Gstadt/Chiemgau/München – Klammheimlich soll ein Gigant verschwinden – zumindest wenn es nach einem der größten Energieversorger Deutschlands geht: Mitten im Chiemgau bahnt sich eine energiepolitische Abwicklung an, die die Versorgungssicherheit einer ganzen Region ins Wanken bringen könnte. Der Energiekonzern Uniper will den Erdgasspeicher Breitbrunn/Eggstätt endgültig stilllegen.
Gewaltige
Dimensionen
Die Dimensionen sind gewaltig: Mit einer Kapazität von rund einer Milliarde Kubikmetern ist die Anlage der größte Porenspeicher Süddeutschlands. Stichtag für die anvisierte Außerbetriebnahme ist der 31. März 2027. Brisant ist dabei hauptsächlich der Ablauf: Bereits im September 2025 reichte Uniper den Antrag bei der Bundesnetzagentur (BNetzA) in Bonn ein. Vor Ort im Chiemgau wusste niemand etwas. Der Konzern schafft Fakten – die Kommunen sind außen vor.
Das Konto weint: Uniper macht keinen Hehl aus dem wahren Motiv hinter dem Rückzug. Der Speicher reißt schlichtweg ein Loch in die Kasse. Eine Sprecherin bei Uniper liefert auf Anfrage der Redaktion die nüchternen Zahlen und die unerbittliche Marktlogik dahinter. Aktuell pfeift die Anlage sprichwörtlich auf dem letzten Loch: Gerade einmal rund zehn Prozent (circa 1,18 Terawattstunden) beträgt der Füllstand. (Stand: Mitte März)
Ein sogenannter Porenspeicher ist im Grunde ein ausgefördertes, natürliches Erdgasfeld, das heute als gigantischer, unterirdischer Gesteinsschwamm genutzt wird. Die Ein- und Ausspeicherung dauert hier naturgemäß lang. Zitat Uniper: „Porenspeicher benötigen die gesamte Einspeichersaison von März bis Oktober, um ausreichend befüllt zu werden.“ Das Problem der Erdgasspeicher: Bis zum Angriff Russlands auf die Ukraine wurde hauptsächlich im Sommer günstig Gas aus Russland eingekauft, welches dann eingelagert wurde – in Fachkreisen hieß es dann oft günstiges Sommer- und teures Wintergas. Durch LNG, Flüssiggas, welches seither verstärkt aus anderen Ländern wie den USA oder Katar importiert wird, sind die Unterschiede der saisonalen Lieferungen und Preise kaum noch relevant, Speicher daher kaum mehr wirtschaftlich.
Diese technische Trägheit wird dem Speicher nun am Markt zum Verhängnis. Uniper erklärt die Konzernlogik: „Porenspeicher wie Breitbrunn sind deutlich langsamer als Kavernenspeicher. Dadurch können sie kaum zusätzliche Erlöse jenseits des Sommer-Winter-Spreads erzielen. Ihnen fehlt der sogenannte extrinsische Wert – also der Wert aus schneller Betriebsflexibilität – weitgehend.“
Übersetzt für den Laien: Das riesige Feld im Chiemgau taugt nicht für den schnellen, lukrativen Gashandel an der Börse. Die Einnahmen decken laut Uniper oft nicht einmal mehr die Fixkosten. Der Konzern sieht den Bund in der Pflicht und sendet einen kaum verhüllten Ruf nach Subventionen: „Gleichzeitig wird der systemische Wert – etwa die Bedeutung für Versorgungssicherheit und Netzstabilität – vom Markt nicht angemessen vergütet.“
Klartext: Uniper fordert eine staatliche Prämie dafür, dass der Speicher für den Notfall bereitsteht. Bleibt diese aus, soll dichtgemacht werden. Bewusstseinsspaltung pur, denn: Absurd wird der Klagegesang über mangelnde Rentabilität erst beim Blick auf die Eigentümerstruktur. Uniper ist kein privates Unternehmen, das hier auf Profite schielt. Das Unternehmen gehört seit der Rettung in der Gaskrise 2022 zu über 99 Prozent der Bundesrepublik Deutschland.
Wenn die Uniper-Sprecherin bemängelt, der Bund setze falsche Anreize, dann klagt hier faktisch der Staat gegen sich selbst. Ein Staatskonzern plant damit, kritische Infrastruktur in Bayern abzuschalten, weil die Gesetze der Bundesregierung ihm nicht passen. Wenn Uniper nun nach einem System ruft, das einen kostendeckenden Betrieb ermöglicht, ruft also eigentlich die linke Tasche des Finanzministers nach dem Geld aus der rechten Tasche.
In Sorge um
die Arbeitsplätze
Unvorbereitet trifft diese kühle, in sich widersprüchliche Staatslogik indes die Lokalpolitik. Während in Bonn längst die Akten gewälzt werden, tappte man in den Rathäusern im Dunkeln. Auf die direkte Frage, ob die Gemeinde im Vorfeld offiziell über den Stilllegungsantrag informiert wurde, antwortet die zuständige Verwaltung in Gstadt am Chiemsee mit einem einzigen, trockenen Wort: „Nein.“ Die Konsequenz: Den Kommunen droht ein wirtschaftlicher Blindflug. Aus dem Rathaus heißt es zu den Befürchtungen: „Es betrifft natürlich Arbeitsplätze und auch Einbußen in der Gewerbesteuer.“ Uniper jedoch mauert, wenn es ans Eingemachte geht.
Konfrontiert mit der Frage nach der Zukunft der Belegschaft in Breitbrunn, schlägt die PR-Abteilung die Tür zu: „Wir bitten allerdings um Verständnis, dass wir als Betreiber einer ‚kritischen Infrastruktur‘ zu Mitarbeiterzahlen an unseren Speicherstandorten keine Angaben machen.“ Gleiches gilt für einen möglichen Rückbau der gigantischen Anlagen. Die Menschen vor Ort bleiben mit ihren drohenden Sorgen allein. Die finale Entscheidungsgewalt liegt nun bei der Bundesnetzagentur in Bonn.
Die Behörde bestätigt das laufende Verfahren und prüft derzeit, ob sich eine Stilllegung auf die Versorgungssicherheit der Bundesrepublik auswirkt. Hält Bonn den Speicher für entbehrlich, kappen die Bagger vermeintlich 2027 die Röhren.