„Wollen 10000 Studierende bei uns“

von Redaktion

Interview Präsident Heinrich Köster blickt auf 100 bewegte Jahre TH Rosenheim zurück

Rosenheim – Von der Bewerbung mit einer Postkarte bis zum brandneuen Technologiepark. Kaum jemand kennt die Geschichte der Technischen Hochschule (TH) so gut wie Professor Heinrich Köster. Denn schon in den 1970er-Jahren war der heutige Präsident selbst einer von damals 400 Holztechnikstudenten. Anlässlich des 100-jährigen Bestehens beschreibt Köster die Historie der TH und was passieren muss, um auch künftig vor allem international mithalten zu können.

Das Jahr 1925 haben wohl die wenigsten von uns miterlebt. Können Sie mir dennoch etwas über die Anfänge in Rosenheim berichten?

Wenn man die Geschichte der holztechnischen Ausbildung in Rosenheim rekapituliert, dann gab es 1925 einen regionalen Unternehmer namens Hugo Laue, der unter anderem das Rosenheimer Sägewerk besaß. Er war es, der nach einem gescheiterten ersten Versuch das „Holztechnikum Rosenheim“ zum Erfolg führte. Ziel der privaten Fachschule war es ursprünglich, Holz in andere Bundesländer zu exportieren. Dabei gab es am Anfang nur um die zehn Studenten, doch nach und nach wurden es mehr.

Weil die Nachfrage nach Produkten aus Holz so groß war?

Die Hauptnachfrage kam aus dem Ruhrgebiet, weil dort sogenannte Grubenhölzer als Stützen in Bergwerken gebraucht wurden. Befeuert wurde die Nachfrage auch durch die Wehrmacht. Deutschland brauchte intelligente Produkte für das Militär, insbesondere für den Flugzeugbau. Was heute aus Aluminium und Leichtbau-Werkstoffen gefertigt wird, wurde früher aus Sperrholz gemacht. Nach dem Krieg war die Fragestellung eine andere. Da kam der Bedarf vermehrt aus der Möbelindustrie. Und auch hier kamen die Nachfrage und auch viele Studierende aus dem Norden.

Sie waren einer davon?

Das stimmt. Ich bin ein Beispiel dafür. Damals konnte man einfach noch eine Postkarte schicken, um sich zu bewerben. 1974 habe ich die Zusage für den Studiengang Holztechnik bekommen. Da war ich 22 Jahre alt und war einer von 400 sogenannten Holzern. Zu dem Zeitpunkt wurden außerdem noch Allgemeinwissenschaften, Betriebswirtschaft und Kunststofftechnik angeboten.

Wie würden Sie das Studieren in Rosenheim von damals beschreiben?

Es war natürlich komplett anders als heute. Die Notenspiegel waren auf Karteikarten geschrieben und die Studiengänge waren generalistischer. Das heißt, es war ziemlich klar, in welcher Branche es nach dem Studium weitergeht. Zum Beispiel in der Fertighaus-, Möbel- oder Fensterindustrie. Eine Ausbildung in Rosenheim war sozusagen ein Unikat. Heute gibt es viele Alternativen und es ist nicht so eindeutig, was nach dem Studium passiert.

Woran haben Sie gemerkt, wie sich das Studieren in Rosenheim geändert hat?

Den ersten großen Boom gab es, als Studieren immer mehr für alle zugänglich gemacht wurde. Anfang der 1970er- und Mitte der 1980er-Jahre stieg die Studierendenzahl von knapp 500 auf 3500. Und mittlerweile gibt es einen ganzen Blumenstrauß in den Bereichen Wirtschaft, Technik, Gesundheit sowie Gestaltung und Soziales. Unsere drei Außenstandorte in Burghausen, Mühldorf und Traunstein mitgerechnet, haben wir circa 7500 Studierende an der Hochschule.

Die alle ihren Platz brauchen…

Jeder kann es sehen, nicht nur am Campus Rosenheim wird gigantisch gebaut. Da geht es insgesamt um eine halbe Milliarde Euro. Aber so etwas ist notwendig, um auf internationaler Ebene wirklich dabei zu sein. Das ist wichtig. Dazu gehört zum einen die Hochschule, aber auch studentisches Wohnen, Leben oder der Sport. Dazu gehört nicht zuletzt eine familienfreundliche Hochschule für Studierende und Beschäftigte sowie die Integration der internationalen Studierenden. Da müssen wir ein Vorbild für die Gesellschaft sein.

Wie wichtig ist heute noch die Präsenz am Campus?

Für uns sehr wichtig. Wir wollen mittel- bis langfristig 10000 Studierende an der Hochschule. Das wäre ehrlich gesagt relativ leicht zu schaffen, wenn alle im Ausland sitzen und ein Fernstudium absolvieren. Das wollen wir aber nicht. Vielmehr wollen wir die Kulturen und alles, was damit zusammenhängt, kennenlernen und integrieren. Ein Beispiel: Wir achten bei Studentenwohnheimen nach Möglichkeit darauf, dass die eine Hälfte deutschsprachig, die andere Hälfte aus dem Ausland ist. Dadurch entsteht der Kontakt unter den Studierenden ganz automatisch.

Wie soll dabei das aktuell wohl prominenteste Projekt, der neue Technologiepark, helfen?

Unter anderem deswegen erweitern wir überhaupt den Campus. Der Technologiepark und das Studierendenzentrum werden auf dem Gelände der ehemaligen Bogensiedlung, zwischen Hochschulstraße und Westerndorfer Straße in Rosenheim, entstehen. Mit einer Vielzahl an Hallen- und Laborflächen, einem Lernzentrum und einer neuen Mensa. Dafür stellt der Freistaat erhebliche Mittel im Rahmen der Hightech Agenda Bayern zur Verfügung.

Wie geht es für Sie persönlich weiter?

Ich bin seit 2002 in der Hochschulleitung und seit 2009 Präsident. Wenn man 51 von 100 Jahren mit der Hochschule verbunden ist und davon 29 Jahre als Dozent und in leitenden Funktionen, konnte man sie wesentlich mitgestalten. Ich denke, die Hochschule ist gut aufgestellt, mit allen Außenstellen zur Mitgestaltung der Gesellschaft und der Wirtschaft. Bis zum Ende meiner Amtszeit in absehbarer Zeit werde ich weiter konstruktiv die Hochschule mitgestalten und freue mich danach auf die Übergabe meines Amtes.

Interview: Korbinian Sautter

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