Warnstreik in der Milchwirtschaft

von Redaktion

Mehr als 200 Mitarbeiter von vier regionalen Milchbetrieben sind am gestrigen Donnerstag protestierend durch Wasserburg gezogen. Mit dem Warnstreik wollte die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten im Tarifstreit den Druck auf die Arbeitgeber erhöhen. Diese reagierten mit Unverständnis auf die Aktion.

Wasserburg/Haag/Waging – „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Löhne klaut!“, so schallte es am Donnerstag (23. Juli) durch die Straßen der Altstadt. Fest entschlossen, eine bessere Entlohnung durchzusetzen, zeigten sich an dem Tag rund 200 Mitarbeitende der heimischen Milchwerke bei ihrem Demo-Zug.

Stillstand bei
Tarifverhandlungen

Bereits bei ihrer Kundgebung vor dem Bürgerbahnhof konnte man die allgemeine Stimmung erahnen. Lautstark, begleitet von einem lauten Pfeifkonzert, beantworteten sie im Chor die Frage „Was sagt ihr zum 3. Angebot der Arbeitgeber?“, gestellt vom Geschäftsführer der NGG-Region Rosenheim-Oberbayern Manuel Halbmeier, nur mit dem Wort „Scheiße!“

Der Hauptgrund für die Kundgebung: Die Tarifverhandlungen der bayerischen Milchwirtschaft seien zum Stillstand gekommen. Deshalb hatte die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) zu diesem Warnstreik aufgerufen und außerdem einen „Milch-Protest-Zug“ durch Wasserburg angekündigt. Es galt an dem Tag in der Hauptsache, gegen die „Lohn-Bremse“, so Demonstranten, der Bayern-Milchindustrie Oberbayern zu demonstrieren. Mit einem zentralen Warnstreik wollten so die Beschäftigten der Privatmolkereien Meggle und Bauer aus Wasserburg, des Milchwerks Jäger aus Haag und der Bergader Privatkäserei aus Waging akustischen und optischen Druck auf die Arbeitgeber ausüben. „Den Arbeitgebern muss klar sein, dass sie ihren Fuß von der Lohnbremse nehmen müssen“, betonte in seiner Streikrede auch Halbmeier. Ziel der Gewerkschaft sei ein Lohn-Plus von 4,1 Prozent für ein Jahr. Azubis sollten 80 Euro pro Monat mehr bekommen. Außerdem wolle man auf Gewerkschaftsseite erreichen, dass die Beschäftigten künftig eine zusätzliche Zahlung im Wert von fünf Arbeitstagen zur flexiblen Nutzung erhielten. Die Arbeitgeber hätten dagegen „zuletzt lediglich 2,1 Prozent für 13 Monate angeboten. Der Ton sei zwischenzeitlich bei den Verhandlungen aber auch rauer geworden, stellte Halbmeier fest.

Dass nicht aufgegeben werde, das betonten auch einige der Streikenden, die wohl für die Mehrheit sprachen. Sie wollten auch wieder auf die Straße gehen, sollte sich in den Verhandlungen nichts tun, äußerten sie sich entschlossen.

Mustafa Öz
bleibt kämpferisch

Der Landesbezirksvorsitzende der Gewerkschaft, Mustafa Öz, zeigte sich ebenfalls kämpferisch. Das Verhalten der Arbeitgeber passe nicht zur wirtschaftlichen Situation der Branche, stellte er heraus. Die Tonnen an Milch, die in Bayern verarbeitet würden, nähmen zu. Gleichzeitig bleibe die Zahl der Beschäftigten in den meisten Betrieben konstant oder sie sinke sogar.

Und außerdem, so Öz, sollte nicht vergessen werden, dass für die Beschäftigten mehr Arbeit anfiele und das für viele frühmorgens, spätabends, nachts und auch am Wochenende. Denn die Milchverarbeitung laufe im 24-Stunden-Schichtsystem. Die Mehrbelastung bestünde bereits seit Jahren. Die Arbeitszeitkonten seien „randvoll“.

Die Arbeitgeber sollten jetzt „diese Lektion verstanden haben und mit einem vernünftigen Angebot an den Tariftisch zurückkehren. Dann würden die Milchverarbeitung und die Käseherstellung in Bayern wieder im Normalmodus laufen können. Ähnliches war in den Grußworten aus Rosenheim auch von der Gewerkschaftssekretärin Sarah Henkes und der Geschäftsführerin des DGB, Tamara Pohl, zu hören.

Unter Sicherungsbegleitung der Polizei setzte sich schließlich der Demonstrationszug durch die Stadt in Bewegung, um ein noch größeres Publikum auf das gemeinschaftlich vertretene Anliegen aufmerksam zu machen.

Der Warnstreik stößt bei den betroffenen Unternehmen auf Unverständnis. Matthias Oettel, CEO der Meggle Holding mit Hauptsitz in Wasserburg, spricht von laufenden Tarifverhandlungen, die sich in einer „anspruchsvollen Phase“ befinden würden. „Unser Ziel bleibt eine tragfähige und verantwortungsvolle Einigung, die die berechtigten Interessen der Beschäftigten ebenso berücksichtigt wie die wirtschaftliche Situation der Unternehmen.“

Die Darstellung der Gewerkschaft NGG, die Arbeitgeberseite sei in der dritten Verhandlungsrunde einseitig hinter bereits gemachten Zusagen zurückgefallen, greife zu kurz. „Die Kritik an einer vermeintlichen Rolle rückwärts ist nicht nachvollziehbar. Das Angebot aus Lohnerhöhung und zusätzlichen freien Tagen in der zweiten Verhandlungsrunde wurde von der NGG öffentlich als Verschlechterung des ursprünglichen Arbeitgeberangebots bewertet. Vor diesem Hintergrund haben wir das nach Auffassung der NGG bessere ursprüngliche Angebot erneut bekräftigt. Wenn diese Anpassung nun als Rückschritt kritisiert wird, erscheint das widersprüchlich“, so Oettel, der an die Gewerkschaft appelliert, „die Gespräche konstruktiv am Verhandlungstisch fortzusetzen“.

„Respektieren
das Streikrecht“

Die Geschäftsführung der Privatmolkerei Bauer in Wasserburg erklärt unter anderem: „Grundsätzlich respektieren wir das Streikrecht sowie die Arbeit der Tarifparteien. Gleichzeitig bedauern wir, dass bislang keine Einigung erzielt werden konnte und nun erneut Arbeitskampfmaßnahmen angekündigt wurden. Wir unterstützen die Bemühungen der Arbeitgeberseite, in den laufenden Verhandlungen zu einer tragfähigen Lösung zu gelangen.“ Bauer weist auf die besondere Situation der bayerischen Milchwirtschaft und der Lebensmittelindustrie vor dem Hintergrund anspruchsvoller Marktbedingungen hin. Kostensteigerungen (unter anderem bedingt durch den Nahostkonflikt), das insgesamt sehr verhaltene Konsumklima und der hohe Wettbewerbsdruck würden die Unternehmen vor erhebliche Herausforderungen stellen.

Vor diesem Hintergrund seien Tarifabschlüsse erforderlich, die die Leistung der Beschäftigten anerkennen und gleichzeitig die Sicherung der Arbeitsplätze sowie die langfristige Wettbewerbsfähigkeit (auch im internationalen beziehungsweise im europäischen Kontext) gewährleisten würden.

Bezüglich der angekündigten Warnstreiks erwartet Bauer nach eigenen Angaben keine wesentlichen Auswirkungen auf die Versorgung der Kunden. Vorkehrungen seien getroffen worden, um die Produktion und Lieferfähigkeit möglichst aufrechtzuerhalten.

Stefan Stein, Prokurist beim Milchwerk Jäger in Haag, betont, die laufenden Tarifverhandlungen seien anspruchsvoll, „dennoch bleibt unser Ziel eine faire und wirtschaftlich tragfähige Einigung“. „Die Kritik der NGG an der jüngsten Verhandlungsentwicklung können wir nicht nachvollziehen. Nachdem frühere Angebote von der Gewerkschaft abgelehnt wurden, haben wir diese erneut bekräftigt, um die Gespräche voranzubringen.“ Stein setzt auf einen „konstruktiven Austausch am Verhandlungstisch, um eine tragfähige Lösung für beide Seiten zu erreichen“.

Positionen
weit auseinander

Die Privatkäserei Bergader in Waging bedauert, dass die Positionen der Tarifparteien derzeit noch weit auseinander liegen würden. „Aus Sicht der Geschäftsführung braucht es einen fairen und tragfähigen Abschluss, der die Interessen der Beschäftigten ebenso berücksichtigt wie die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Unternehmen.“

Das Streikrecht der Beschäftigten sei zu respektieren. „Welche konkreten Auswirkungen sich daraus für unsere betrieblichen Abläufe ergeben, lässt sich derzeit noch nicht verlässlich einschätzen. Wir bereiten uns organisatorisch auf mögliche Einschränkungen vor. Wir setzen weiterhin auf eine sachliche Fortsetzung der Gespräche und eine Einigung zwischen den Tarifparteien“, so Bergader.

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