München/Burghausen – Dr. Christian Hartel, Vorstandschef der Wacker Chemie, hatte bei der Bilanzpressekonferenz am Mittwoch (11. März) für die Mitarbeiter an den deutschen Standorten keine guten Nachrichten: Der Stellenabbau muss und wird kommen. Je schneller, desto schmerzloser werde es sein. Aber auch für die Anleger hatte Hartel, trotz vorsichtigem Optimismus, ein paar Dämpfer.
Nach den Horrorzahlen für 2025 – Umsatz minus vier Prozent auf 5,5 Milliarden Euro und ein Verlust von 805 Millionen Euro – erwartet Hartel heuer zwar ein Umsatzwachstum „im niedrigen einstelligen Prozentbereich“. Mögliche Auswirkungen aus dem Krieg im Nahen Osten seien aber noch nicht eingepreist, gaben Hartel und Finanzvorstand Dr. Tobias Ohler zu; das sei noch zu frisch.
„Die Spielregeln
haben sich verändert“
Auch ohne diesen Krieg steht Wacker vor gewaltigen Herausforderungen. Hartel: „Der Markt verschiebt sich grundlegend. Die Spielregeln haben sich verändert.“ Fallende Preise, sinkende Nachfrage, ungünstige Wechselkurse, neue Wettbewerber und Standortnachteile in Deutschland wie hohe Energiepreise und „überbordende Regulierungen“ machen dem Unternehmen zu schaffen. „Die Chemieproduktion ist seit 2022 im Rückwärtsgang.“ Das sei keine konjunkturelle Delle. „Es ist ein struktureller Wandel. Die guten alten Zeiten kommen nicht wieder.“
Hartel forderte wettbewerbsfähige Standortbedingungen, unter anderem einen Energiepreis von vier Cent pro Kilowattstunde „inklusive aller Nebenkosten“.
Gleichzeitig mache Wacker seine Hausaufgaben, erklärte Hartel. Das Unternehmen senke Kosten und verschlanke Strukturen. Denn: Die Kapazitäten seien nicht ausgelastet, die Fixkosten zu hoch, führte Finanzvorstand Ohler aus. Die Folge: Wacker schreibt rote Zahlen – nicht nur wegen der rund 600 Millionen Euro Abschreibungen und Wertkorrekturen.
Hier setzt das Sparprogramm „Pace“ an. Damit sollen weltweit über 300 Millionen Euro eingespart werden – jährlich. Außerdem sollen von den weltweit über 16.000 Stellen mindestens 1.500 wegfallen – der Großteil in Deutschland. Das sei entscheidend, „um wieder in die positive Gewinnzone zu kommen“, sagte Hartel und forderte Tempo. „Der Wettbewerb wartet nicht. Wir müssen aus der Verlustzone herauskommen.“ Je länger das dauere, „desto umfangreicher werden die Einschnitte werden“.
In Deutschland werde noch verhandelt, stehen Details noch aus, so Hartel. Gleichzeitig schaffen andere Standorte bereits Fakten. In China seien schon 200 Stellen abgebaut worden; in den USA werde bereits das Aus für ein Werk in Kalifornien vorbereitet.
„Wir brauchen einen neuen Takt“, forderte Hartel. Geschwindigkeit spiele „eine große Rolle“. Die Strukturen und Prozesse müssen nachhaltig schneller und effizienter werden. Denn aktuell sind die deutschen Werke in den roten Zahlen, sagte Finanzvorstand Ohler, „auch Burghausen“.
Wacker spart nicht nur, es investiert auch (2025: 466 Millionen Euro). Der Fokus liegt dabei auf Polysilicium für die Halbleiterindustrie, das unter anderem für die Hardware für Künstliche Intelligenz gebraucht wird. Hier ging 2025 in Burghausen eine neue Fertigungslinie in Betrieb, die laut Hartel „das mit Abstand reinste Material auf dem Planeten“ herstellt.
Hinzu kommen ein neues Forschungszentrum für Biotechnologie in München sowie in Japan und Südkorea für die Spezialchemie. Im tschechischen Karlsbad entsteht eine Fertigung für Hochleistungssilicone, die unter anderem bei der E-Mobilität und bei erneuerbaren Energien zum Einsatz kommt. Hartel: „Mit all diesen Investitionen haben wir das Fundament für eine erfolgreiche Zukunft gelegt.“
Wacker möchte 2026
wieder wachsen
Für heuer rechnen die Wacker-Chefs trotz aller Widrigkeiten mit einem Umsatzwachstum im „niedrigen einstelligen Prozentbereich“ – getrieben von Polysilicium für Halbleiter und Biosolutions. Der Gewinn vor Steuern, Abschreibungen und Zinsen (EBITDA) soll zwischen 550 und 700 Millionen Euro liegen; 2025 waren es 427 Millionen Euro (2024: 744 Millionen Euro).
Hartel gab sich insgesamt optimistisch. Wacker habe in seiner über 100-jährigen Geschichte immer wieder bewiesen, „dass wir uns erfolgreich an neue Gegebenheiten anpassen können. Daher bin ich überzeugt, dass wir den vor uns liegenden Wandel erfolgreich gestalten. Wir haben aber keine Zeit mehr zu verlieren. Wir müssen endlich handeln. Jetzt.“ Dennoch dämpften die Wacker-Chefs die Freude der Anleger. Wenn es nach ihnen geht, bekommen die Aktionäre heuer keine Dividende. Auch das Ziel, bis 2030 einen Jahresumsatz von zehn Milliarden Euro zu erreichen, kassierte Hartel ein. Er möchte aber weiter profitabel sein und eine EBITDA-Marge von 20 Prozent erreichen; so viel operativer Gewinn soll vom Umsatz bleiben. 2025 lag diese Marge bei acht Prozent.