„Für mich war das kein Zustand“

von Redaktion

Interview Wie Marcus Burghardt vom Tour-de-France-Fahrer zum Eventmanager wurde

Rosenheim/Samerberg – 20 Jahre auf der großen Radsportbühne, elf Tour-de-France-Teilnahmen sowie zahlreiche Eintages-Klassiker stehen im Lebenslauf von Marcus Burghardt. Der ehemalige Radprofi vom Samerberg fuhr auf höchstem Niveau für Teams wie T-Mobile, BMC und Bora-hansgrohe, bis ihn 2021 eine Verletzung am Handgelenk ausbremste.

Wenige Monate später erklärte er seinen Rücktritt und erarbeitete das Konzept für „Shades of Speed“. Eine Radrundfahrt für Hobbysportler, die mittlerweile Tausende Sportler in die Region lockt. Im OVB-Interview spricht Burghardt darüber, wie er den plötzlichen Umbruch erlebte, was ihn antreibt und wie sehr er seine Zeit als Profi vermisst. 

Im Frühjahr 2022 erklärten Sie Ihren Rücktritt. Im September desselben Jahres fuhren Sie mit rund 1000 Hobbyfahrern die erste Rundfahrt durch Rosenheim. Scheint, als wäre Ihnen der Abschied aus dem Profisport leicht gefallen.

Der Wechsel war extrem schnell, das stimmt. Aber eigentlich habe ich schon aufgehört, als ich so schwer gestürzt bin. Das war Mitte August 2021. Danach habe ich gefühlt eine ewig lange Reha-Phase gemacht, gut ein halbes Jahr. Schon währenddessen habe ich gemerkt, dass ich irgendwas anderes gebraucht habe. 

Und da konnten Sie den Schalter direkt umlegen?

Für mich war das kein Zustand. Du kommst aus dem Sport und hast jeden Tag deine Planung. Du hast eine Struktur und die war von heute auf morgen weg. Die einzige Struktur, die ich hatte, war früh, mittags, abends bei der Ergotherapie pünktlich zu erscheinen. Das war es. Ich habe irgendwas gesucht, bei dem ich mich abarbeiten kann. 

Brauchen Sie das?

Ich glaube, als Sportler brauchst du das, ja. Da bist du kein ruhiger Mensch, der irgendwo auf dem Sofa sitzen kann, sondern da muss sich was bewegen. Es ist mir deshalb auch nicht so leicht gefallen, die Karriere zu beenden, wie es vielleicht scheint. Ich war Radsportler, seit ich zehn Jahre alt bin, mit viel Leidenschaft und Erfolg. Ich habe es vermisst, auf der großen Bühne unterwegs zu sein. Aber auf der anderen Seite war es doch irgendwie eine Befreiung.

Inwiefern?

Ich war in einer Phase der Ungewissheit. Die Ärzte haben erst noch gesagt: „Das wird schon wieder“. Ich aber habe null Fortschritte gesehen. Dann habe ich gesagt: „Okay, jetzt ist Schluss, aus, das wird jetzt nichts mehr und etwas Neues beginnt.“ 

Vermissen Sie den Profisport?

Mit etwas Abstand bin ich ganz weit entfernt zu sagen, ich mag wieder da rein. Der Sport ist so rasant geworden, so hochprofessionell, so überwacht. Ich habe damals noch viel Spaß gehabt, hatte nebenbei noch Zeit für Freunde und Familie. Die Rennfahrer heutzutage haben das nicht mehr. Da geht es von einem Trainingslager zum nächsten Rennen. Dazu kommt die Geschwindigkeit, es wird ja immer schneller gefahren und das ist ein enormes Risiko. Erst recht, wenn man eine Familie zu Hause hat.

Also mittlerweile lieber Eventmanager?

So könnte man mich mittlerweile nennen. Wobei ich am Anfang keine Ahnung davon hatte. „Shades of Speed“ ist mittlerweile viel größer geworden, als ich es jemals gedacht hätte. Meine Idee war eigentlich nur, allen, die während meiner aktiven Zeit mit mir fahren wollten, die Möglichkeit dazu zu geben. Aber dass sich da direkt 1000 Leute anmelden, hätte ich niemals gedacht. Ich bin eben kein studierter Eventmanager, sondern gehe einfach hin und sage: „Das machen wir jetzt.“ Ohne zu bedenken, was alles dran hängt. 

Zum Beispiel?

Dass 1000 Leute auch einen Platz brauchen, um auf die Toilette zu gehen. Oder dass sich viele über eine Finisher-Medaille im Ziel freuen. Natürlich dann auch so etwas wie Genehmigungen oder Absperrungen. Zum Glück habe ich mittlerweile ein Team, auch wenn wir nach wie vor nur zu viert sind.  Aber wenn es so weitergeht, muss ich sicher darüber nachdenken, das Team zu vergrößern. 

Weil die Radtour immer größer wird?

Auch das. Wir planen außerdem für 2026 noch eine weitere Veranstaltung, allerdings nicht in der Region, sondern weiter im Norden. Aber auch „Shades of Speed“ wird immer mehr Aufwand. Mittlerweile haben wir den Warm-up, Gravel und Familientag, dazu sechs Hauptstrecken und in diesem Jahr auch noch ein Konzert mit dem „Oimara“. Das wird seit dem Hit „Wackelkontakt“ auch noch mal größer, als wir dachten. 

Scheint, als hätten Sie ein Händchen für die Eventbranche?

Im Fall von „Wackelkontakt“ war viel Glück dabei. Was den Erfolg der Rundfahrt angeht, haben wir aber auch den Vorteil gegenüber von Vereinen, dass wir das ein Jahr lang planen und uns voll darauf konzentrieren können. Das können die oft ehrenamtlich aktiven Organisatoren gar nicht so aufbauen. Die überlegen sich zum Beispiel sicher nicht, wann ein Post auf Instagram sinnvoll ist oder reden mit so vielen verschiedenen Sponsoren.

Helfen da auch die Kontakte aus der Radprofi- Zeit?

Natürlich ist es hilfreich, dass ich einige kenne. Oder zumindest jemanden kenne, der wieder einen kennt. Sonst würde das gerade bei größeren Firmen gar nicht funktionieren. 

Über Ihre Profi-Zeit kamen auch schon einige bekannte Gesichter aus dem Sport wie Biathlet Simon Schempp oder Sprinter Andre Greipel. Ist das auch ein Faktor, warum sich Hobbysportler zu der Rundfahrt anmelden?

Eigentlich nicht. Ich würde sagen, die meisten, die sich anmelden, kennen mich oder irgendjemanden aus anderen Sportarten überhaupt nicht und das ist auch vollkommen in Ordnung. Die meisten kommen wirklich wegen der Veranstaltung. Vielleicht, weil jemand vom Pizzaofen bei einer Verpflegungsstation oder von den 300 Kilometern erzählt hat. 

Verfolgen Sie den Radsport noch aktiv?

Wenig, ich habe noch Kontakt mit Andre Greipel. Das ist ein guter Freund von mir. Aber die aktiven Rennfahrer leben in ihrer eigenen Blase, sie haben ihre eigenen Probleme. Und ich hätte auch keinen direkten Gesprächsstoff. Du kannst über die Rennen reden, das ist schön und gut. Aber sonst bist du da einfach zu weit weg.

Wie sehen Sie den Radsport in Deutschland aktuell aufgestellt?

Es ist in der Spitze etwas mau. Wir haben keinen Kittel, keinen Greipel mehr. Und Talente wie Lennard Kämna konnten aufgrund von Verletzungen auch nicht ihr ganzes Potenzial ausreizen. Florian Lipowitz ist ein vielversprechendes Talent. Aber auch da bin ich vorsichtig. Es wurden schon viele als neuer Jan Ulrich verschrien und ein paar Jahre später waren sie weg. 

Interview: Korbinian Sautter

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