Wenn Konkurrenten zusammenarbeiten

von Redaktion

Ausbildungsnetzwerk reagiert schnell und zeitnah auf Entwicklungen in der IT-Branche

Rosenheim/Traunstein – Die IT-Branche entwickelt sich rasend schnell weiter. Gerade der Bereich um die künstliche Intelligenz bringt regelmäßig Neuigkeiten mit sich. Um mit dem aktuellen Fortschritt mithalten zu können, sind die Unternehmen auch auf gut ausgebildete junge Arbeitnehmer angewiesen.

Die Ausbildung dieser neuen Arbeitskräfte erfolgt wie bei den meisten Berufen in einer Mischung aus der Ausbildung in den Unternehmen und Unterricht in den Berufsschulen. Der Lehrplan der Berufsschulen hinkt der schnellen Entwicklung aber oft stark hinterher. Hier kommt das Ausbildungsnetzwerk von Rosik e.V. ins Spiel, einer Rosenheimer Initiative zur Förderung der Informations- und Kommunikationstechnik.

Lehrpläne hinken hinterher

„Die Rahmenlehrpläne, die die Schulen verwenden, waren bei unserem ersten Treffen mit der Berufsschule Mitte 2019 noch aus dem Jahr 1997”, sagt Julia Doetsch vom IT-Unternehmen itelio GmbH in Kiefersfelden. Mittlerweile gibt es seit Dezember 2019 neue Pläne. „Das mag für Ausbildungsberufe legitim sein, deren Anforderungen sich nicht so rasant wandeln, wie jene in der IT-Branche. Wir brauchen aber einen flexiblen Gestaltungsrahmen, in dem auch neue Technologien, wie zum Beispiel Cloud-Themen, geschult werden.”

Um herauszufinden, ob es anderen Firmen ähnlich geht, hat sich Julia Doetsch an den Rosenheimer Verein Rosik gewendet.

Rosik bietet mit seiner Initiative zur Förderung der Informations- und Kommunikationstechnik eine Branchenplattform für IT-Unternehmen in der Region Rosenheim. „Nachdem itelio auf mich zugekommen ist, habe ich mich im Netzwerk umgehört, anderen Ausbildungsbetrieben ging es genauso”, sagt Alexander Dalzio, Geschäftsführer von Rosik.

„Die Schulen können das gar nicht leisten in dieser Geschwindigkeit, wie sich die IT-Wirtschaft fortentwickelt, wichtige Themen, die im Berufsalltag gefordert werden, komplett zu schulen und abzudecken.“ Also wurde Kontakt zur Berufsschule in Traunstein gesucht, die sofort bereit war, in den Dialog zu treten. „Das war der Auftakt zu dem Ausbildungsnetzwerk.”

Das Projekt des Ausbildungsnetzwerkes wurde im Schuljahr 2021/2022 gestartet. Im Verbund der IT-Wirtschaft unterstützt Rosik die Staatliche Berufsschule I in Traunstein durch Praxis-Projekte, Workshops, Fachvorträge und themenspezifische Beratungstätigkeit.

Dabei engagieren sich unter anderem IT-Unternehmen, deren Auszubildende die Berufsschule Traunstein besuchen, ehrenamtlich, um moderne Inhalte an Schüler zu vermitteln, die im Rahmen des Lehrplans noch keine oder kaum Berücksichtigung finden, in der IT aber zunehmend an Bedeutung gewinnen. Beispiele hierfür sind Cloud-Development und IT-Security. Die Projekte, Vorträge und Workshops werden thematisch passend in den Stundenplan aller Jahrgangsstufen der Klassen zehn bis zwölf integriert und sollen fester Bestandteil werden. Zudem will das Netzwerk der Berufsschule fortlaufend beratend zur Seite stehen, sei es als fachlicher Ansprechpartner, Praxispartner oder als Dozent für fachspezifische Themen, die in neuen Ausbildungsordnungen gefordert sind.

Langer Atem
erforderlich

Völlig lösen vom Lehrplan kann sich die Schule nicht. Das darf sie auch gar nicht. „Man braucht einen langen Atem”, sagt Julia Doetsch. Es gäbe aber an der Berufsschule in Traunstein Lehrer, die für die neue Idee sehr empfänglich seien.

„Es gibt Personen, die treiben das mit uns sehr intensiv voran. Bis zu dem Punkt, wo wir sagen, wir haben jetzt aktuell schon eine Lösung erarbeitet, die für uns wirklich schon im Ansatz sehr zufriedenstellend ist.”

Optimierungsbedarf sei nach wie vor da, aber da sich das Netzwerk bereits seit 2019 kontinuierlich mit dem Thema beschäftige, konnten auch immer mehr Partner für das Projekt gewonnen werden. Nicht nur für die Firmen, die mithilfe des Projekts künftig besser und umfangreicher ausgebildete Mitarbeiter bekommen, sondern auch für die Berufsschule ist die Zusammenarbeit mit den Firmen eine gute Sache. „Die Zusammenarbeit mit dem Netzwerk Rosik wird von uns durchwegs als positiv bewertet”, sagt Wolfgang Kurfer, der Schulleiter der Staatlichen Berufsschule I in Traunstein auf OVB-Anfrage. Das oberste Ziel der Schule sei es, die Schüler zeitgemäß und aktuell zu unterrichten, in Ergänzung der betrieblichen Ausbildung. „Das Engagement der teilnehmenden, ausbildenden Firmen und natürlich insbesondere von Frau Doetsch wirkt sich damit sehr vorteilhaft auf die Möglichkeiten der Wissensvermittlung sowohl für unsere Schüler, die vor allem Auszubildende der teilnehmenden, aber auch der anderen Firmen sind, als auch für uns Lehrer aus”, so der Schulleiter.

Ursprünglich war geplant, bei eventuelle Lücken im Lehrplan zu bestimmten Themen oder bei der Unterstützung zu bestimmten Technologien Fachkräfte aus der Wirtschaft in die Schule zu entsenden. Sei es in Form eines Workshops oder eines Vortrags.

„Mittlerweile hat sich das ausgeweitet”, sagt Julia Doetsch. „Lehrer kommen zu uns in die Betriebe und schauen sich einen Tag lang an, wie man aktuell mit welchen Technologien arbeitet. So haben sie die Möglichkeit, das hautnah miterleben zu können.” Schulleiter Kurfer ist davon sehr angetan. „Selbstverständlich werden die uns gebotenen Möglichkeiten im Kollegium gerne angenommen und genutzt. Als Schulleiter bin ich dafür außerordentlich dankbar und unterstütze jederzeit und gerne die Teilnahme meiner Kolleginnen und Kollegen an diesem Angebot.”

Auf Drei-Jahres-Zyklus

ausgelegt

Ein Angebot, von dem viele profitieren. „Was mir gefällt ist, dass es eine Hands-on-Sache ist, die es wirklich wert ist”, sagt Alexander Dalzio. „Dabei werden ja auch uneigennützig die Mitarbeiter der Wettbewerber ausgebildet. Es wird also über den Tellerrand des eigenen Unternehmens hinaus geschaut, um unsere Region und unseren Wirtschaftsstandort zu fördern.” Konkurrierende Firmen ziehen gemeinsam an einem Strang. Firmen wie itelio in Kolbermoor arbeiten hier gemeinsam mit Firmen wie der ACP IT in Kolbermoor oder White Duck in Rosenheim zusammen, die eigentlich im Wettbewerb miteinander liegen. „Wir arbeiten da zusammen, und das klappt auch einwandfrei”, sagt Doetsch. „Weil alle wissen, dass von einer höherwertigen Ausbildung der gesamte Markt profitiert.”

Projekt wird fortgesetzt

Ursprünglich war das Projekt auf einen Drei-Jahres-Zyklus ausgelegt, um die Schüler von der zehnten bis zur zwölften Klasse zu betreuen. In diesem Zyklus soll es sich auch weiterhin wiederholen. „Die Fortsetzung und Intensivierung der Zusammenarbeit mit diesem Ausbildungsnetzwerk versteht sich damit von selbst”, so Schulleiter Kurfer. Das Einzugsgebiet der Berufsschule umfasst die Landkreise Traunstein, Rosenheim, Mühldorf, Altötting und Berchtesgadener Land sowie die kreisfreie Stadt Rosenheim. Damit decke man sich mit dem Anspruch der Rosik, den südostbayerischen Raum anzusprechen und zu vertreten, sodass man von einer Win-Win-Situation für alle Beteiligten sprechen kann, so Kurfer.

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