Wie Trostberg München die Augen öffnete

von Redaktion

Heute leitet Sabine Trieb-Nadler das Unternehmen Optik Trieb im Chiemgau, doch die Anfänge waren abenteuerlich. Wegen der stabilen Stromversorgung im Chiemgau startete Großvater Oskar Trieb 1946 in einer kleinen Werkstatt durch und etablierte einen Betrieb, der seit Jahrzehnten auch soziale Verantwortung übernimmt.

Traunstein/Trostberg – Sehhilfen waren in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg überall Mangelware und heiß begehrt. Dass Brillengläser damals ausgerechnet in Trostberg angefertigt wurden, dürfte aber nur noch wenigen alten Trostbergern bekannt sein. Optikermeister Oskar Trieb schliff seit Ende 1946 in einer kleinen Werkstatt im Haus Traunsteiner Straße 4 Brillengläser. Er passte sie für die Firma Ernst Gutsch aus München in die Kundenfassungen ein.

Ein florierender
Familienbetrieb

1953 machte er sich selbstständig und baute sein kleines Optikgeschäft nach und nach zu einem florierenden Familienbetrieb aus. Den übernahmen zunächst seine Söhne Herbert und Gerhard. Seit 2020 leitet seine Enkelin Sabine Trieb-Nadler das Familienunternehmen mit den beiden Geschäftslokalen in Trostberg und Traunreut.

Warum verlegte ausgerechnet eine traditionsreiche Münchner Firma ihre Fertigung in die Provinz nach Trostberg? Das hatte einen ganz einfachen Grund: In München funktionierte in den ersten Jahren nach dem Krieg die Stromversorgung nicht reibungslos. Regelmäßig wurden ganze Stadtteile vom Netz genommen, um die Versorgung halbwegs gerecht zu gestalten.

Für den Optiker Ernst Gutsch war das ein ernsthaftes Problem, denn die Rationierung von Energie zog Fertigungsausfälle nach sich – und das bei riesiger Nachfrage.

Der Münchner Optiker hatte Bekannte in Trostberg, von denen er erfuhr, dass es in der kleinen Stadt im Chiemgau immer Strom gebe. Das lag daran, dass die Energie in den Wasserkraftwerken an der Alz produziert wurde. So war vor allem sichergestellt, dass die Hochöfen der Süddeutschen Kalkstickstoffwerke rund um die Uhr brannten. Diese Versorgungssicherheit war Gutsch wichtig. Und so mietete er in Trostberg Räume an und ließ seinen Mitarbeiter Oskar Trieb ab 1946 dort Brillengläser für seine Münchner Kundschaft schleifen.

Ein bürokratischer
Teufelskreis

Der damals 26-jährige Trieb war gegen Kriegsende mit seiner Frau Herta als Heimatvertriebener aus dem Sudetenland zuerst nach Dillingen und dann nach Trostberg gekommen. Später hatte er in München seine Meisterprüfung abgelegt.

Ehe Oskar Trieb mit dem Schleifen der ersten Gläser beginnen konnte, lernte er aber erst einmal die deutsche Bürokratie kennen, wie sein ältester Sohn Herbert in einem Gespräch schmunzelnd berichtete. Als der Heimatvertriebene im Landratsamt Traunstein eine Arbeitserlaubnis beantragte, verweigerte man ihm diese, weil er keine Wohnung in Trostberg hatte. Eine Wohnung wies ihm die Stadt Trostberg aber nicht zu, weil er keine Arbeitserlaubnis hatte.

Mit ein paar Tricks konnte man das Problem schließlich lösen. Das Ehepaar Trieb kam bei Michael Ruhland am Vormarkt unter, nur 100 Meter von der Werkstatt entfernt.

Den Trostbergern blieb nicht lange verborgen, was da an der Traunsteiner Straße angefertigt wurde, und bald fragten Bürger, ob ihnen Trieb nicht auch Sehhilfen herstellen könnte. Und so kam es, dass der junge Optiker 1953 das Haus mietete und sich selbstständig machte. 1958 stellte er mit Hermann Magg den ersten Lehrling ein. Der blieb der Firma treu, bis er in den Ruhestand ging. Inzwischen, so berichtet die heutige Firmenchefin Sabine Trieb-Nadler, habe man rund 50 junge Menschen zu Optikern beziehungsweise Hörgeräte-Akustikern ausgebildet.

Um das Geschäft mit den Sehhilfen erfolgreich betreiben zu können, brauchte es jedoch eines: einen Augenarzt in der Nähe, der Brillen verschreibt. Denn damals brauchte man noch ein Rezept, und die Krankenkassen zahlten den überwiegenden Teil der Kosten für eine Sehhilfe. Der Traunsteiner Augenarzt Dr. Christian Gruber erklärte sich schließlich bereit, zweimal pro Woche Sprechstunden in Trostberg abzuhalten. In den Räumen über Triebs Laden wurde eine kleine Praxis eingerichtet und das Geschäft im Erdgeschoss nahm Fahrt auf. Nach Gruber hielt Dr. Johann Dillinger die augenärztliche Versorgung in Trostberg aufrecht.

Einstieg ins
Fotogeschäft

Die Familie Trieb hatte zu jener Zeit in der Neuen Heimat bei Schorsch Brandl zur Untermiete gewohnt. 1952/53 siedelte man in eine Doppelhaushälfte in der Eichendorffstraße um. 1958 kam dann der zweite Sohn Gerhard zur Welt. Damals hatte man das Sortiment im Optikergeschäft an der Traunsteiner Straße schon deutlich erweitert. Thermometer, Barometer, Wetterstationen und Ferngläser gab es zu kaufen. Schließlich stiegen Oskar Trieb und seine Frau Herta auch ins Fotogeschäft ein. Man verkaufte nicht nur Kameras und Filme, sondern richtete auch ein kleines Labor ein, in dem man Schwarz-Weiß-Filme entwickeln und Papierabzüge machen konnte. Die Farb- und Diafilme musste man nach München einschicken, wo sie entwickelt wurden.

Expansion nach Traunreut
und soziales Herz

Die Geschäfte liefen gut und Sohn Herbert bereitete sich auf den Einstieg in das elterliche Unternehmen vor. Er absolvierte bei seinem Vater eine dreieinhalbjährige Optikerlehre, legte die Gesellenprüfung und bald auch die Meisterprüfung ab. 1971 eröffnete er die Filiale an der Nansenstraße in Traunreut. In Trostberg zog das Stammhaus 1983 von der Traunsteiner Straße in die Hauptstraße 21 um. Die Familie Trieb hatte das Anwesen erworben, in dem zuvor lange Zeit das Betten-Fachgeschäft Huthmann seine Verkaufsräume hatte. Oskar Trieb ging 2001 in den Ruhestand und starb 2008. Herbert und Gerhard Trieb führten das Geschäft im Sinne ihres Vaters weiter.

Betrieb fest in der
Region verwurzelt

2014 übernahmen dann Herbert Trieb und dessen Tochter Sabine das Kommando. Beide sind Meister für Augenoptik und Hörgeräteakustik. Seit einigen Jahren leitet Sabine Trieb-Nadler gemeinsam mit ihrem Mann Robert das Unternehmen. Der Betrieb ist fest in der Region verwurzelt und kommt auch vorbildlich seiner sozialen Verantwortung nach – nicht nur, was die Ausbildung junger Menschen betrifft. Seit 1975 gehört die Firma Trieb zu den regelmäßigen Unterstützern der Lebenshilfe. In den 47 Jahren seither hat man die Behindertenarbeit im Landkreis Traunstein mit rund 40.000 Euro unterstützt. Sabine Trieb-Nadler und ihr Mann setzen nicht nur diese Tradition fort. Sie legen auch ein besonderes Augenmerk darauf, dass trotz der inzwischen beachtlichen Zahl von rund 20 Mitarbeitern ein familiäres und gut kollegiales Betriebsklima die Arbeit für alle angenehm macht.

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