Traunstein – Fragt man die Vertreter des heimischen Mittelstandes im Landkreis Traunstein, wo der Schuh am meisten drückt, kommt die Antwort ohne großes Überlegen: „Die Bürokratie ist und bleibt ein leidiges Thema“, so Nikolaus Binder kürzlich bei einem Pressegespräch der Industrie- und Handelskammer. Binder ist Vorsitzender des Traunsteiner IHK-Regionalausschusses und Geschäftsführer der Firma Kreiller. Die Bürokratie sei ein konkreter Kostentreiber in den Unternehmen: Viele Firmen hätten eigenes Personal nur dafür, um Anträge bei den Behörden zu stellen, Reportings zu liefern oder um Nachweise zu erbringen.
200 Behördenkontakte
im Jahr im Durchschnitt
Mittelständische Unternehmen hätten im Schnitt 200 Behördenkontakte im Jahr, während es bei Privatleuten nur um die zehn sind. „Ja, viele Vorgaben kommen von der Bundes- oder Landesebene oder auch von der Europäischen Union“, weiß Nikolaus Binder. „Aber wir wollen beeinflussen, wie diese Richtlinien und Gesetze letztlich bei uns ankommen.“ Das Gros der Bürokratie werde nicht auf lokaler Ebene ausgearbeitet. „Viele Amtsträger werden im März aber neu gewählt und ihnen möchten wir unsere Anliegen näherbringen.“ Allein für die 70 Mandate im Traunsteiner Kreistag bewerben sich beispielsweise über 540 Kandidaten.
Verlässliche Vertretungen,
schnellere Abstimmungen
Jens Wucherpfennig, Leiter der IHK-Geschäftsstelle in Rosenheim, wünscht sich konkret zum Beispiel verlässliche Vertretungsregelungen in den Verwaltungen, damit Bauanträge nicht wochenlang liegenbleiben. Oder schnellere Abstimmungen mit den Rathäusern über kurze Dienstwege wie das Telefon, anstatt langen Schriftverkehrs.
Wo es in den Gemeindeverwaltungen vielleicht oft noch hapert, da sei man im Traunsteiner Landratsamt, mit der Tochtergesellschaft Chiemgau GmbH, schon einen Schritt weiter. „Das Vorgehen unserer Kreisbehörde ist positiv zu beurteilen. Das ist auch mit dem neuen Landrat so geblieben“, hebt Nikolaus Binder hervor.
Mit ein Grund: Das Traunsteiner Landratsamt arbeitet seit 2018 nach den Kriterien des RAL-Gütezeichens. Damit war man Vorreiter in ganz Bayern. Dadurch werden für kleine und mittelständische Unternehmen einfachere Rahmenbedingungen geschaffen: Die Kreisbehörde verspricht damit unter anderem Entscheidungen zu Baugenehmigungen innerhalb von 40 Tagen, Entscheidungen zu Schwertransporten innerhalb von drei Tagen oder Antworten auf E-Mails binnen 24 Stunden – oder dass Gespräche in den Räumen der Firmen und nicht im Landratsamt stattfinden können.
„Diese Beschleunigung über die RAL-Zertifizierung soll sich auch in den Städten und Gemeinden fortsetzen“, wünscht sich Traunsteins IHK-Vorsitzender Binder.
„Auch bei uns gewisse
Abwanderungstendenzen“
„Der Kommunalpolitik muss bewusst sein, dass es auch bei uns gewisse Abwanderungstendenzen ins Ausland gibt“, macht Nikolaus Binder klar. Die Geschäftslage der mittelständischen Unternehmen werde in Südostbayern schlechter eingeschätzt als im bayerischen Schnitt.
Auch die Bereitschaft für neue Investitionen oder Personalaufbau sei in Südostbayern geringer. „Eher wollen die Firmen Personal ausstellen als einstellen“, so Binder. Er hält es für „sehr wahrscheinlich“, dass die Arbeitslosigkeit auch in unserer Region künftig steigen wird.