Ampfing – Seit 2023 findet einmal im Jahr das Expertenforum „Bau mit Plan“ zur Zukunft der Baubranche statt. In diesem Jahr tagten Experten aus der Region in der neuen Firmenzentrale der Nutz GmbH in Ampfing. Unter anderem standen Vorträge und eine Podiumsdiskussion mit dem früheren Politiker Wolfgang Bosbach und der Geschäftsführerin des Industrieverbandes Lehmbaustoffe, Dr. Ipek Ölcüm, auf dem Programm. Rund 200 Gäste waren der Einladung gefolgt und konnten dabei auch die neue Firmenzentrale besichtigen.
Lehm als alternativer
Baustoff
Dr. Ipek Ölcüm informierte das anwesende Fachpublikum zunächst über den Werkstoff Lehm. Das von Alters her bekannte Baumaterial habe eine Reihe von Vorteilen gegenüber heute gebräuchlichen Baustoffen, erklärte sie. Man kann mit Lehm nicht nur Mauern oder Holz sowohl innen als auch außen verputzen, sondern er kann auch im Trockenbau zur Anwendung kommen. Lehm kostet laut Ölcüm zwar zehn bis 15 Prozent mehr als vergleichbare Baustoffe, bietet dafür aber Wärmeschutz, ist schadstoffabsorbierend, feuchtigkeitsregulierend und weist eine gute CO2-Bilanz auf. Darüber hinaus, so Ölcüm weiter, brauche man auch nicht viel Energie, um ihn zu verarbeiten, und nicht zuletzt sei er kreislauffähig.
Nach diesem Fachvortrag erörterte der frühere Innenpolitiker Wolfgang Bosbach die Frage: „Quo vadis Deutschland?“ In seinem Vortrag behandelte er aktuelle Themen und seine Sicht der Dinge darauf, etwa wie Bildung und Forschung gestaltet sein sollten, wie die soziale Sicherheit verbessert und die Konjunktur angekurbelt werden kann, wie man mit den USA unter Donald Trump umgehen sollte und wie das alles die politische Stabilität beeinflusst.
Im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen betonte er: „Erst mal kann der Sozialstaat nicht ohne Wirtschaftswachstum verbessert werden. Zum Zweiten ist dringend Bürokratieabbau nötig, sonst wird das mit den 900 Milliarden Sondervermögen nicht funktionieren. Drittens ist gute Bildung für die Jugend unabdingbar, sonst wäre das alles eine Versündigung an den künftigen Generationen!“
Forderung nach
Bürokratieabbau
An der anschließenden Podiumsdiskussion nahmen neben Bosbach und Ölcüm auch Andreas Sommer von der Planungsfirma Aplemis AG aus München und Otto Leibenger von der Firma Innconn aus Winhöring teil. Dieter Jäckel von der Firma Nutz übernahm die Moderation. Er wollte von seinen Gästen wissen, was sie für die derzeit größten Herausforderungen für die Baubranche halten. Für Andreas Sommer war dies klar der Bürokratieabbau. „Es ist kaum möglich, Gewerbeflächen in Wohnraum umzunutzen“, so der Projektmanager. Wolfgang Bosbach teilte die Ansicht, dass Planungs- und Genehmigungsverfahren beschleunigt werden müssen.
Auch Dr. Ipek Ölcüm plädierte dafür, die Bürokratie zu verringern. So könnten beispielsweise durch eine Reduzierung der Wanddicken von 24 auf 18 Zentimeter bei minimaler Auswirkung auf den Lärmschutz die Baukosten deutlich gesenkt werden. Wolfgang Bosbach merkte diesbezüglich an, dass hier aber die Politik nur wenig helfen könne, weil das keine Regelungen seien, die in den Baugesetzbüchern festgeschrieben seien, sondern dass hier auch Branchenverbände und -institutionen selbst tätig werden müssten.
„Zu viele
reden mit“
Otto Leibenger hielt im Gegensatz zu den anderen Diskutanten die Finanzierung von Bauprojekten für die aktuell größte Herausforderung, da einerseits die Zinsen zu hoch seien und es andererseits auch neue Bestimmungen zur Eigenkapitaldeckung gebe: „Basel IV heißt, dass man jetzt zwölf Prozent Eigenkapital braucht. Da kann ein Mittelständler kaum mehr gewinnbringende Projekte abwickeln!“ Zudem beklagte er, dass bei Bauprojekten zu viele mitreden. Als Beispiele nannte er einen Umweltreferenten, mit dem er auf einem Grundstück Zauneidechsen suchen musste, und einen Kreisheimatpfleger, der forderte, dass die Träger der Solarpaneele in Dachfarbe beschichtet sein müssten. Dr. Ipek Ölcüm kritisierte, dass die Musterbauordnung ein Hindernis für neue Baustoffe sei.
Zur Frage von Dieter Jäckel, welche Rolle die Digitalisierung auf dem Bau spiele, merkte Wolfgang Bosbach an, dass er nicht glaubt, dass der Grad der Digitalisierung an den Gesetzen liegt: „Da gibt es Kommunen, bei denen kann man schon fast alles digital machen. Andere betreiben digitale Kommunikation noch heute mit dem Fax“, so der frühere CDU-Spitzenpolitiker süffisant. Andreas Sommer wies hingegen auf Roboter hin, die teilweise schon Arbeitskräfte auf der Baustelle ersetzen könnten.
Mehr Unterstützung
für den Mittelstand
Auf die Frage, was die Baufirmen bräuchten, um zu prosperieren, gingen die Antworten weit auseinander. So wies Otto Leibenger auf die fehlenden Fachkräfte hin und forderte mehr Unterstützung des Mittelstandes durch die Politik: „Die machen immer nur was für die Industrie!“, so der Chef der Firma Innconn.
Dr. Ipek Ölcüm forderte in dem Zusammenhang, mehr in Innovationen zu investieren. Wenn Otto Leibenger einen Wunsch frei hätte, würde er sich neue Förderprogramme für Häuslebauer wünschen: „Da muss es Tilgungszuschüsse geben und Haftungserleichterungen. Sonst schrecken junge Leute zurück.“ Wolfgang Bosbach äußerte den Wunsch, gerne die Verantwortung noch mehr in die Hände der Bauherren zu legen: „Es müsste so sein, dass eine Genehmigung implizit erteilt ist, wenn die Behörde nicht innerhalb einer gewissen Frist antwortet.“
Wortmeldungen gab es im Anschluss an die Diskussion einige. So meinte ein Zuhörer, dass das Bauen durch Regulierungen so teuer werde: „Was früher der Maurer mit seiner Erfahrung einfach gemacht hat, muss jetzt erst mal von einer Statikfirma geprüft werden.“ Eine Architektin, die sich bei einer genossenschaftlich organisierten Hausverwaltung engagiert, beklagte, dass angesichts der gestiegenen Materialkosten und Zinsen ein „Preis von zehn Euro pro Quadratmeter“ auch ohne Gewinnabsicht praktisch nicht mehr zu unterschreiten ist.