Traunstein – Der Campus Chiemgau in Traunstein gewinnt als innovativer Bildungsstandort des Landkreises, der akademische und berufliche Bildung miteinander verbinden soll, immer mehr an Konturen.
Im Rahmen eines Diskussionsabends mit Kommunalpolitikern und Experten stellte der Informationskreis der Wirtschaft Traun/Alz (IdW) die Bedeutung des Campus für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt Traunstein und der ganzen Region vor.
Junge Leute
stärker binden
Landrat Siegfried Walch ging auf die Vorgeschichte des Campus und die Strategie für die Region ein. Die Wirtschaft sei zum einen „der größte Nutznießer wie auch Antreiber des Projekts“.
Eine Standortanalyse der Industrie- und Handelskammer (IHK) für München und Oberbayern habe 2017 gezeigt, dass die fehlende Nähe zu Forschungs- und Innovationseinrichtungen bei der Unternehmensbefra-gung als einer der schlechtesten Faktoren bewertet wurde. Auch vor dem Hintergrund des akuten Fach-kräftemangels sei die Einrichtung sinnvoll, um junge Leute und engagierte Mitarbeiter stärker an die Region zu binden. Als zukunftsentscheidend schätze der Landkreis zudem die Themen Bildung und Digitalisierung ein, so Walch. 100 Millionen Euro seien seit 2014 in die Bildungsregion investiert worden, weitere 100 Millionen Euro sollen in die Errichtung einer neuen Berufsschule I in Traunstein fließen. Durch das Zusammenspiel von IHK, Handwerkskammer und der Technischen Hochschule Rosenheim auf dem Campus „überwinden wir die Tren-nung von akademischer und beruflicher Bildung“, sagte Walch. Die Schwerpunkte der Studien- und Weiterbil-dungsangebote im Bereich Digitalisierung und Innova-tionsmanagement werde im engen Schulterschluss mit den Bedürfnissen der Firmen erarbeitet. Im Oktober sei das Zertifikatsprogramm „Digitalisierung im Maschinenbau“ gestartet und im kommenden Wintersemester 2022 beginne der Studiengang „E-Commerce“. Als Forschungs- und Förderprojekte sei zudem ein europaweites Zentrum für digitale Innovationen und eine Lern- und Musterfabrik („Chiemgau Cyber Valley Lab“) beantragt beziehungsweise in Planung. Insgesamt sollen 300 Millionen Euro in diese „Speerspitze einer ganzen Region“ investiert werden.
Oberbürgermeister Dr. Christian Hümmer skizzierte die Chancen des Campus Chiemgau für die „neue Hochschulstadt“ Traunstein. Gerade mit Blick auf den Infrastrukturausbau, den demografischen Wandel und die Erweiterung städtebaulicher Achsen vom Stadtplatz über den Bahnhof hinaus biete der neue Bildungsstandort gute Entwicklungsmöglichkeiten. „Der Campus wird den Herzschlag der Stadt beschleunigen“, war sich Hümmer sicher.
Hier hakte Dr. Christoph Prechtl, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), nach.
„Kein Talent darf
verloren gehen“
Angesichts des massiv zunehmenden Fachkräftemangels und hoher Abbrecherquoten in Studium und Ausbildung „dürfen wir kein Talent verloren geben“.
Er plädierte auch für „flexible Bildungsangebote“ von privaten Anbietern. Ebenso wichtig seien regionale Beratungs- und Orientierungsangebote zu optimalen Weiterbildungsmöglichkeiten.
Dr. Birgit Seeholzer, Geschäftsführerin der Chiemgau GmbH Wirtschaftsförderung, zeigte die enge Kooperation zwischen der Hochschule Rosenheim und dem Regionalmanagement des Landkreises auf.
Mit einem Blick auf die Digitalisierungsthemen in den Unternehmen hob sie das Seminar- und Studienangebot des Campus Chiemgau hervor.
In der Diskussion unter Moderation von Dr. Florian Wiesböck, Geschäftsführer des Gründerzentrums Stellwerk 18 in Rosenheim, hob Gerald Rhein, Vorsitzender des Seeoner Kreises, die Bedeutung des Campus für attraktive und zeitgemäße Weiterbildungsangebote für Mitarbeiter und Führungskräfte hervor.
Tobias Jonas, Geschäftsführer des Start-up-IT-Unternehmen InnFactory in Rosenheim, sah im Campus vor allem die Chancen für gute Vernetzung und „ein interessantes Umfeld für Neugründungen“ ähnlich wie in Rosenheim.
Zu Problemfeldern befragt, erklärte Rathauschef Hümmer, die behutsame Integration des neuen Hochschulstandorts mit vielen jungen Menschen und neuer Infrastruktur in die Stadtgesellschaft von Traunstein sei eine „besondere Herausforderung“. Rhein sprach sich dafür aus, „auch die Handwerksbetriebe mitzunehmen“.