Wasserburg – 300 Gäste aus Handel, Handwerk, Gewerbe und Industrie waren zum Wirtschaftsforum der Sparkasse Wasserburg geladen. Im Rathaus gab es ein Stelldichein der lokalen Prominenz, was zwei Gründe hatte: das Jubiläum des Bankhauses, das 200 Jahre alt geworden ist, und die angekündigte Rede von Dr. Monika Schnitzer. Statt zum Weltwirtschaftsforum in Davos war sie nach Wasserburg gereist, freute sich der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse, Mischa Schubert.
Schnitzers Wort hat Gewicht, sie ist eine der fünf „Wirtschaftsweisen“, die die Bundesregierung beraten. Das tut die 64-Jährige, die an der Universität München lehrt und forscht, schon seit über 20 Jahren. Auch die Europäische Kommission baut auf ihr Know-how. Das Manager Magazin hat sie wiederholt eine der hundert einflussreichsten Frauen der deutschen Wirtschaft genannt.
2026 hatte einen
schlechten Start
Eine Festrednerin also, die dem Auftakt ins Jubiläumsjahr der Sparkasse den passenden Glanz gibt. Wobei: Schnitzer trat auch im Wasserburger Rathaussaal so auf wie vor den Kameras der Fernsehstudios und auf internationaler Bühne: sachlich, souverän, unaufgeregt, mit roter Brille, im schlichten schwarzen Hosenanzug. Seit 2022 ist sie die Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, als solche weiß sie, ob der Aufschwung kommt oder sich die schwierige wirtschaftliche Lage der vergangenen Jahre weiter fortsetzen wird.
Die Aussichten sind eher mau, das Jahr 2026 hatte einen weltpolitisch gesehen schlechten Start: Angriff der USA auf Venezuela, Übernahmeforderungen von Trump gegenüber Grönland, seine Zollandrohungen, ein langer Stromausfall in Berlin, der aufzeigte, wie angreifbar deutsche Infrastruktur ist. „Hallo wach“, gab Schnitzer als Ruf aus. Nach Jahren mit zu wenig bis gar keinem Wachstum, Rezession und hoher Inflation gebe es kein „weiter so“ mehr, forderte sie.
Deutschland nicht mehr
innovativ genug
Die Wirtschaftsweisen prognostizieren zwar eine leichte Aufwärtsbewegung mit 0,9 Prozent Wachstum. Doch die Expertin rechnete dies runter: 0,3 Prozent Plus seien die Folge eines „Kalendereffekts“, weil 2026 viele Feiertage auf das Wochenende fallen würden, also mehr gearbeitet werde als 2025 und die Produktion steigen werde. Weitere 0,3 Prozent seien dem von der Regierung geschnürten Finanzpaket für Investitionen zu verdanken. Nur die restlichen 0,3 Prozent seien echter Aufschwung.
Das Problem: Der ehemalige Export-Weltmeister Deutschland sei nicht mehr wettbewerbsfähig genug. Das liege an hohen Energiepreisen und Arbeitskosten, an Weltmächten wie China, die in typisch deutsche Bereiche hineindrängen würden: etwa in den Maschinenbau und die Automobilbranche. Dass Deutschland hier den Anschluss verloren habe, liege daran, „das wir nicht mehr die innovativsten Produkte haben“. Beispiel: E-Mobilität. Statt konsequent darauf zu setzen, werde rückwärts gewandt das Aus vom Verbrenner-Aus beschlossen.
Nun drohe Trump erneut mit hohen Zöllen, bringe die Weltpolitik ins Trudeln. Schnitzers Einschätzung zur Rolle des US-Präsidenten: „Wir sind uns sehr sicher, dass es ihm sehr ernst ist.“ Trump gefährde das Nato-Bündnis, der politische Schaden sei immens. Die Festrednerin forderte, „Flagge zu zeigen“, sich nicht erpressen zu lassen. Europa müsse sich in Zukunft außerdem selbst verteidigen.
Wenig Hoffnung
auf große Effekte
Und: Deutschland müsse jetzt die Kehrtwende schaffen. Klappt es mit dem Finanzpaket der Bundesregierung? Schnitzer machte wenig Hoffnung auf große Effekte. Zwar würden die staatlichen Bauinvestitionen vermutlich um fünf Prozent steigen, doch aufgrund der Tatsache, dass zwischen Kernhaushalt und Sondervermögen ein Verschiebebahnhof agiere, werde nur wenig übrig bleiben für wirkliche zusätzliche Investitionen. Dabei seien diese so wichtig: vor allem für die Modernisierung von Straßen, Brücken, Schiene. Dass auch sie zu den vielen Bahn-Opfern gehört, die ausgerechnet bei einem Treffen mit der Bahnspitze drei Stunden zu spät ankam, sorgte für viel Gelächter im Rathaussaal.
Europa brauche neue Handelspartner, das Mercosur-Abkommen sei diesbezüglich auf dem richtigen Weg. Europa müsse Hemmnisse, die sogar noch im EU-Raum bestehen würden, abbauen, in Verteidigung, Energieversorgung und digitale Transformation investieren. „Wir dürfen nicht länger auf die Vergangenheit setzen“, forderte sie, „wir brauchen neue Technologien, die uns effizienter machen.“
Der Transformationsprozess, so Schnitzer, erforde jedoch auch eine Re-Organisation und zukunftsfähige Geschäftsmodelle. Die Zukunft liege nicht nur im Verkauf von Produkten, sondern im Verkauf von um sie herum gebauten Dienstleistungen. Doch in Deutschland herrsche nach wie vor eine gewisse Trägheit. „Wir tun uns schwer mit Veränderungen.“ Deshalb sei die Krise eine Chance. „Der Status quo ist nicht mehr stabil, der Umbruch ist legitim. Wir müssen uns zusammenreißen und neue Wege gehen. Wir müssen uns neu erfinden“, so Schnitzers eindringlicher Appell.
„Die Region noch nie
im Stich gelassen“
Elegant schaffte sie den Bogen zum Gastgeber, der Kreis- und Stadtsparkasse Wasserburg. Sie habe sich in den vergangenen 200 Jahren immer wieder neu erfunden und den Anforderungen angepasst, so Schnitzer. Trotz starkem Wandel, den der Verwaltungsratsvorsitzende, Wasserburgs Bürgermeister Michael Kölbl, in einem Rückblick aufzeigte, blieb das Bankhaus sich in einem Punkt immer treu, so Vorstandssprecher Schubert: „Wir sind ein kleiner, aber kapitalstarker Mittelständler geblieben, der tief in der Region verankert ist.“ Das dichte Filialnetz wolle sich die Bank solange leisten, wie es gehe, „obwohl wir beim klassischen Filialgeschäft teils drauflegen“.
„Die Sparkasse hat die Region noch nie im Stich gelassen“, bestätigte Landrat Otto Lederer, der einen weiteren Eigentümer neben der Stadt Wasserburg (50 Prozent), den Landkreis Rosenheim (25 Prozent), vertrat. Mühldorfs Landrat Max Heimerl war Ehrengast. Der Landkreis Mühldorf ist ebenfalls Mit-Eigentümer (17 Prozent), außerdem der Landkreis Erding (acht Prozent). Das Geschäftsgebiet erstreckt sich außerdem auf die Landkreise Traunstein und Ebersberg.
Ein Wirtschaftsraum mit Kern im Altlandkreis Wasserburg, der von großen Unternehmen wie Bauer und Meggle geprägt ist, aber auch von vielen Gewerbetreibenden, Handwerkern und Landwirten. Sie waren vor 200 Jahren die ersten Kunden und Einlageneinbringer der Sparkasse, die als Selbsthilfeeinrichtung begann. Heute muss sie trotz eines auf Nähe zur Region und den Bürgern setzenden Geschäftsmodells die gleichen Regularien einhalten wie die Großbanken, bedauerte Schubert.