Multitasking gegen die Krise

von Redaktion

Lucia Spitzmüller ist Familienmanagerin und kreiert ihre eigene Mode für Kinder

Bruckmühl/Feldkirchen-Westerham – Wenn es im Vagener Waldkindergarten hinaus in die Natur geht, durch Pfützen und Matsch gewatet wird, dann sind die Kleinen gut verpackt. „Wir haben eine Mutti, die unseren Kindern die Kleider auf den Leib schneidert“, erzählt Kitaleiterin Kerstin Rathjen-Gröschel. Wetterfest, wasserabweisend und mit Verstärkungen an Knien und Popo perfekt zum Buddeln und Rutschen. Vor allem aber sind sie farbenfroh. „Viele Mädchen mögen ja keine Matschklamotten anziehen, aber sind sie pink und mit Einhörnern dann schon“, weiß Rathjen.

Aufgewachsen mit
Kreationen der Mutter

Genau solch ein kleines Mädchen hat aus der Erzieherin Lucia Spitzmüller eine kreative Schneiderin gemacht, die Familie, Haushalt und Selbstständigkeit mit dem Talent zum Multitasking und einem Lächeln meistert. Und das, obwohl sie sich nach dem Start in die Selbstständigkeit mitten in der Krise wiederfand.

Genäht hat Lucia Spitzmüller eigentlich schon immer. Aufgewachsen inmitten der handgewebten Kreationen ihrer Mutter erbte sie das Gefühl für Stoffe und saß schon als junges Mädchen an der Nähmaschine, weil „mir die gekauften Sachen nie richtig gepasst haben“. Erst viel später – Tochter Lara war gerade auf die Welt gekommen – belegt sie Kurse und erlernt das Handwerk von der Pike auf.

Erst Aufträge von Freunden bekommen

Sie fängt an, für ihre Kinder zu nähen. Erst Kleider für Lara, dann Matschhosen und Hoodies für ihre Jungs Max und Jonas, einen Softshell-Mantel für sich, Jeans und eine Walkjacke für ihren Mann. Die Sachen gefallen auch den Freunden, und so bekommt sie ihre ersten Aufträge. Inzwischen sind neun Jahre vergangen. Die Familie trägt nur noch Eigenmarke Mama – also „Bibsele“ oder „Funkelfee“. Und Lucia hat den Mut gefasst, ihre Kreativität auszuleben und sich selbstständig zu machen. „Das war ein langer Weg“, gibt sie zu. „Für meine Produkte einen Preis zu verlangen, der sich nicht nur aus Material- und Fixkosten, sondern auch aus einem Stundenlohn für mich zusammensetzt, hat mich echt Überwindung gekostet.“ Sie besucht Coaching-Seminare. Doch vor allem die Kinder und Eltern des Vagener Waldkindergartens machen ihr Mut. Die Kleinen sind begeistert, wenn sie sich die Stoffe für ihre Sachen selbst aussuchen dürfen. Die sind kunterbunt und lustig – mit Dinosaurier, Traktoren, Prinzessinnen oder Einhörnern verziert. Vor allem aber sind sie auf den Leib geschneidert. Die Resonanz ist so positiv, dass Lucia im Januar 2018 ein Gewerbe anmeldet. Im ersten Jahr als Soloselbstständige findet sie ihre eigene Richtung, konzentriert sich auf Freizeit- und Outdoor-Bekleidung für Kinder und Frauen – handgemacht, regional gefertigt und nachhaltig.

Händler unterstützen sich gegenseitig

Sie arbeitet umweltbewusst, bevorzugt fair hergestellte, biologische Rohstoffe, upcycelt alte Jeans zu bunten Spielplatzhosen. 2019 schließlich bietet sie ihre Produkte erstmals auf Märkten an – mit Erfolg. Lucia ist nun eine Marktfrau und fühlt sich wohl dabei. „Die Atmosphäre ist wunderbar. Die Händler helfen sich gegenseitig, ob beim Aufbau der Stände, der Vermarktung oder der Preisfindung für die Waren“, erzählt sie von ihren Erfahrungen. Sie macht sich einen Namen bei den Kunden. Die neue Tätigkeit passt sich perfekt ins Familienleben ein. Sie ist nur am Wochenende unterwegs, wenn ihr Mann Andreas daheim ist und die Kinder betreuen kann. Vom Erlös ihrer ersten Märkte richtet sie sich eine Schneiderwerkstatt ein, investiert in spezielle Nähmaschinen, kauft neue Stoffe und bereitet so die Basis für das dritte Jahr ihrer Selbstständigkeit und das erste, das endlich auch mit einem Plus enden könnte. Doch das ist ausgerechnet 2020, das Jahr ohne Märkte und Volksfeste. Dafür mit Homesitting der Kita-Kinder, Homeschooling und Home- office. Wieder eine neue Herausforderung für die 41-Jährige. Wieder ein neuer Plan, der sich nur mit Talent zum Multitasking umsetzen lässt: „Ich nähe von 7 bis 9 Uhr, danach bin ganz für meine Familie da.“ Staatliche Hilfen beantragt sie nicht, weil sie kaum Fixkosten hat. Doch sie bleibt zuversichtlich, gibt ihre neue Selbstständigkeit trotz der Krise nicht auf. Wie viele andere Markthändler macht sie einen Online-Stand auf, bietet ihre Produkte auf einer Website, auf Facebook und Instagram an und näht vor: Für die Herbstmärkte, die hoffentlich stattfinden.

Selbstständige halten durch: Im Corona-Jahr gehen Gewerbeabmeldungen zurück

357 Menschen haben sich nach Informationen der Handwerkskammer für München und Oberbayern im Jahr 2018 im Rosenheimer Land in einem Handwerksberuf selbstständig gemacht. Erfahrungsgemäß handelt es sich bei etwa der Hälfte von ihnen um Soloselbstständige wie Lucia Spitzmüller. Im Jahr 2019 meldeten 342 Personen ein Gewerbe an. Selbst im Corona-Jahr gab es 314 Mutige, die in die Selbstständigkeit starteten. In der Stadt Rosenheim war ein positiver Trend zu verzeichnen. Hier meldeten im vergangenen Jahr 119 Selbstständige ein Gewerbe an, während es in den Jahren zuvor 108 (2019) und 98 (2018) waren. In ganz Oberbayern war die Zahl der Anmeldungen rückläufig. Waren es 2018 noch 6016 und 2018 noch 6018, wurden 2020 nur 5683 gemeldet. Warum ein Betrieb abgemeldet wird, verrät die Statistik nicht. Es könnte aufgrund eines fehlenden Nachfolgers, Krankheit oder wirtschaftlicher Probleme sein. Dennoch ist es erstaunlich, dass im Rosenheimer Land im vergangenen Jahr trotz der Corona-Krise mit 247 Abmeldungen weniger Selbstständige aufgaben als noch im Jahr zuvor mit 348 oder 299 (2018). In der Stadt Rosenheim wurden während der Krise 99 Gewerbe abgemeldet, während es in den vorangegangenen Jahren 116 (2019) und 109 (2018) waren.

2021er-Hilfe für Soloselbstständige

Mit der „Neustarthilfe“werden Soloselbstständige unterstützt, deren wirtschaftliche Tätigkeit im Förderzeitraum 1. Januar bis 30. Juni 2021 coronabedingt eingeschränkt ist. Damit soll ihre Existenz gesichert werden. Die Neustarthilfe richtet sich dabei insbesondere an Soloselbstständige, die nur geringe betriebliche Fixkosten haben, und für die die Fixkostenerstattung im Rahmen der Überbrückungshilfe III daher nicht in Frage kommt. Für die Berechnung der Neustarthilfe wird der Umsatz im Vergleichszeitraum und Förderzeitraum zugrunde gelegt. Sie beträgt einmalig 50 Prozent, maximal aber 7500 Euro. Sie wird als Liquiditätsvorschuss für die Monate Januar bis Juni ausgezahlt. Ihre Verwendung ist nicht nachzuweisen. Anträge können bis zum 31. August gestellt werden. Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums soll die Auszahlung wenige Tage nach Antragstellung erfolgen.

Artikel 7 von 8