Regionale Wirtschaft auf Talfahrt

von Redaktion

Die Konjunkturumfrage der IHK für München und Oberbayern zeichnet ein düsteres Bild für die Landkreise Mühldorf und Altötting. Investitionen werden gestoppt, Stellen gestrichen – doch nicht überall herrscht Stillstand.

Mühldorf/Altötting – „Die Wirtschaft in der Region Inn-Salzach setzt Talfahrt fort“ – so betitelt die IHK für München und Oberbayern ihre aktuelle Konjunkturumfrage bei den Unternehmen in den Landkreisen Mühldorf und Altötting. Eine Talfahrt, die inzwischen auch Arbeitsplätze kostet, das zeigen Stichproben der OVB-Heimatzeitungen – aber nicht überall.

Dreimal im Jahr befragt die IHK Unternehmen zur wirtschaftlichen Lage; zuletzt von Anfang bis Mitte Januar. Für die Gesamtregion Südostoberbayern fällt der IHK-Konjunkturindex im Vergleich zum Herbst um acht Zähler auf 99 Punkte und liegt damit deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt von 114 Punkten.

Jedes dritte Unternehmen meldet schlechtes Geschäft

„Auch zu Beginn des neuen Jahres erlebt die Wirtschaft in der Region Inn-Salzach keinen Aufbruch – im Gegenteil“, fasst IHK-Sprecher Florian Reil das Ergebnis mit Blick auf die Landkreise Mühldorf und Altötting zusammen. „Die Geschäftslage bricht regelrecht ein und erreicht das schlechteste Niveau seit Beginn der regionalen Aufzeichnung im Jahr 2015.“

Jedes dritte Unternehmen (36 Prozent) vermeldet ein schlechtes Geschäft. Vor allem die Energiepreise seien ein Problem, so zwei Drittel (63 Prozent) der Befragten. Hinzu kämen hohe Rohstoffpreise, Handelshemmnisse wie Zölle und eine schwache Nachfrage. Drei von fünf Unternehmen nennen auch die Arbeitskosten; hier sind vorwiegend die Lohnnebenkosten ein Thema.

Eine Trendwende ist nicht absehbar, aber auch „keine weitere Verschlechterung“, meint Reil. Allerdings sind inzwischen für drei von vier Unternehmen (75 Prozent) die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen ein Risiko; vor einem Jahr waren es nur drei von fünf Betrieben (60 Prozent). Die Folge: Jedes vierte Unternehmen (24 Prozent) möchte seine Investitionen zurückschrauben und die Zeichen stünden „weiterhin klar“ auf Stellenabbau, schreibt Reil: 16 Prozent wollen Stellen schaffen, 28 Prozent wollen Stellen streichen.

Chemie unter Druck:
Stellenabbau bei Wacker

Prominentestes Beispiel ist die Wacker Chemie mit rund 8.000 Mitarbeitern in Burghausen. Das Unternehmen möchte weltweit jährlich über 300 Millionen Euro einsparen – unter anderem „durch einen Personalabbau von über 1.500 Stellen“, schreibt Wacker-Sprecher Christoph Kleiner. „Der Großteil davon wird die deutschen Standorte betreffen.“

Auch im benachbarten Burgkirchen sieht es beim Chemiepark Gendorf nicht besser aus. Infraserv-Sprecher Tilo Rosenberger-Süß: „Die komplette chemische Industrie in Deutschland befindet sich weiterhin in einer strukturellen Krise. Die Produktionsmengen liegen aktuell fast 25 Prozent unter dem Höchststand des Jahres 2021 und etwa 13 Prozent unter dem Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre.“

Die Folge: rückläufige Investitionen und Abbau von Arbeitsplätzen. In Gendorf sank die Zahl der Mitarbeiter in den vergangenen Jahren von rund 4.000 auf etwa 3.600. Das ist ein Minus von zehn Prozent, vor allem durch Stellenabbau bei Dyneon und Infraserv. Rosenberger-Süß: „Tendenz weiter fallend.“

Ein Lichtblick:
ODU in Mühldorf

Ein Lichtblick ist dagegen Mühldorfs größter Arbeitgeber ODU (1.500 Mitarbeiter). „Basierend auf einer klaren Strategie und getragen von dem Einsatz aller Mitarbeiter setzen wir unseren Wachstumskurs fort“, schreibt ODU-Sprecherin Nicol Schindlbeck. „Trotz der aktuell herausfordernden gesamtwirtschaftlichen Lage bleibt ODU auf stabilem Kurs.“ Das Unternehmen investiere bewusst in Mühldorf, zuletzt in ein neues Logistikzentrum. Das stärke nachhaltig die Wettbewerbsfähigkeit. „Unsere Stärke liegt in technologischem Anspruch, langfristigem Denken und einer starken regionalen Verankerung.“

„Die Entwicklung der wirtschaftlichen Lage in der Region ist dramatisch“, sagt Andreas Bensegger, Vorsitzender des IHK-Regionalausschusses Rosenheim. „Dass die ohnehin schon seit Jahren schlechter werdende Geschäftslage jetzt noch einmal auf ein krisenähnliches Niveau absackt, ist ein mehr als deutliches Warnsignal.“

„Die Ergebnisse der Konjunkturumfrage sind alarmierend“, sagt auch Ingrid Obermeier-Osl, Vorsitzende des IHK-Regionalausschusses Altötting-Mühldorf und IHK-Vizepräsidentin. „Eine solch lang anhaltende Talfahrt der heimischen Wirtschaft haben wir noch nicht erlebt.“ Die Region spüre zudem die Schwäche der chemischen Industrie, so Obermeier-Osl: „Immerhin arbeiten hier rund 40.000 Menschen und wir als Region stehen für sechs Prozent der gesamtdeutschen Chemieproduktion und etwa 50 Prozent aller bayerischen Arbeitsplätze in der Chemieindustrie.“

Bund, Länder und
Kommunen sind gefordert

Die viel zu hohen Energiekosten, Auflagen und Regularien, Zollstreitigkeiten, explodierenden Arbeitskosten und die fehlende Nachfrage würden die Chemie-Branche mit „mit voller Wucht“ treffen, meint Obermeier-Osl. „Obendrauf kommen noch die Standortkosten und ausbleibende Zusagen des Bundes zur ABS38. Um aus dieser Situation herauszukommen und die Wirtschaft zum Laufen zu bringen, braucht es endlich Strukturreformen – und zwar jetzt.“ Das liege zwar vor allem am Bund und Land, aber auch die Kommunen können einen Beitrag leisten, meint Obermeier-Osl.

Sie fordert: „Bürokratie dort abbauen, wo sie über Anträge von Unternehmen oder neue Gewerbeflächen entscheiden“, schnelleres Bearbeiten gewerblicher Anliegen, eine mittelstandsorientierte und wirtschaftsfreundliche Kommunalverwaltung – und „was die Wirtschaft besser machen kann, die Wirtschaft einfach machen lassen“. Außerdem brauche es eine „kluge und wirtschaftliche Haushaltsführung“ der Kommunen, die auf unnötige Ausgaben sowie höhere Hebesätze bei der Gewerbesteuer verzichtet und in die Infrastruktur investiert. „Die Kommunalpolitik hat direkten Einfluss auf zentrale Standortfaktoren in unserer Region.“ Und so hat Obermeier-Osl bei Mühldorfs Landrat Max Heimerl schon angeregt, der Landkreis solle sich im Rahmen des geplanten bayerischen Modellregionengesetzes („Einfach-mal-machen-Gesetz“) bewerben. Die Modellregionen sollen neue Wege ausprobieren, um Verwaltung einfacher, schneller und bürgerfreundlicher zu machen: „Einfach mal machen“ statt lange zu prüfen.

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