Übersee – Im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung sowie der Themen Cybersicherheit, künstliche Intelligenz (KI) und der Emanzipierung Europas von den USA gewinnt die Frage nach der Datensouveränität immer mehr Aktualität. Lagern wichtige Firmen- oder Kunden-Informationen auf Cloud-Datenbanken in den USA oder gibt es Alternativen dazu in Europa? Und wer bietet solche umfassenden Cloud-Dienste in Europa überhaupt an?
Wirtschaft als
Gemeinschaftsleistung
Angeregte Diskussionen dazu führten rund 150 Vertreter aus Wirtschaft und Politik sowie von Ämtern, Behörden und der Technischen Hochschule Rosenheim bei dem von der Chiemgau GmbH organisierten Sommerempfang des Landkreises Traunstein am Dienstag. Als Keynote-Speaker gab Bernd Wagner, seit Ende 2024 Geschäftsführer bei „Stackit Cloud“ und Bereichsvorstand der Schwarz Gruppe (Lidl, Kaufland), einen Einblick in die Herausforderungen beim Aufbau europäischer Cloud-Lösungen. Für das passende Flair sorgte der malerische Sonnenuntergang am Chiemseeufer, das Ambiente im Luxushotel Chiemgauhof in Übersee/Feldwies und die Klänge der Jazzy Monday Crew.
Dr. Birgit Seeholzer, Geschäftsführerin der Chiemgau GmbH, verwies auf den engen Schulterschluss von Wirtschaftsunternehmen und „allen Ebenen der Kommunalpolitik“, wenn es darum gehe, die Region als Wirtschaftsstandort voranzubringen. Nicht vergessen werden dürfe dabei die Rolle der Bildung zur Sicherung zukünftiger Fachkräfte. Deshalb investiere der Landkreis in den Hochschulstandort des Campus Chiemgau in Traunstein.
Das „Netzwerk der Wirtschaft“ hob stellvertretender Landrat Sepp Konhäuser als Stärke der Region hervor. „Wir denken Wirtschaft als Gemeinschaftsleistung – mit engagierten Unternehmen und Arbeitnehmern, innovativen Projekten der Wirtschaftsförderung sowie mit Partnern aus Tourismus, Landwirtschaft, Bildung, Verwaltung und Politik.“
Zwischen Fortschritt
und Datenschutz
Andreas Danzer, seit knapp einer Woche neugewählter Landrat des Landkreises Traunstein, lobte seinen Vorgänger für die Organisation des Sommerempfangs. Dieser sei „Teil des Netzwerkes, das unsere Wirtschaftsregion lebendig hält“. Durch die Verknüpfung von Bildung, Forschung und Wirtschaft werde der Campus Chiemgau neben der Wirtschaftsförderung zum wichtigen „Impulsgeber für die Region“. Der Digitalisierung komme dabei als „Brückenschlag zwischen Herkunft und Zukunft“ eine wichtige Rolle zu. Dies gelte auch für die öffentliche Verwaltung. Sie stehe im Spannungsfeld zwischen Fortschritt sowie Datenschutz und Sicherheit. Aus diesem Grund sei die digitale Unabhängigkeit von US-Tech-Riesen und die Zukunft digitaler Lösungen aus Deutschland ein spannendes Feld.
Warum der Aufbau unabhängiger IT- und Cloudlösungen in Deutschland für die international ausgerichtete Schwarz Gruppe (über 14200 Filialen und mehr als 575000 Mitarbeiter) unabdingbar ist, machte Bernd Wagner deutlich. Er arbeitete davor unter anderem bei Google Cloud Deutschland, T-Systems und Fujitsu Technology Solutions.
Wie er erläuterte, ist die Schwarz Gruppe als Mischkonzern mit Hauptsitz in Neckarsulm nicht nur Europas größter Lebensmittelhersteller, sondern auch Umweltdienstleister und IT-Dienstleister („Schwarz Digits“). Nicht zuletzt für die von 170 Millionen Kunden genutzten Kaufland- und Lidl-Apps brauche es „hochskalierbare IT- und CloudInfrastrukturen“, die besonderen Sicherheitsanforderungen genügen. Dazu gehöre etwa, dass ein möglicher Datenabfluss in die USA ausgeschlossen sei.
Trendwechsel weg
von US-Konzernen
Im Zuge neuer geopolitischer Situationen und Abhängigkeiten komme den Themen KI, Cybersicherheit und souveränen Cloud-Services in Europa besondere Bedeutung zu. Deshalb baue die Schwarz Gruppe mit der „Stackit Cloud“ eigene Kapazitäten auf. Dank generativer KI ließen sich im Konzern täglich millionenfach Entscheidungsprozesse im Bereich Logistik, Bestellung, Produktion, Fehleranalyse und Vorhersage schneller abwickeln.
Über eine Beteiligung am Verschlüsselungsexperten Wire könne auch mehr Sicherheit in der Kommunikation gewährleistet werden. Wagner zeigte auf, dass ebenso energieintensive Rechenzentren und mit dem IPAI-Campus bei Heilbronn ein internationales Forschungszentrum für künstliche Intelligenz mit 80 beteiligten Unternehmen zur Strategie gehören.
In der Diskussion wollte Franz Obermaier wissen, ob mit Blick auf die wachsende Zahl europäischer Cloudanbieter ein Trendwechsel weg von US-Konzernen festzustellen sei. Wagner sprach von einem „absoluten Boom“ seit Januar, speziell im Bereich Verteidigung und Energie, Banken und Versicherungen.
Markus Mayer erkundigte sich nach der Einsparung von Mitarbeiterstellen durch KI. Dies sei nicht das Unternehmensziel, sagte Bernd Wagner, vielmehr seien durch KI etwa große Fortschritte bei der Diebstahlsicherung zu erzielen.