Poker um Schlachthof: Tönnies steigt aus

von Redaktion

Nach dem Veto des Bundeskartellamts schmeißt der bisherige Favorit das Handtuch, die Karten werden neu gemischt: Der Verkauf des Waldkraiburger Schlachthofs nimmt eine unerwartete Wendung. Jetzt gibt es einen neuen Favoriten.

Waldkraiburg – Der Waldkraiburger Rinderschlachthof mit seinen 386 Mitarbeitern ist nach Angaben des Betreibers Vion der modernste Schlachthof Europas. Seit Juni 2024 soll er verkauft werden, weil sich der niederländische Großschlachter aus Deutschland zurückziehen möchte. Bislang wollte Clemens Tönnies mit seiner Premium Food Group zuschlagen, doch jetzt hat er abgewunken.

Bundeskartellamt hatte
schon „Nein“ gesagt

Im Juni hatte das Bundeskartellamt den Verkauf der deutschen Vion-Schlachthöfe in Buchloe, Crailsheim und Waldkraiburg an Tönnies untersagt. Das wäre zum Nachteil der Landwirte und der kleineren Wettbewerber, hatte damals Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamtes, erklärt: „Tönnies hätte neben seiner bereits dominierenden Position in der Schlachtung und Verarbeitung von Schweinen in Deutschland auch im Bereich Rinder eine Führungsposition erlangt. Nachteile wären auch bundesweit für Abnehmer von Schlachtprodukten entstanden.“ Die Tönnies-Gruppe mit Sitz in Rheda-Wiedenbrück beschäftigt mehr als 20.000 Mitarbeiter und setzte im Geschäftsjahr 2023 weltweit rund 7,8 Milliarden Euro um. Die Vion-Food-Gruppe setzte 2023 rund 5,1 Milliarden Euro um.

Nach dem Kauf hätte Tönnies, so das Bundeskartellamt, in Buchloe, Waldkraiburg und Kempten Marktanteile von deutlich über 40 Prozent erreichen können, „mit weitem Abstand zu den verbleibenden, deutlich kleineren Wettbewerbern“. Auch werde er damit Marktführer für die Vermarktung von Rindern.

Tönnies kündigte damals an, gegen die Entscheidung vor das Oberlandesgericht Düsseldorf zu gehen; notfalls wolle er auch eine Ministererlaubnis erwirken. 

„Gegen diese Entscheidung hat Tönnies Beschwerde beim OLG Düsseldorf eingelegt, die Beschwerde aber meines Wissens bislang noch nicht begründet“, teilt auf Nachfrage der OVB-Heimatzeitungen Kay Weidner, Pressesprecher des Bundeskartellamtes, mit.

„Hier geht es um die
bayerischen Bauern“

Doch jetzt die Kehrtwende. Beim Herbstdialog des Bayerischen Bauernverbandes sagte Tönnies, er trete von der Übernahme zurück, wenn der Wettbewerber Westfleisch die Standorte übernehme: „Hier geht es nicht um Tönnies. Hier geht es um Bayern und die bayerischen Bauern. Die Hängepartie muss ein Ende haben.“ Die Entscheidung sei „im Sinne der Landwirtschaft in Süddeutschland“ gefallen, schreibt auch Fabian Reinkemeier, Pressesprecher der Premium Food Group. Tönnies habe „weiterhin gute Chancen gesehen, über eine Entscheidung beim Oberlandesgericht oder über eine mögliche Ministererlaubnis zum Zuge zu kommen“. Das hätte aber Zeit gebraucht, „die die Landwirtschaft in Süddeutschland nicht hat“.

Polina Witte, Pressesprecherin der Vion Food Group, bestätigt, dass sich Vion und Tönnies abgestimmt hätten, „wie der Weg für andere potenzielle Interessenten freigemacht werden kann“. Es hätten sich bereits „einige Interessenten“ gemeldet, schreibt Witte weiter: „Wir werden alle ernst gemeinten Vorschläge sorgfältig prüfen. Ziel ist eine langfristig tragfähige Lösung – für das Unternehmen, unsere Teams und unsere Partner in der Region.“

Weg für Konkurrenten
ist frei

Zu den Interessenten gehört auch Westfleisch. Das Unternehmen habe bereits „unmittelbar nach dem Veto des Kartellamts“ sein Interesse bekundet, antwortet die Pressestelle auf Nachfrage. Bis dahin habe Westfleisch andere Expansionspläne verfolgt, „die sich aber zerschlugen – daher der späte Einstieg in die Diskussion um die Zukunft der Schlachthofstruktur in Süddeutschland.“ Westfleisch zählt nach eigenen Angaben mit rund 7.200 Beschäftigten und einem Umsatz von rund 3,3 Milliarden Euro zu den führenden Lebensmittelproduzenten Europas. Es gebe eine steigende Nachfrage, insbesondere nach Rindfleisch, so das Unternehmen: „Den daraus erwachsenden Bedarf können wir aus unseren bisherigen eigenen Erfassungsgebieten nicht vollständig decken. Aus diesem Grund sind die jetzt zur Disposition stehenden Standorte in Süddeutschland für uns von großem Interesse und helfen dabei, unsere Rohstoffbasis für diese Gattung langfristig abzusichern.“ Daher das Interesse auch an Waldkraiburg.

Der Ball liegt
jetzt bei Vion

„Wir begrüßen die Entscheidung der Premium Food Group, die Hängepartie zur Restrukturierung der süddeutschen Schlachthofstruktur zu beenden und Vion den Weg für neue Gespräche freizumachen“, teilt Westfleisch mit. Weitere konkrete Aussagen seien noch nicht möglich, „da uns eine detaillierte Einsicht in die Unterlagen bislang nicht möglich war. Westfleisch steht zu seinem Wort und ist bereit, gemeinsam mit Vion an einer tragfähigen Lösung im Sinne der bayerischen Landwirtschaft zu arbeiten.“ Der Ball liege jetzt bei Vion.

Dort teilt Vion-Sprecherin Witte mit: Bis eine Entscheidung gefallen ist, laufe der Betrieb in Waldkraiburg „wie gewohnt“ weiter. „Unsere Teams vor Ort machen einen starken Job – engagiert, zuverlässig und mit Blick nach vorn.“

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