige Videothek viel zu groß. „So entstand die Idee, einfach mehr Tische reinzustellen“, sagt Steffl.
Anfang Januar eröffneten sie ihre „Chiemgau Collective“ und vermieten Arbeitsplätze: Ein Tag im Coworking Space kostet 20 Euro, die monatliche Miete für einen Tisch beträgt 315 Euro. Inkludiert ist neben Internet, Parken und Kopieren auch Kaffee und Tee. Außerdem bietet der Coworking Space Konferenzräume und einen „Multi-Space-Raum, der sich auch für Veranstaltungen eignet.
Die Folgen der Corona-Pandemie blieben bei den drei Grassauern nicht aus: Die Vermietung lief schleppend an. „Wir haben einen Dauermieter mit festem Platz und einige Leute, die Zehner-Karten nutzen“, sagt Steffl. Seit sich die Situation entspannt hat, komme auch die Nachfrage.
Zum Beispiel von Isabella Kecht. Sie hatte mit zwei anderen ein Start-up aufgebaut. Zu Beginn des Jahres ist sie dort ausgestiegen, um sich auf eigene Projekte zu konzentrieren. „Bei meinem Freund habe ich kein eigenes Büro, außerdem fällt mir zuhause manchmal die Decke auf den Kopf“, sagt die 29-Jährige. Mit einer Zehner-Karte ist sie jetzt öfters in der „Chiemgau Collective“, um an Büchern und anderen Projekten zu arbeiten. Geld für einen Arbeitsplatz zu zahlen mutet erst mal merkwürdig an. Schließlich haben viele Menschen während des Lockdowns von zuhause aus gearbeitet. Aber nicht alle seien damit so zufrieden gewesen, sagt Steffl: „Daheim ist oft zu viel Ablenkung. Ich kenne das auch. Da wirft man eben zwischendurch schnell den Staubsauger an oder kocht so nebenbei.“ Speziell wenn man Kinder hat, ist ein Coworking Space laut Steffl eine gute Alternative zum Homeoffice.
Einige Kunden der „Chiemgau Collective“ würden in München arbeiten, aber aus dem Chiemgau stammen und öfters zu Besuch kommen. „Für die ist es dann nicht so schön, beim Papa im Kinderzimmer zu sitzen. Die kommen lieber zu uns“, sagt Steffl.
Synergieeffekte
schaffen
Doch es sind nicht nur Aspekte der Bequemlichkeit. Coworking Spaces gelten auch als Orte, in denen Geschäftsideen entstehen. Aus diesem Grund hat der Traunsteiner Oberbürgermeister Dr. Christian Hümmer (CSU) jüngst einen Tag im Coworking Space „B1 connect“ in Traunstein verbracht. Dort suchte er den Austausch mit Gründern und anderen Selbstständigen, die sich dort tageweise einmieten. Aus Sicht von Hümmer liege der Vorteil im gemeinsamen Austausch, bei dem zum Teil auch gemeinsame Konzepte entwickelt werden. „Wir arbeiten auch gerade an einem Förderkonzept, mit dem wir junge Gründer unterstützen wollen, wenn sie einen Coworking-Platz anmieten wollen“, sagt Hümmer. Auch die drei Grassauer profitieren davon, dass sie so nah beieinander arbeiten. „Es kommt öfters mal vor, dass etwas rein kommt, das tatsächlich besser zu jemand anderem passt. Wir sind da in ständigem Austausch und haben viele Ideen“, sagt Steffl. Ein Projekt sei ein Film gewesen, der gemeinsam produziert wurde. Noch hat Isabella Kecht keine Anknüpfpunkte für ihr Geschäftsmodell im Grassauer Coworking Space gefunden. Dennoch schätzt sie das Angebot, sie sieht einen weiteren Vorteil: „Es gibt noch zu wenig Netzwerke unter Selbstständigen und Gründern im Chiemgau.“