Rosenheim – Yvonne Campos und Thomas Gebert sind als Bildungsberater Industrie- und Handelskammer (IHK) jeden Tag mit Problemen aus den Betrieben in der Region Rosenheim konfrontiert. Egal, ob es um rechtliche Fragen oder persönliche Angelegenheiten in der Ausbildung geht. Die beiden haben fast immer eine Antwort. Im Interview mit dem OVB geben sie einen Einblick in ihren Alltag, haben Tipps für den perfekten Einstieg in die Ausbildung und erzählen, warum sie oft als „Problemlöser“ bezeichnet werden.
Wie sieht ein normaler Tag in der Bildungsberatung aus?
Campos: Einen normalen Tag gibt es im klassischen Sinne nicht. Natürlich haben wir unsere Abläufe, aber es kommt immer darauf an, wer mit welchen Problemen zu uns kommt. Grundsätzlich sind wir erst einmal die Ansprechpartner für alles, was mit der IHK und der dualen Berufsausbildung zu tun hat. Dabei arbeiten wir viel über Informationen und direkte Gespräche. Deshalb haben wir auch mindestens einen Tag pro Woche, an dem wir unterwegs sind, um vor Ort bei den Betrieben sein zu können.
Was ist der Unterschied zum klassischen Berufsberater, wie man ihn von der Agentur für Arbeit kennt?
Gebert: Der größte Unterschied liegt darin, dass wir nicht die Anlaufstelle sind, an die sich Arbeitssuchende wenden, um wieder eine Arbeit zu finden.
Vielmehr beraten wir sowohl die Ausbildungsbetriebe als auch die Auszubildenden bei ihren Fragen. Das kann rechtliche Fragen betreffen oder auch interne Probleme bei der Ausbildung, die zwischen den Azubis und dem Betrieb aufkommen.
Campos: In solchen Fällen oder auch, wenn der Ausbildungsvertrag schon gekündigt ist, unterstützen wir die Jugendlichen, um sich gegebenenfalls umzuorientieren und den passenden Weg für sich zu finden. Wir beraten zu alternativen Ausbildungsberufen und vermitteln in Sonderfällen. Zum Beispiel, wenn ein Unternehmen in die Insolvenz gerutscht ist. Denn die Ausbildung soll auf jeden Fall fortgeführt werden.
Mit welchen Erwartungen kommen die Menschen zu Ihnen?
Campos: Ich glaube, da kann ich für mich und meinen Kollegen sprechen, wenn ich sage, dass wir für viele das Wort „Problemlöser“ auf der Stirn stehen haben. Wir erleben es immer wieder, dass wir gerufen werden, wenn die Betriebe selbst nicht mehr weiter wissen. Meistens ist dann aber schon einiges passiert und wir müssen erst einmal versuchen, die Ausgangslage zu verstehen.
Zum Beispiel?
Zum Beispiel, wenn es Probleme in der Ausbildung gibt. Überspitzt formuliert: Wenn die dritte Abmahnung schon erteilt wurde und der Ausbildungsvertrag kurz vor der Auflösung steht. Dann fällt es schwer, noch einen Kompromiss beziehungsweise eine sinnvolle Lösung für alle Beteiligten zu finden.
Gebert: Das stimmt. Manchmal ist die Erwartung: „Wir haben ein Problem, löst es bitte, und zwar möglichst sofort.“ In solchen Fällen suchen wir zunächst den Austausch. Unserer Erfahrung nach hilft es schon enorm, alle Beteiligten an einen Tisch zu bekommen, um über die Probleme zu reden. Welche Maßnahmen dann sinnvoll sind, ergibt sich oft erst im Gespräch.
Sehen Sie sich denn selbst als Problemlöser?
Campos: In gewisser Weise stimmt das schon. Aber wie schon gesagt, geht es zunächst mehr um Vermittlung und Kommunikation. Wir möchten Hilfe zur Selbsthilfe geben. Oft kommen dann die Gründe für die Schwierigkeiten in der Ausbildung erst zum Vorschein.
Was sind diese Gründe, mit denen Sie konfrontiert werden?
Gebert: Da gibt es viele und das ist auch wieder branchenabhängig. Das können rechtliche Fragen sein, wenn es zum Beispiel um den Ausbildungsvertrag geht. Aber es gibt auch falsche Erwartungen an den Beruf. Bei Auszubildenden aus dem Ausland müssen zudem gewisse Sprach- oder Kulturbarrieren gemeistert werden.
Werden in der Region Rosenheim mehr Arbeiter aus dem Ausland gebraucht als zum Beispiel noch vor fünf Jahren?
Gebert: Durchaus. Auch da kommt es ein wenig auf die Branche an. Grundsätzlich macht sich der Fachkräftemangel überall bemerkbar. In manchen Bereichen wird es aber für die Betriebe zunehmend schwieriger, ausreichend Azubis vor Ort für ihre Ausbildungsberufe zu begeistern.
Campos: Das bringt auch für uns neue Herausforderungen mit sich. Zum Beispiel bekommen einige Auszubildende ihre Aufenthaltsgenehmigung erst im Frühjahr. Die Ausbildung startet aber schon im September des Vorjahres. Dann noch mit der Sprache zurechtzukommen, ist nicht leicht.
Geraten dann auch Sie von der Beratungsstelle an ihre Grenzen?
Campos: Was die Aufenthaltsgenehmigung angeht, sind die Unternehmen auf die Unterstützung der Ausländerbehörden angewiesen. Aber unsere Aufgabe ist es auch, an andere Stellen zu vermitteln.
Gebert: Wir merken zum Beispiel, dass die psychische Belastung, spätestens seit der Corona-Pandemie, ein deutlich größeres Thema geworden ist. Dafür kennen wir beispielsweise die Anlaufstellen für professionelle psychologische Hilfe und können den Kontakt dorthin vermitteln.
Was sind Ihre besten Tipps für einen gelungenen Start in den Beruf oder die Ausbildung?
Campos: Frühzeitig informieren, was es für Möglichkeiten gibt, und die eigenen Interessen gezielt verfolgen. Am besten ist es, schon einen kurzen Einblick in die Branche oder einen konkreten Betrieb zu bekommen. Betriebsbesichtigungen und vor allem Schnupperpraktika bieten sich dafür bestens an.
Wir sehen immer wieder, wie Schüler und junge Erwachsene dabei feststellen, ob ein gewisser Beruf oder Betrieb zu ihnen passt. Das ist sehr viel wert.
Gerbert: Und falls es zu Problemen kommt, hilft es meiner Erfahrung nach immer, so früh wie möglich miteinander zu reden. Ein offenes Gespräch ist immer besser, als wenn sich die Fronten verhärten und irgendwann keine Kommunikation mehr möglich ist.
Interview: Korbinian Sautter