Wacker streicht jede sechste Stelle in Burghausen

von Redaktion

Der Chemiekonzern Wacker streicht an seinem Standort in Burghausen 1.300 Stellen, was 16 Prozent der Belegschaft entspricht. Zusätzlich verzichten die verbleibenden Mitarbeiter auf vier Prozent ihres Lohns. Die Arbeitnehmervertretung stimmte zu, um noch drastischere Einschnitte des Unternehmens zu verhindern.

Burghausen/München – „Das ist der größte Einschnitt in der Geschichte von Wacker“, so bewertet Günter Zellner, Bezirksleiter der Chemiegewerkschaft IG BCE, das, was Wacker in der Pressemitteilung am Freitag, 8. Mai, mit „Wacker treibt Kosten- und Effizienzprogramm Pace weiter voran“ betitelt.

Bis Ende nächsten Jahres sollen alleine in Burghausen 1.300 Mitarbeiter abgebaut werden. Das sind 16 Prozent der derzeit gut 8.000 Mitarbeiter. Zudem leisten alle deutschen Mitarbeiter bis 2028 einen „temporären Solidarbeitrag“, so das Unternehmen: Sie arbeiten vier Prozent weniger und bekommen auch vier Prozent weniger Lohn. Das ist Teil des Programms „Pace“, mit dem Wacker (5,5 Milliarden Umsatz) weltweit jährlich über 300 Millionen Euro einsparen und über 1.500 Stellen der insgesamt 16.000 Beschäftigten abbauen möchte.

Pace ist die Reaktion auf den Rekordverlust von 805 Millionen Euro im vergangenen Jahr sowie auf den weltweiten Strukturwandel in der chemischen Industrie. Bei der Hauptversammlung hatte Hartel am vergangenen Mittwoch dazu gesagt: „Das ist nicht akzeptabel. Wacker kann mehr. Das wollen und das werden wir auch zeigen.“

„Die Wacker Chemie AG treibt ihr im Oktober 2025 gestartetes weltweites Kosten- und Effizienzprogramm Pace weiter voran“, schreibt das Unternehmen in seiner Mitteilung. Damit soll die Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig gestärkt werden.

Am vergangenen Mittwoch hatte Vorstandschef Christian Hartel bei der Hauptversammlung schon angekündigt, dass die Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern unmittelbar vor dem Abschluss seien. Am gestrigen Freitag landete dann um 11.32 Uhr die Pressemitteilung im Posteingang: „In Deutschland haben sich Unternehmensleitung und Arbeitnehmervertretung nun auf einen sozialverträglichen Umsetzungsplan für den Abbau von rund 1.600 Stellen geeinigt.“

Geplant ist, am weltweit größten Standort in Burghausen 1.300 Arbeitsplätze abzubauen, am Standort Nünchritz 200 Stellen, am Unternehmenssitz in München 60 Stellen sowie an weiteren Standorten in Deutschland insgesamt 50 Stellen. „Der geplante Stellenabbau erfolgt über ein Freiwilligenprogramm, das attraktive Altersteilzeitregelungen und Aufhebungsverträge umfasst.“ Dadurch ergebe sich „der erforderliche finanzielle Spielraum, um betriebsbedingte Kündigungen auszuschließen“.

„Wir haben noch das Schlimmste abgewendet“, sagte Gewerkschafter Zellner zu diesem Ergebnis, das die Betriebsräte mit Unterstützung der IG BCE erreicht hätten. „Wacker wollte anfangs kündigen und die Löhne um zehn Prozent senken. Das ist auf unseren erbitterten Widerstand gestoßen.“ In „langen und sehr harten“ Verhandlungen sei unter anderem erreicht worden: keine betriebsbedingten Kündigungen sowie Schutzmaßnahmen bei Versetzungen.

Im Gegenzug habe man in den „sauren Apfel“ gebissen und der Arbeitszeitabsenkung um vier Prozent ohne Lohnausgleich zugestimmt, erklärt Zellner. „Wir haben sehr viel erreicht.“ Begeistert klingt er am Telefon trotzdem nicht.

„Mit der jetzt geschlossenen Vereinbarung haben wir einen wichtigen Meilenstein erreicht, um den notwendigen Wandel auch in Deutschland voranzutreiben und unsere Wettbewerbsfähigkeit zu stärken“, lässt sich Wacker-Chef Hartel zitieren. „An unseren internationalen Standorten haben wir bereits zahlreiche Maßnahmen umgesetzt, die uns flexibler, effizienter und schneller machen. Nun geht es auch in Deutschland in die Umsetzung.“ Hartel hatte in den vergangenen Monaten bei öffentlichen Auftritten bei Pace Druck gemacht: „Der Name ist Programm, Geschwindigkeit zählt.“

Der Stellenabbau orientiert sich an einem detaillierten Umsetzungsplan, auf den sich Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter geeinigt haben, so das Unternehmen. Dieser sehe eine Vielzahl von Strukturmaßnahmen vor, unter anderem die Zusammenlegung von Betrieben in der Produktion, die Flexibilisierung des Schichtsystems und Verlagerungen an internationale Service-Hubs.

„Gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern sind wir zu guten Lösungen gekommen, die notwendigen Strukturmaßnahmen in Deutschland nicht nur schnell, sondern vor allem auch sozialverträglich umzusetzen“, sagt Arbeitsdirektorin Angela Wörl. „Dadurch stärken wir die Position unserer deutschen Standorte im internationalen Wettbewerb und legen die Basis für künftiges profitables Wachstum.“

„Wir hoffen, dass nicht mehr hinterherkommt“, sagt Zellner. Ob die jetzigen Maßnahmen das Ende der Fahnenstange sind, werde sich noch zeigen. Angesichts der weltweiten Krise meint auch Zellern: „Einfach ist es nicht.“

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