Mühldorf/Altötting – Das Handwerk erlebt seit geraumer Zeit einen dramatischen Nachwuchsmangel – und das hat Folgen. Wer heute einen Metallbauer, Maurer, Elektriker, Schreiner oder Zimmerer braucht, wartet oft wochen- oder gar monatelang, wie Rainer Dachsberger, Kreishandwerksmeister der Kreishandwerkerschaft Altötting-Mühldorf, konstatiert.
Manche Bäckereien und Metzgereien müssten aufgrund des Fachkräftemangels ihre Öffnungszeiten anpassen. Gleichzeitig steige die Nachfrage für nachhaltig hergestellte und regionale Produkte. „Qualifizierte Fachkräfte im Handwerk werden immer mehr gesucht“, so Dachsberger. In vielen Fällen verdienten diese inzwischen mehr als so mancher Hochschulabsolvent, erklärt er.
Laut einer aktuellen Studie des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) fehlen bundesweit rund 250000 Fachkräfte in handwerklichen Berufen, und die Tendenz ist steigend. „Die hohe Nachfrage schlägt sich direkt in den Löhnen nieder. Ein erfahrener Handwerker verdient inzwischen nicht selten deutlich mehr als ein Berufseinsteiger mit Bachelor-Abschluss“, betont Dachsberger. Auch Auszubildende würden profitieren. „Während in akademischen Studiengängen oft jahrelang ohne Einkommen gelernt wird, erhalten Azubis im Handwerk bereits im ersten Lehrjahr bis zu 1200 Euro monatlich. Das Handwerk ist längst nicht mehr die letzte Option, sondern für viele eine attraktive Karriereentscheidung“, sagt der Kreishandwerksmeister. Für ihn ist der Mangel an Handwerkern auch hausgemacht. Jahrzehntelang sei jungen Menschen eingetrichtert worden, dass nur mit einem Studium ein erfolgreicher Lebensweg möglich sei. Die Folge sei eine Akademisierung auf der einen und Lehrlingsmangel auf der anderen Seite gewesen. Gleichzeitig gingen jedes Jahr zehntausende Handwerker altersbedingt in Rente, während der Nachwuchs fehle.
Dabei sei das Handwerk schon lange nicht mehr „eingestaubt“: „Heutzutage ist das Handwerk höchst technologisiert, mit modernen CNC-Maschinen, Schneide- und Fräsanlagen sowie Hightech-Verarbeitungsmaschinen und automatisierten Steuerungssystemen. Auch KI hat teilweise Einzug gehalten und kann unterstützen, aber keine praktischen Arbeiten ersetzen.“
Kreishandwerksmeister Dachsberger ist überzeugt, dass sich das Blatt langsam wendet. Handwerkskammern, Schulen und Betriebe starten verstärkt Informationskampagnen, um Jugendliche für eine Ausbildung zu begeistern. Auch die Politik habe das Problem erkannt. So sollen Prämien für Auszubildende, erleichterte Zuwanderung für Fachkräfte und bessere, strukturellere Bedingungen für kleine Betriebe helfen. „Wer heute ins Handwerk geht, trifft eine Entscheidung mit Zukunft“, betont Dachsberger. Gute Bezahlung, sichere Jobs und echte Wertschätzung – das gebe es heute seltener im Büro als vielmehr in den Werkstätten, auf Baustellen und in Backstuben. Alfons Maier