Edling/Gars/Mühldorf/Altötting – Kaum ein Rohstoff wird in derart großen Mengen nachgefragt wie Sand. Laut dem WWF werden rund 50 Milliarden Tonnen weltweit pro Jahr benötigt. Somit sei Sand der zweitmeiste verbrauchte Rohstoff nach Süßwasser. Rund zwei Drittel des fein geriebenen Kieses werde für die Baubranche gebraucht.
Auch in Deutschland sei die Nachfrage aus regionalen Kiesgruben aufgrund des anhaltenden Baubooms nach wie vor hoch. „Für ein Einfamilienhaus benötigt man etwa 200 Tonnen Sand“, so der WWF. Auch wenn der Rohstoff endlich ist und die Vorkommen weltweit schrumpfen, geben Kiesgrubenbesitzer aus den Landkreisen Rosenheim und Mühldorf Entwarnung. Sie würden vielmehr vor bürokratischen Hürden stehen und müssten gegen Vorurteile ankämpfen.
In Münchner
Schotter-Ebene
Vor über 40 Jahren haben Rudolf und Peter Adler das Kieswerk „Gebrüder Adler“ in Edling von ihrem Vater und Onkel übernommen. Rund 70000 Kubikmeter Sand verkauft das Unternehmen laut Rudolf Adler pro Jahr. Das entspricht etwa der Ladung, die 6200 Drei-Achs-Kipper transportieren können. Vom „Sandkasten bis zur Großbaustelle“ beliefere das 40-köpfige Unternehmen seine Kunden. Das meiste werde jedoch als Transportbeton, also als bereits gemischter Beton, verkauft, so Adler.
Dass der Sand in der Region knapp wird, befürchtet Adler nicht. „Wir befinden uns in der sogenannten Münchner Schotter-Ebene. Unter der Erde hier befindet sich fast überall Sand“, erklärt der 65-Jährige. Für die Baubranche bedeutet das, dass derzeit noch genügend Sand für Bauprojekte in der Region vorhanden ist.
Dennoch gibt es auch hier Probleme, wie zum Beispiel die vielen bürokratischen Auflagen, erklärt der Edlinger. Neben einer Reihe von Anträgen brauche es beispielsweise auch ein hydrologisches und geologisches Gutachten sowie eine „Arten-rechtliche Prüfung“. Die Kosten dafür bewegen sich laut Adler im hohen vierstelligen bis fünfstelligen Bereich pro Gutachten und kosten viel Zeit. Erst vergangenes Jahr habe das Unternehmen die Bestätigung für eine Erweiterung der bereits zehn Hektar großen Kiesgrube um etwa vier Hektar bekommen, erklärt der 65-Jährige.
Das bestätigt auch Martin Schwarzenbeck, der mit Otto und Sebastian Schwarzenbeck das Bauunternehmen und Betonwerk Martin Schwarzenbeck & Co. aus Gars leitet. Er ergänzt, dass zu den vielen Gutachten im Vorhinein auch während und nach dem Kiesabbau strenge Auflagen erfüllt und dokumentiert werden müssten.
Beispielsweise müsse ein jährlicher Bericht inklusive Karten zum aktuellen Abbaustand bei der Genehmigungsbehörde eingereicht werden, erklärt Schwarzenbeck. Das Unternehmen in Gars verkauft laut dem Inhaber rund 25000 Tonnen Sand pro Jahr und beschäftigt rund 80 Mitarbeiter.
Bei der Suche nach Abbaugebieten finde Schwarzenbeck immer wieder Flächen, die von ihren Besitzern verkauft werden – sofern sie nicht dringend für die Landwirtschaft benötigt würden. Für Adler aus Edling sei das oft schwieriger. „Nicht alle Landwirte wollen ihre Wiesen für eine Kiesgrube verkaufen“, sagt er.
Auch das Unternehmen Inn-Kies, das Abbaugebiete in Mühldorf und Altötting betreibt, stößt bei der Erweiterung einer Kiesgrube auch auf Widerstand, erklären die beiden Geschäftsführer Thomas Wolfmeier und Christian Fiederer. „Früher konnten wir oft Flächen von Landwirten, die ihren Betrieb einstellten, abkaufen. Heute gibt es mehr Vollerwerbs-Bauernhöfe. Für sie sichern ihre Felder ihre Existenz“, erklärt Wolfmeier die sinkende Bereitschaft, zu verkaufen. Das Unternehmen Inn-Kies betreibt laut eigenen Angaben drei Kieswerke sowie acht Kiesgruben und beschäftigt rund 35 Personen.
Sowohl Wolfmeier als auch Fiederer sei bewusst, dass eine Kiesgrube Lärm, Staub und Dreck verursache. Dennoch sei der Abbau unvermeidbar, da der Rohstoff Sand dringend benötigt werde und in der Region vorhanden sei. „Das ist eigentlich Deutschlands einziger Rohstoff“, verdeutlicht Fiederer. Sand und Kies würde für den Straßen- und Brückenbau, zum Hausbau oder zur Aufschüttung von Untergrund gebraucht, erklärt Wolfmeier.
Das bestätigt auch Rudolf Adler aus Edling. Kies-Abbau würde zudem oft als negativ und „ausbeuterisch“ dargestellt, ergänzt er. „Naturschutz wird uns oft gar nicht zugetraut“, berichtet Adler.
Dem Edlinger ist bewusst, dass durch den Hummus-Abtrag erst einmal der Lebensraum der dort ansässigen Tiere verloren gehe, durch die steilen Wände und das Kiesbett am Boden entstehe jedoch neuer Platz für Pionier-Arten und bestimmte Vögel, wie den Flussregenpfeifer oder Uferschwalben, so Adler. Für den Edlinger gehört eine Kiesgrube zur Kulturlandschaft dazu.
Renaturierung
in vielen Bereichen
Wie es nach dem Abbau von Sand mit einer Kiesgrube weitergehe, sei außerdem bereits in der Genehmigung festgeschrieben. „Wir renaturieren beispielsweise bereits einen Teil der aktuellen Kiesgrube als Landschaftssee“, erklärt der Edlinger.
An anderer Stelle ist aus einer alten Kiesgrube der Veranstaltungsort „Am Stoa“ in Edling entstanden. Wiederum andere seien mit Bodenmaterialien aus einem Neubaugebiet aus dem Wasserburger Stadtteil Burgau wieder aufgefüllt worden. „Heute ist hier eine normale Wiese zu sehen“, berichtet Adler.
Auch Martin Schwarzenbeck aus Gars verweist auf den Lebensraum für „seltene und geschützte Arten auf Flächen, auf denen vorher intensive Landwirtschaft“ betrieben worden sei. Außerdem würden durch den Kiesabbau vor Ort weite Transportstrecken vermieden werden, so Schwarzenbeck.