Rohrdorf – Auf dem Betriebsgelände des Zementwerks in Rohrdorf entsteht derzeit Deutschlands erste CO2-Abscheideanlage für die Zementproduktion. Der Betreiber des Zementwerks startet das Pilotprojekt, um die Möglichkeiten der Abscheidung von Kohlendioxid und damit eine klimaverträgliche Zementproduktion zu erforschen.
Die Kohlendioxid-Abscheidung sieht man außerdem als einen wichtigen Beitrag zur Energiewende: Durch die Sektor-Koppelung von chemischer Industrie und Zementindustrie soll der abgeschiedene und umgewandelte Kohlenstoff mittelfristig Erdöl und Erdgas in der chemischen Industrie ersetzen., führt Dr. Helmut Leibinger, Leiter der Anlagen- und Verfahrenstechnik bei Rohrdorfer, aus: „Wir müssen beginnen, Kohlendioxid als Wertstoff statt als Problemstoff zu sehen. Der Kohlenstoff im CO2 kann zu Methanol, Ethylen oder Ameisensäure und damit zum Ausgangsstoff für viele Produkte werden, die heute noch auf Erdölbasis hergestellt werden müssen“, sagt Leibinger, und dass Rohrdorfer plant, mit der Innovation ein Partner der Chemieindustrie zu werden, etwa für die Standorte in Burghausen oder Linz. „Mit CO2 als Kohlenstoffquelle kann Deutschland das Klima schützen und zugleich unabhängiger von Erdöl und Erdgas werden. Zudem bleiben die Wertschöpfung und damit auch Arbeitsplätze im Land“, ist Leibinger sicher.
Die Anlage soll bis Ende Juni in Betrieb gehen. Sie wird pro Tag zwei Tonnen Kohlendioxid abscheiden, das der weiteren Verwendung in der regionalen chemischen Industrie zugeführt werden soll. Die Gesamtkosten der Pilotanlage belaufen sich auf drei Millionen Euro.
Das Fundament für die Anlage auf der Südseite des Zementwerks steht bereits. Auf rund 30 Quadratmetern entsteht ab Mitte März eine 25 Meter hohe Pilotanlage für die CO2 -Abscheidung. Eine weitere Anlage an einem Rohrdorfer-Standort ist bereits in Planung.
Die Anlagen werden in Zusammenarbeit mit der Andritz Gruppe errichtet. Der österreichische Spezialist für Anlagen- und Maschinenbau verfügt über eine langjährige Expertise beim Bau von Kohlendioxid-Abscheidern in Kohlekraftwerken. In der Pilotanlage werden die technischen, qualitativen sowie wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Abscheidung und Umwandlung getestet. Bisher gibt es dazu ausschließlich Erfahrungswerte aus Anlagen, die in der Kohleverstromung eingesetzt werden. Sobald der Abscheidevorgang ausreichend getestet ist, erweitern Rohrdorfer Ingenieure und Konstrukteure die Anlage, um aus dem abgeschiedenen Kohlendioxid Ameisensäure zu produzieren. Voraussichtlich wird das im Herbst möglich sein. Bereits seit Juli vergangenen Jahres testet Rohrdorfer die Gewinnung von Ameisensäure aus Kohlendioxid im unternehmenseigenen Labor, um für die Produktion in der Pilotanlage optimal gerüstet zu sein. Aus den zwei Tonnen CO2, die in der Anlage pro Tag abgeschieden werden, können etwa 1800 Liter Ameisensäure gewonnen werden. Diese wird zum Beispiel an Chemiewerke in der Region geliefert und dient als Basis für Produkte wie Reinigungs-, Desinfektions- oder Enteisungsmittel.
Die Ergebnisse des Pilotprojekts sind für Rohrdorfer ein wichtiger Schritt, um das Ziel der deutschen Zementindustrie, bis 2050 klimaneutralen Zement zu produzieren, zu erreichen. Bereits 2022 wird am Standort Rohrdorf Zement mit 45 Prozent weniger CO2 als 1990 hergestellt. Bis 2030 soll eine Reduktion um 65 Prozent gelingen. Die restlichen 35 Prozent können nur durch Abscheidung reduziert werden.