Mühldorf – Die Corona-Krise hat im ersten Halbjahr 2020 massiv auf den Tourismus im Landkreis Mühldorf durchgeschlagen: Die Besucherzahlen sind um 59, die Übernachtungen um 53 Prozent zurückgegangen, wie unter anderem eine Statistik des Bayerischen Landesamtes für Statistik und Datenverarbeitung zeigt. 17700 Gäste und 43600 Übernachtungen wurden im Landkreis im Berichtszeitraum registriert. Holger Nagl, Sprecher des Hotel- und Gaststättenverbandes im Landkreis Mühldorf, bestätigt dies uneingeschränkt: „Die Lage ist nach wie vor dramatisch, in einigen Betrieben sehr dramatisch.“
Keine große
Veranstaltung
Am härtesten treffe es Unternehmen, die auf große Veranstaltungen spezialisiert seien und hier starke Einbußen hinnehmen mussten. Und auch für die nächsten Monate erkennt Nagl keine Entspannung: Nach der Lockdown-Phase komme jetzt die zweitschwierigste Zeit auf die Gastronomie zu, denn die Monate Oktober und November seien von Haus aus umsatzschwächer. Große Betriebe hätten beispielsweise ihre Weihnachtsfeiern bereits storniert, andere seien noch immer am Überlegen, ob sie eine Feier veranstalten sollen.
Für den Tourismusverband Inn-Salzach, dem die Landkreise Mühldorf und Altötting angehören, zieht Geschäftsführerin Andrea Streiter eine ähnliche Bilanz: „Durch die Corona-Krise ist die Tourismuswirtschaft komplett eingebrochen.“
Im vergangenen Jahr hätten knapp 600000 Übernachtungen und 228000 Gästeankünfte der Region Inn-Salzach einen touristischen Umsatz von rund 233 Millionen Euro gebracht.
„Von Januar bis Juli 2020 ist im Vergleich zum Vorjahr ein Einbruch bei den Übernachtungen um 43,7 Prozent und bei den Ankünften um 50,2 Prozent zu verzeichnen“, so Streiter. Ihr zufolge beziehen sich die Zahlen auf Betriebe mit zehn oder mehr Betten sowie Campingplätze mit zehn oder mehr Stellplätzen.
Dabei sei zu bedenken, dass von Mitte März bis Ende Mai wegen der Pandemie ein Beherbergungsverbot für touristische Gäste galt, das bis heute tiefe Spuren hinterlassen habe, so Streiter, die aber auch eine positive Tendenz erkennt:
„Trotz allem konnte in den Sommermonaten Juni, Juli und August der Anteil an Urlaubsgästen erhöht und die Aufenthaltsdauer verlängert werden. Vor allem Urlaub auf dem Bauernhof, Ferienwohnungen, Camping- und Wohnmobilstellplätze und bett+bike-Betriebe wurden in diesem Sommer überaus stark nachgefragt.“
„Das Hauptproblem ist die Angst“, lautet das Fazit Nagls zur aktuellen Situation. Viele Gäste wollten sich nicht im Innern einer Gaststätte aufhalten. Die Biergartensaison habe für etwas Entspannung gesorgt, „aber wenn das Wetter schlecht wird, bricht der Umsatz ein“, so Nagl.
Für ihn stellt sich deshalb zuvorderst die Frage: „Wie kriegt man die Angst aus den Menschen wieder raus?“ Für die Schadensbehebung in den Betrieben hat er eine klare Forderung an die Politik: eine nachhaltige Reduzierung der Mehrwertsteuer auf Speisen und Getränke.
„Keine Maßnahme wäre wichtiger“, betont Nagl und verweist auf die vor Jahren erfolgte Senkung des Mehrwertsteuersatzes von 19 auf sieben Prozent auf Übernachtungspreise in der Hotellerie. Dadurch könnten Betriebe aus eigener Kraft wieder hochgefahren und der Investitionsstau abgebaut werden.
Kurzarbeit bis
zum Frühjahr?
Der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) zufolge beschäftigt das Hotel- und Gaststättengewerbe im Landkreis Mühldorf nach Angaben der Arbeitsagentur etwa 1400 Menschen. Viele von ihnen seien von Kurzarbeit betroffen und diese werde, so Holger Nagl, mit Sicherheit noch bis zum nächsten Frühjahr anhalten.
Allerdings, so ein Sprecher der NGG, habe die Kurzarbeit bislang einen massiven Anstieg der Arbeitslosigkeit verhindern können und dank staatlicher Hilfen sei eine Pleitewelle im Gastgewerbe ausgeblieben. Die Gewerkschaft appelliert in diesem Zusammenhang an die Unternehmen, die Kurzarbeit für die Weiterqualifizierung ihrer Mitarbeiter zu nutzen.