Burghausen – Es kommen große Veränderungen auf Burghausen und die Region zu. Um Bürgern einen Überblick über die Gründe und die Notwendigkeit anstehender Großprojekte zu verschaffen, lud die Stadt Burghausen zu einem „Energiegipfel“ im Stadtsaal. Rund 500 Besucher folgten der Einladung und fanden sich kürzlich im Stadtsaal ein.
„Industrie und Landschaft werden sich verändern“, sagte Burghausens Bürgermeister Florian Schneider (SPD) zum Auftakt. Das verunsichere die Bürger und sorge für Emotionen. Doch nun werde sich zeigen, wie zukunftsfähig die Region ist – und wie es mit Wohlstand und Arbeitsplätzen weitergeht.
Industrie braucht
deutlich mehr Strom
Als erster Referent sprach Dr. Bernhard Langhammer. „Wir leben in einer Zeit der Fake News“, sagte der Sprecher von „Chem Delta“, einer gemeinsamen Initiative von 18 Unternehmen im Bayerischen Chemiedreieck. „Deswegen ist es wichtig, die Hintergründe zu verstehen.“ Strom sei ein relevanter Bestandteil der Industrie und der Bau der Wasserkraftwerke in der Region habe die Geburtsstunde des Chemiedreiecks eingeläutet. Die inzwischen drittgrößte Chemieregion Deutschlands setze mehr als zehn Milliarden Euro um und beschäftige 20000 Menschen. Diese Arbeitsplätze seien aber direkt von der globalen Wirtschaft abhängig.
„Die Produkte, die hier hergestellt werden, tragen zur Lösung von Zukunftsfragen bei“, so Langhammer. „Jeder zweite Computerchip der Welt enthält Silicium aus Burghausen.“ Der Weg zur Klimaneutralität stelle eine große Herausforderung dar, denn das vom Freistaat Bayern gesetzte Ziel, bis 2040 klimaneutral zu werden, erfordere rasches Handeln. „Die Industrie braucht dafür deutlich mehr klimaneutralen Strom.“ Große Hoffnung setze die Industrie daher nun auf Wasserstoff.
Stefan Henn, Leiter der Energieversorgung des Wacker-Standorts Burghausen, hob das unternehmenseigene Ziel hervor, die Treibhausgasemissionen des Unternehmens bis zum Jahr 2030 zu halbieren und bis 2045 klimaneutral zu sein. Wacker hänge allerdings stark vom Strompreis ab und fordere von der Politik einen Industriestrompreis oder „eine sehr klare Förderung“.
Wichtig sei aber vor allem der grüne Strom. Dafür müssten die Genehmigungsverfahren unbedingt schneller werden. Daneben erfordere die Transformation auch den Anschluss an ein überregionales Netz von Wasserstoff-Pipelines.
Weil sich der Stromverbrauch des Chemiedreiecks bis 2050 mehr als verdoppeln soll, spielen auch Stromleitungen eine große Rolle. Markus Lieberknecht, Pressereferent des Stromnetzbetreibers TenneT, stellte in diesem Zusammenhang das Projekt 474 vor: Die Netzausbaupläne sehen den Bau eines neuen Umspannwerks zwischen dem Wacker-Werk und Haiming sowie eine zweite 380-Kilovolt-Leitung zwischen Burghausen und Simbach vor. Erst wenn die Flächen für die Umspannwerke in Burghausen und Simbach ständen, könne der Verlauf der zweiten Hochspannungsleitung bestimmt werden, erklärte er. Für das Werk bei Burghausen müsse mit 20 bis 30 Hektar gerechnet werden. Man gehe aktuell auf Kommunen und Eigentümer zu, um einen geeigneten Standort zu finden.
Prof. Dr. Frank Messerer vom Bayerischen Wirtschaftsministerium hob die Grundprämissen für ein klimaneutrales Bayern hervor: Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit, Nachhaltigkeit und Akzeptanz. Die erneuerbaren Energien müssten nun massiv ausgebaut werden, um die gesetzten Ziele zu erreichen, dazu brauche es einen Ausbau der Strominfrastruktur. Für den Ausbau eines Wasserstoff-Netzes würden neue Pipelines gebaut oder zuvor verwendete umgewidmet werden. Der Wegfall von Atomkraftwerken schaffe aber weiteren Bedarf.
Wunsch nach mehr
Rückendeckung
Die Kraftwerksstrategie der Bundesregierung sieht nun die Ausschreibung von Wasserstoff (H2) geeigneten Gaskraftwerken mit zehn Gigawatt vor, die bis spätestens 2040 auf H2-Betrieb umsteigen sollen – und eines davon könnte in die Region kommen: Als möglicher Standort für ein neues Gaskraftwerk war bereits früher das Industriegebiet Soldatenmais zwischen Haiming und Burghausen im Gespräch.
Nach der Podiumsdiskussion, bei der Bürgermeister Florian Schneider ausdrückte, dass er sich mehr Rückendeckung und Kommunikation von der Politik wünsche, war auch Zeit für Fragen von den vielen Besuchern. Die kurze Frage-Antwort-Runde verlief friedlich und bis auf ein paar negative Äußerungen reagierte das Publikum recht unaufgeregt: Die vielen Veränderungsankündigungen ließen so manchen wohl eher sprachlos werden. Auf dem Weg aus dem Saal fasste einer der Besucher seinen Eindruck in einem treffenden Satz zusammen: „Es ist Wahnsinn, wie komplex das alles ist.“