Bad Endorf – Nach jahrelangen Planungen und monatelangen Sanierungsversuchen zieht die Gesundheitswelt Chiemgau (GWC) AG einen endgültigen Schlussstrich unter die historische Thermalbohrung „Endorf 2“. Die Sanierung der Bohrung ist gescheitert, sie wird dauerhaft verfüllt. Am Ende stehen Gesamtkosten von rund 19 Millionen Euro, die auf der Hauptversammlung für heftige Kritik der Aktionäre sorgten.
„Es ist ein schmerzhafter Schlussstrich“, sagte Vorstand Dietolf Hämel bei der ordentlichen Hauptversammlung. Die Sanierung der Heilwasserbohrung habe das Geschäftsjahr 2025 wie kein anderes Projekt geprägt. „Jetzt räumen wir auf.“
Ist GWC der „verlängerte
Arm der Hauptaktionärin“?
Die Thermalbohrung dominierte die Generaldebatte. Besonders scharf fiel die Kritik von Paul Petzelberger von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) aus, der elf Aktionäre vertrat. „Das sind 19 Millionen Euro, denen kein Wert gegenübersteht“, sagte er. Er stellte die Frage, ob sich die Gesellschaft einen Großteil der Kosten hätte ersparen können, wenn die Sanierung bereits 2020 begonnen worden wäre. Damals waren die Kosten noch auf sechs bis acht Millionen Euro geschätzt worden.
Auch Oliver Wiederhold von der SCI AG, die rund zwölf Prozent der GWC-Aktien hält, äußerte deutliche Kritik. Die Investition in die Thermalbohrung sei für die Minderheitsaktionäre nicht nachvollziehbar. Er sprach von einem möglichen Interessenskonflikt zwischen der Marktgemeinde Bad Endorf als Mehrheitsaktionärin (76 Prozent) und den übrigen Anteilseignern. Die GWC sei weder „der verlängerte Arm der Gemeinde“ noch deren „Schatzkasse“ und dürfe nicht dazu dienen, kommunale Infrastruktur zu finanzieren. Mit Blick auf mögliche Überlegungen für eine weitere Bohrung stellte Wiederhold klar: „Das wäre nicht im Sinne der Gesellschaft.“
Sowohl Vorstand Dietolf Hämel als auch Bürgermeister Alois Loferer, der dem Aufsichtsrat angehört, erteilten einer neuen Thermalbohrung im Eigentum der GWC aber eine klare Absage. Eine weitere Thermalbohrung stehe derzeit nicht zur Diskussion.
Suche nach 65 Jahre
alten Dokumenten
Um die Entscheidung einzuordnen, blickte Hämel auf die Geschichte der Bohrung zurück. 1963 stieß die Deutsche Erdöl AG (DEA) in Bad Endorf bei der Erdölsuche im Auftrag des Freistaats Bayern nicht auf Öl, sondern auf eine der stärksten Jod-Thermalsolequellen Europas. Aus 4850 Metern Tiefe trat das Wasser unter dem enormen Druck von 830 bar und mit einer Temperatur von 115 Grad Celsius zutage. Ab 1976 wurde Thermalwasser gefördert. Die Bohrung „Endorf 2“ legte den Grundstein für den Badstatus von Bad Endorf und die heutige Gesundheitswelt Chiemgau. „Aber sie war von Anfang an eine kritische Bohrung“, machte Hämel klar.
Vor mehr als zehn Jahren musste der Förderbetrieb der Bohrung „Endorf 2“ eingestellt werden. Die Bohrung war nicht mehr integer. Damit waren weder die Sicherheit der Bohrung noch der Umweltschutz gewährleistet. Nach Bergrecht muss garantiert sein, dass weder Flüssigkeiten noch Gase austreten, damit Druck und geologische Risiken jederzeit beherrscht werden können. Bis Juni 2026 sollte die Bohrung saniert sein, so die Forderung des Bergamtes Südbayern. „Dazu waren wir als Eigentümer der Thermalbohrung verpflichtet. Es gab keine Alternative. Eine Verfüllung stand nicht zur Debatte“, erläutert Dietolf Hämel.
Es dauerte rund drei Jahre, ehe alle Unterlagen und Zeichnungen der 65 Jahre alten Bohrung zusammengetragen sowie alle technischen, wirtschaftlichen und behördlichen Weichen gestellt waren. Die eigentlichen Sanierungsarbeiten begannen im April 2025 und waren zunächst mit 11,5 Millionen Euro kalkuliert. Doch dann zeigte sich bereits in 900 Metern Tiefe, dass die jahrzehntealten Stahlrohre durch bakterielle Prozesse massiv geschädigt waren.
Die Sanierungsarbeiten mussten neu geplant werden. Unter hohen Sicherheitsauflagen entstanden unter anderem ein Erschütterungsschutz für die Bohrung und eine spezielle Entgasungsanlage. Ein neuer Bohrplatz, eine elf Meter hohe Schallschutzwand und breitere Zufahrtsstraßen wurden gebaut. Ein 40 Meter hoher Spezialbohrturm wurde mit 61 Schwertransporten angeliefert. Die Kosten stiegen auf 13 Millionen Euro.
„In mühsamer Präzisionsarbeit wurden die Bestandteile der Förderrohre aus der Tiefe geholt“, erklärt Dietolf Hämel. Die Bohrung sollte zuerst vom tiefsten Punkt in etwa 4850 Metern bis auf 2500 Meter verfüllt werden. In diesem Bereich liegt das Thermalwasserreservoir. Ab dieser Tiefe sollte das Förderrohr saniert werden. „Doch eine normale Sanierung funktionierte nicht“, erklärt Hämel. Im April 2026 war die Bohrung schon bis auf rund 1900 Meter verfüllt, im Juni schließlich bis auf 550 Meter. „Wir hatten noch immer die Hoffnung, über mögliche Querbohrungen einen neuen Förderhorizont zu erschließen und den oberen Förderstrang der historischen Bohrung sanieren zu können“, so Hämel.
Nach einer Integritätsprüfung im Juli 2026 musste aber auch diese Variante verworfen werden. „Umfangreiche ingenieurtechnische und geologische Prüfungen haben ergeben, dass eine Sanierung dieser Bohrung aus technischen und geologischen Gründen einfach nicht realisierbar ist“, bilanzierte Dietolf Hämel die Bemühungen vieler Jahre. „In enger Abstimmung mit dem Aufsichtsrat und dem Bergamt Südbayern wurde entschieden, die Bohrung fachgerecht zu verfüllen und dauerhaft zu sichern.“
Der Bohrturm ist inzwischen abgebaut. Bis Ende des Jahres soll der Bohrplatz verschwunden und das Gelände rekultiviert sein. Die Gesamtkosten belaufen sich auf 19 Millionen Euro. Allein 15 Millionen Euro davon entfallen auf den Ausbau der alten Rohre und die Verfüllung der Bohrung. Der Freistaat Bayern hat Fördermittel in Höhe von sechs Millionen Euro zugesagt. Damit verbleiben etwa 13 Millionen Euro bei der GWC. „Wir hätten keine Kosten einsparen können“, betonte Dietolf Hämel. „Nach Bergrecht waren wir verpflichtet, diesen Weg zu gehen.“
Für die Besucher der Chiemgau Thermen hat diese Entscheidung keinerlei Auswirkungen. „Die Versorgung der Chiemgau-Thermen mit Thermalwasser ist gesichert“, betont Hämel. Schon seit mehr als zehn Jahren komme das Thermalwasser über die Bohrung „Endorf 3“. Diese arbeite im Gegensatz zu „Endorf 2“ nicht mit natürlichem Lagerstättendruck, sondern fördere das Thermalwasser aus 2500 Metern Tiefe über ein Pumpensystem.
Bis Ende 2026 sind
Flächen wieder rekultiviert
Mit dem Aus von „Endorf 2“ geht zugleich ein Stück Bad Endorfer Geschichte zu Ende. „Die finanziellen Konsequenzen sind schmerzhaft“, sagte Vorstand Dietolf Hämel. Die notwendige Sonderabschreibung werde das Ergebnis 2026 mit rund 3,5 bis 6,5 Millionen Euro belasten. Existenzbedrohend sei das jedoch nicht: Der Konzern sei wirtschaftlich solide aufgestellt. Für 2025 weist die Gesundheitswelt Chiemgau ein Konzernergebnis von 2,5 Millionen Euro und einen Bilanzgewinn der AG von 1,3 Millionen Euro aus.
Wegen der Sonderbelastung gehen die Aktionäre in diesem Jahr leer aus: Eine Dividende wird nicht ausgeschüttet. Besonders spürbar ist das für die Marktgemeinde Bad Endorf, die 76 Prozent der Aktien hält. Nach Angaben von Bürgermeister Alois Loferer fließen im Regelfall rund 50 Prozent der Ausschüttung an die Stiftung Markt Bad Endorf und damit in gemeinnützige Projekte. Weitere 26 Prozent stärken üblicherweise den Gemeindehaushalt. „Aufgrund der besonderen Situation hatten wir im aktuellen Haushalt jedoch keine Dividende eingeplant“, sagte Loferer.