Ein Leben für die Erde

von Redaktion

Agraringenieur Gabriel Erben und Gärtner Tassilo Willaredt wollen gemeinsam einen Weg finden, die Weltbevölkerung zu ernähren, ohne die Erde auszubeuten. 2017 gründeten sie die Solawi Lenzwald in Polling und versorgen derzeit 121 Erwachsene und 58 Kinder mit Gemüse.

Polling – Tassilo Willaredt und Gabriel Erben haben ein ehrgeiziges Ziel: Sie wollen, dass Grundnahrungsmittel wieder vor der Haustür erzeugt werden – auf nachhaltige Art und Weise. „Corona hat gezeigt, wie abhängig wir von fragilen Lieferketten sind. Vieles kommt von weit her und ist an extrem getaktete Lieferzeiten gebunden“, konstatiert Gabriel Erben. „Das muss nicht sein.“

Bei Seminar
kennengelernt

Die beiden lernten sich 2015 über ein Seminar kennen. Willaredt wohnte damals bereits in der Hofgemeinschaft in der Nähe von Mühldorf. 2016 fasste der Gärtner den Plan, den Selbstversorger-Hof zu einer solidarischen Landwirtschaft zu erweitern, und fragte Gabriel, ob er einsteigen wolle. Im Februar 2017 ging die Solidarische Landwirtschaft (Solawi) Lenzwald an den Start. 47 Kulturen werden auf einem Hektar über das ganze Jahr angebaut und geerntet. Gewirtschaftet wird nach dem Prinzip: Verantwortung und Ernte teilen.

Die Produzenten und die Konsumenten schließen sich im Verein zusammen und finanzieren gemeinsam die Jahreskosten. Die Mitglieder sichern sich langfristig regionale und nachhaltige Lebensmittel – ohne lange Transportwege und unnötige Verpackung. Abgeholt werden können die Kisten immer mittwochs sind in Polling, Mühldorf, Kraiburg und Altötting.

Während Willaredt die Gärtnerei verantwortet, ist Erben für die Organisation, die Finanzen und die Werbung zuständig. Die Zahl der Interessenten wächst: 2017 waren es 20 Mitglieder, 2018 etwa 35, 2019 waren 45 dabei. Trotzdem hatten sich die beiden immer etwas höhere Mitgliederzahlen erwartet. „Wenn wir nicht limitiert wären, was das Land angeht, dann wären wir schon größer“, versichert Erben. Der Agraringenieur fürchtet: „Wenn die Solawis nicht größer und nicht mehr werden, werden wir immer in der Nische bleiben.“ Das größte Problem sei der Landzugang: „Es ist total schwer, an Flächen zu kommen.“

Das große Ziel der Solawi ist weit mehr als eine ökologische Landwirtschaft, die auf Kreislaufwirtschaft, Biodiversität und organische Dünger setzt. „Das allein reicht nicht“, weiß Tassilo Willaredt. Der Schlüssel ist der Humus-Gehalt in der Erde. „Wir müssen unsere Böden sanieren, indem wir wieder Humus aufbauen. Zur Sanierung sind neben dem Aufbau von Humus auch Mulchsysteme, langjährige Fruchtfolgen, eine schonende Bearbeitung und Züchtung neuer mehrjähriger Nutzpflanzen notwendig.

Einmal im Jahr werden in den Gewächshäusern und auf dem Feld Bodenproben gezogen, die dann im Labor untersucht werden. Als Willaredt 2016 mit dem Humus-Aufbau begann, lag der Humus-Gehalt bei 2,8 Prozent, derzeit liegt er bei 6,5 bis acht Prozent. „Weltweit sind unsere Böden im Moment bei durchschnittlich zwei Prozent Humus“, erläutert Willaredt. Ab fünf Prozent Humus sei die Erde in der Lage, sich zu regenerieren, ergänzt er.

Das Ziel für die nächsten Jahre: mehr Land, mehr Mitglieder und ein breiteres Angebot. „Ab rund 300 Mitglieder lassen sich angemessene Löhne für Gärtner und Landwirte zahlen“, weiß Erben. In zehn Jahren ist das Ziel ein Vollversorgungshof. Dazu gehören für die beiden Eier, Brot, Milchprodukte und Rinder, deren Mist ein kostbarer Bodendünger ist.

Gegen diese Art der Landwirtschaft spricht nach Einschätzung einiger Experten, dass weltweit bald zehn Milliarden Menschen ernährt werden müssen und die Flächen knapp sind. Erben hält dagegen, dass der hohe Ertrag der konventionellen Landwirtschaft auf einem sehr wackligen Fundament stehe, weil er nur noch mithilfe von Kunstdünger aufrechterhalten werden könne. „Das wird irgendwann zusammenbrechen.“

Visionen für
die ganze Welt

Und wie kann man Land nachhaltig bewirtschaften und die Weltbevölkerung ernähren? Die beiden wollen ein Modell finden, dass sich global skalieren lässt. Für Willaredt ist klar: „Wir brauchen Technik, da immer weniger Menschen auf dem Land leben und arbeiten möchten.“ Darin liegt die Kunst. Denn mit Technik greift man viel intensiver in den Boden ein, dennoch muss Humus auf- anstatt abgebaut werden.

Die Vision: Zu 25 Prozent sollen sich die Städte selbst ernähren, beispielsweise durch Gemüseanbau in Innenhöfen. Die restlichen 75 Prozent der Nahrungsmittel werden von Solawis aus dem Umland kommen, die größere Flächen effizient bearbeiten. Willaredt ist sich sicher: „Wenn wir hierauf den Fokus legen, haben wir in 50 Jahren ein blühendes Paradies auf diesem Planeten.“

Die Grundlage, um Nahrung anbauen zu können

Humus ist die organische Masse eines Bodens. Zu fast 60 Prozent besteht Humus aus Kohlenstoff. Der Rest setzt sich zusammen aus Ton, Stickstoff, Kalzium, Phosphor und weiteren Nährstoffen sowie unzähligen Mikroorganismen. In einer Handvoll Erde sind nach Angaben des Naturschutzbundes Deutschland mehr Lebewesen als Menschen auf dem Planeten. Die Humus-Qualität kann am Verhältnis Kohlenstoff/Stickstoff gemessen werden. Nur die oberen 30 Zentimeter eines Bodens sind belebt und mit Humus durchmischt. Eine wichtige Rolle nehmen auch Pflanzenwurzeln und Pilzgeflechte ein, die mit ihren Myzelien alles synaptisch verknüpfen. Das Erdreich ist die Grundlage, um Nahrung anbauen zu können.

Verantwortung und Ernte teilen

2011 gründete sich das Solawi-Netzwerk in Deutschland. Derzeit gibt es hierzulande mehr als 300 Soziale Landwirtschaften, sogenannte Solawis – dagegen stehen laut Statistischem Bundesamt fast 247000 konventionelle Betriebe. Verantwortung und Ernte teilen – das ist das Prinzip einer Solawi. Produzenten und Konsumenten schließen sich im Verein zusammen und finanzieren gemeinsam die Jahreskosten der Landwirtschaft. Die Verbraucher sichern sich langfristig hochwertige, regionale und nachhaltige Lebensmittel – ohne lange Transportwege und ohne unnötige Verpackung.

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