Warten auf den Stellenabbau in Burghausen

von Redaktion

20 Jahre nach dem Börsengang kämpft die Wacker Chemie AG gegen strukturelle Krisen. Auf der Hauptversammlung stellte der Konzern seine Reaktion vor: Ein Sparprogramm mit Stellenabbau soll Abhilfe schaffen, während erste Quartalszahlen Hoffnung machen.

München/Burghausen – Vorsichtiger Optimismus, so lässt sich die Hauptversammlung der Wacker Chemie AG am Mittwoch (6. Mai) zusammenfassen. Vorstandschef Dr. Christian Hartel äußerte sich bei der rein virtuellen Veranstaltung unter anderem zum Stand beim geplanten Stellenabbau in Deutschland und damit auch in Burghausen.

Vor 20 Jahren der
Gang an die Börse

Vor 20 Jahren ging die Wacker Chemie AG am 10. April 2006 an die Börse. Mit einem Emissionsvolumen von 1,2 Milliarden Euro war es damals einer der größten Börsengänge Deutschlands. Seitdem sei Wacker trotz aller Krisen gewachsen, erklärte Hartel einleitend: „Das zeigt, Wacker kann Umbrüche bewältigen.“

Vor so einem steht der Konzern (5,5 Milliarden Euro Umsatz) derzeit. 2025 gab es einen Rekordverlust von 805 Millionen Euro; unter anderem wegen zahlreicher Abschreibungen. Aber auch ohne die hätte Wacker rote Zahlen geschrieben, sagte Hartel: „Das ist nicht akzeptabel. Wacker kann mehr. Das wollen und das werden wir auch zeigen.“

Eine Antwort ist seit Oktober „Pace“, das laut Hartel größte Kosten- und Effizienzprogramm in der Geschichte von Wacker. Weltweit sollen damit jährlich über 300 Millionen Euro eingespart und über 1500 der weltweit rund 16.000 Mitarbeiter abgebaut werden, der Großteil davon in Deutschland.

Dieser Schritt falle nicht leicht, betonte Hartel. „Aber er ist notwendig, um Wacker wieder auf die Erfolgsspur zu bringen.“ Zugleich machte er erneut Druck: „Der Name ist Programm, Geschwindigkeit zählt.“

Während in China schon 200 Stellen gestrichen wurden, in Kalifornien bereits die Schließung eines Werks vorbereitet und in Norwegen ebenfalls schon Strukturen verschlankt würden, stehen konkrete Zahlen für Deutschland und den größten Standort in Burghausen noch aus.

„In Deutschland befinden wir uns auf der Zielgeraden. Die Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern stehen unmittelbar vor dem Abschluss“, erklärte dazu Hartel. „Ich bin zuversichtlich, dass wir hier in Kürze zu einer Einigung kommen und gute Lösungen präsentieren werden. Unser Ziel ist es, bis Ende 2027 alle Maßnahmen aus Pace umzusetzen.“

Daneben schärfe Wacker seine strategische Ausrichtung, erläuterte Hartel. Das Unternehmen konzentriere sich künftig auf Spezialchemie, auf Polysilizium für die Halbleiter sowie auf innovative Biotech-Lösungen.

„Ich bin überzeugt, wir werden auch den vor uns liegenden Wandel erfolgreich gestalten“, versicherte Hartel abschließend. „Wir haben nicht nur die richtigen Produkte und Lösungen für die Zukunft, wir haben auch das richtige Team, um auf die Herausforderungen einzugehen. Mit unserem Kosten- und Effizienzprogramm Pace stärken wir unsere Wettbewerbsfähigkeit und schaffen die wirtschaftliche Basis. Entlang unserer strategischen Prioritäten legen wir gleichzeitig die Spur für unser künftiges Wachstum.“

Das erste Quartal 2026 lieferte bereits erste positive Zahlen. Der Umsatz lag mit 1,41 Milliarden Euro nur fünf Prozent unter dem Vorjahresquartal und um zwölf Prozent über dem vierten Quartal 2025. Das Konzernergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) belief sich auf 173 Millionen Euro; 45 Prozent mehr als im Vorjahr. Als Grund nennt Wacker Kosteneinsparungen sowie vorgezogene Bestellungen aufgrund des Konflikts im Nahen Osten. Und: „Wir geben Mehrkosten aus den gestiegenen Rohstoff- und Energiepreisen konsequent an unsere Kunden weiter.“

Insgesamt rechnet Wacker jetzt heuer mit einem Umsatzplus im hohen einstelligen Prozentbereich; bisher war es im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Die EBITDA-Prognose bleibt für 2026 unverändert in der Spanne von 550 bis 700 Millionen Euro. „Die Volatilität in den Märkten ist derzeit hoch, die Lage im Nahen Osten mit all ihren Auswirkungen ungewiss. Daher ist unsere Jahresprognose weiterhin mit großer Unsicherheit behaftet“, betonte der Vorstandschef.

Unabhängig von den Entwicklungen im Nahen Osten stehe die Chemieindustrie vor grundlegenden Herausforderungen – insbesondere in Deutschland und Europa, warnte Hartel. „Seit Jahren ist die Chemieproduktion hierzulande im Rückwärtsgang. Das ist längst keine konjunkturelle Delle mehr, sondern ein struktureller Wandel.“

Politik in die
Pflicht genommen

Hartel nahm die Politik in Berlin und Brüssel in die Pflicht: „Ob Energiepreise, Bürokratie oder Regulatorik: Wir brauchen ein ,level playing field‘ – also ein Spielfeld, auf dem vergleichbare internationale Wettbewerbsbedingungen gelten. Nur so hat die chemische Industrie in Deutschland und Europa eine erfolgreiche Zukunft. Die chemische Industrie ist nicht nur eine Basisindustrie, sie ist eine Zukunftsindustrie. Das dürfen wir in Deutschland und Europa nicht aufs Spiel setzen.“ Die Aktionäre billigten alle Beschlussvorlagen und verzichteten auf die Ausschüttung einer Dividende.

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