Bad Aibling – Wenn am kommenden Montag Politiker, Einsatzkräfte und Angehörige an der Erinnerungsstätte zusammenkommen, ist die Tragödie genau zehn Jahre her. Am frühen Faschingsdienstag 2016 rasten auf der eingleisigen Bahnstrecke zwischen Kolbermoor und Bad Aibling zwei Züge frontal ineinander. Zwölf Menschen verloren bei der Katastrophe ihr Leben, etliche wurden schwer verletzt. Zahlreiche Rettungshubschrauber kreisten kurz darauf über der Kurstadt, unzählige Einsatzkräfte arbeiteten bis zur Erschöpfung. Der damalige Aiblinger Bürgermeister Felix Schwaller, der zum Zeitpunkt der Kollision mitten in den Faschingsvorbereitungen steckte, sprach später von einer „Ausnahmesituation, die mich wirklich mitgenommen hat“.
Noch immer
sichtlich mitgenommen
Dies galt insbesondere auch für eine Frau aus Bad Aibling, die im ersten Wagen saß – gegen die Fahrtrichtung –, als die beiden Züge damals ineinanderrasten. Jahre nach dem Unglück erzählt sie gegenüber den OVB-Heimatzeitungen, dass sie wieder Zug fahren kann. Dennoch nehmen sie die Erlebnisse vom 9. Februar noch immer sichtlich mit. Für Margit Klein (Name von der Redaktion geändert) war es ihr großes Glück, dass sie um 6.47 Uhr auf einem Platz entgegen der Fahrtrichtung saß. Der Aufprall drückte sie in ihren Sitz, anstatt sie durch die Luft zu schleudern.
Über die Jahre hinweg ist es der 60-Jährigen schwergefallen, über die Erinnerungen zu sprechen. Ihre Motivation zieht sie deshalb aus etwas Positivem: „Die Hilfskräfte, Sanitäter, Feuerwehrleute, Polizisten. Das sagt oft niemand, aber ich will betonen, dass sie Großartiges geleistet haben.“ Als die beiden Regionalzüge ineinanderkrachten, war Klein gerade auf dem Weg in den Urlaub. Dann geschah das Unvorstellbare. Ohne Vorwarnung. Die Erinnerungen an die Sekunden des Aufpralls gehen ihr noch sehr nah. „Ich war jedenfalls nicht bewusstlos, bin durch den Zusammenstoß dann auf den Boden gestürzt und habe mich dann wieder hingesetzt“, erinnert sie sich. Wie sie das schaffen konnte, weiß sie nicht mehr. Denn danach konnte sie sich nicht mehr bewegen.
Die Minuten, bis die Rettungskräfte eintrafen, seien dann „ganz unwirklich“ wie in einem Traum vergangen. „Ich habe mich dann mit einem anderen Mann aus dem Zug über ganz andere Dinge als den Unfall unterhalten“, so Klein. Dann sei noch ein weiterer Passagier gekommen, um seine Hilfe anzubieten. Wie lange sie noch im verschrotteten Zugabteil gewartet hat, kann Klein nicht mehr sagen. Aber ihr ist klar: „Ich bin einfach dankbar, dass ich überlebt habe.“ Als irgendwann die Feuerwehr kam, „habe ich gedacht: ‚Jetzt wird alles gut‘“, sagt Klein, die dabei durchaus mitbekommen habe, welches Ausmaß der Zusammenstoß der Züge angenommen hatte. Zur perfekt organisierten Rettungsaktion sagt sie: „Meine volle Bewunderung für diese Menschen.“ Nach der Erstversorgung an der Unfallstelle wurde Klein zunächst in die Turnhalle in Kolbermoor gebracht, danach ins Krankenhaus.
„Als ich im Krankenhaus meine Familie wieder gesehen habe, ist mir klar geworden, wie viel Glück ich eigentlich hatte. Ich hätte auch tot sein können.“ Sie könne sich nicht vorstellen, welches Leid die Angehörigen der Todesopfer erleben mussten. Klein blieb zwölf Tage im Krankenhaus, danach musste sie fünf Wochen zu Hause liegen. Neben Verletzungen an der Wirbelsäule und dem Brustbein hat sie vor allem psychische Folgen davongetragen. „Ich hatte anfangs immer wieder Panikattacken“, sagt die Frau, die nach dem Unfall für insgesamt ein halbes Jahr außer Gefecht war. Während der Reha sei dann ein wichtiges Ziel gewesen, wieder Zug fahren zu können.
Losgelassen hat sie das Unglück nie, auch nicht Jahre später, sagt sie und berichtet von Herzrasen, wenn sie etwa Bremsgeräusche oder „diese Warnhupen von Zügen“ hört. Bis heute habe sie Schwierigkeiten, mit Stresssituationen fertig zu werden. Die Jahrestage haben für Klein deshalb eine besondere Bedeutung. „Wenn man dann wieder daran denkt, kommt alles hoch“, sagt sie und findet es gut, dass es einen Ort zum Gedenken gibt. Für Betroffene, Angehörige und Hinterbliebene bleibt neben Gedenken und Trauer immer auch die Frage, warum es zu der Katastrophe kommen konnte.
Auch auf politischer Ebene wurde in den Jahren nach dem Zugunglück viel über die Sicherheit diskutiert. Was hat sich geändert? Hat die Katastrophe beispielsweise auch Einfluss auf die Schulung neuer Lokführer? Sicherheit, erklärt dazu eine Sprecherin der Deutschen Bahn auf OVB-Anfrage, stehe für alle Mitarbeiter im Eisenbahnbetrieb an erster Stelle. „Wir entwickeln Sicherheitsstandards und Abläufe sowie das geltende Regelwerk stetig fort.“ Jeder Unfall werde neben der Untersuchung durch die zuständigen Behörden auch intern genau untersucht, um gegebenenfalls notwendige Anpassungen in den Sicherungsmechanismen vornehmen zu können.
Im Bad Aiblinger Fall hatte das Landesgericht Traunstein in seinem Urteil deutlich gemacht, dass „die Stellwerkstechnik funktioniert und die Gegenfahrt der beiden Züge nicht zugelassen hat“. Ursache des Unfalls sei das „grob fehlerhafte Verhalten des Mitarbeiters gewesen, der in die funktionierende Stellwerkstechnik eingegriffen und die Sicherungsmechanismen damit außer Kraft gesetzt hat“. Wie berichtet, war der Fahrdienstleiter durch ein Handyspiel abgelenkt. „Um solchem Fehlverhalten vorzubeugen, entwickeln wir die Aus- und Fortbildungen für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kontinuierlich weiter und führen engmaschige Kontrollen durch“, sagt die Bahn-Sprecherin. Hinzu kommt ein regelmäßiges Simulationstraining für Fahrdienstleiter. „In den Schulungen sensibilisieren wir auch gezielt hinsichtlich der Risiken durch Ablenkung.“ Außerdem seien die Einrichtungen und das Verfahren für das Absetzen von Notrufen angepasst worden, um Handlungsabfolgen zu vereinfachen und eventuelle Verwechslungen auszuschließen. Der Gebrauch privater Handys im Dienst ist für Fahrdienstleiter ohnehin verboten. „Das war auch schon vor dem Unfall in Bad Aibling der Fall.“ Auch dies sei elementarer Bestandteil der Ausbildung, betont die Bahn
. Da es sich beim Unglück in Bad Aibling um einen Fehler des Fahrdienstleiters handelte, kann die Bayerische Regiobahn (BRB) indes keine Auskunft zu Mechanismen oder Vorgaben, die ein Unglück womöglich hätten verhindern können, geben. Fahrdienstleiter gehörten ebenso zum Personal der Deutschen Bahn. Grundsätzlich betont jedoch eine BRB-Sprecherin, dass das sicherste motorisierte Verkehrsmittel in Deutschland die Eisenbahn sei.
„Eine besondere Rolle spielt speziell dieses Unglück in der Ausbildung der Triebfahrzeugführenden nicht“, erklärt sie auf OVB-Anfrage. Allerdings werde das Personal selbstverständlich auf das Verhalten in diversen Notsituationen geschult.
Einsatz von
Psychologen
„In den ersten Wochen nach dem Unglück hatten unsere Triebfahrzeugführenden auf sehr unterschiedliche Weise mit den Ereignissen zu kämpfen“, so die Sprecherin. Nur durch den sofortigen Einsatz von Psychologen vor Ort und eine flächendeckende Betreuung des Personals hätten alle wieder ihren gewohnten Dienst antreten können. Als Unterstützung hat die BRB den Triebfahrzeugführenden anfangs angeboten, auf diesem Streckenabschnitt in Begleitung eines zweiten Kollegen zu fahren, „was eine erhebliche Erleichterung für das Personal darstellte“, erinnert sich die BRB-Sprecherin.