Traunstein – Das Handwerk beklagt immer wieder eine fehlende Wertschätzung in der Bevölkerung, die sich auch in tendenziell sinkenden Lehrlingszahlen widerspiegelt. Die Freisprechungsfeier der seit 1647 bestehenden Schreiner-Innung Traunstein in der Aula der Staatlichen Berufsschule 1 (BS1) in Traunstein zeigte am Freitag (31. Juli) dagegen ein ermutigendes Bild: 42 Gesellen wurden freigesprochen, die Noten waren ansprechend und das gezeigte Interesse an dem beruflichen Erfolg der jungen Handwerker war mehr als erfreulich.
Und so war die Aula entsprechend gut gefüllt: Viele Eltern zeigten ihre Freude und ihren Stolz über „ihren“ jungen Handwerker, „ihren“ Schreiner in der Familie. Gäste aus Politik, den Ausbildungsbetrieben, der Innung und den Berufsschulen machten die Freisprechung zu einem richtigen Festabend – und dass die jungen Schreiner ihren Beruf, aber auch ihre Heimat- und Handwerksverbundenheit ernst nehmen, zeigte sich nicht nur daran, dass die meisten von ihnen in bayerischer Tracht gekommen waren. Und eines war „durch die Bank“ sichtbar: Junge Menschen, die erkennbar fröhlich und stolz ihren persönlichen Gesellenbrief in Empfang nehmen durften.
Wertschätzung und
Zukunftsperspektiven
Innungs-Obermeister Andreas Weinzierl sagte in seiner Begrüßung: „Gratulation! Ihr habt einen interessanten Beruf gewählt, der den ganzen Menschen fordert.“ Schreiner bräuchten alle Sinne wie Sehen, Hören, Riechen, Fühlen – und fast ein wenig Schmecken, um mit einem „guten Geschmack“ Räume zu gestalten, packte Weinzierl diesen menschlichen Sinn gleich mit ein. Gleichgewicht und Körpergefühl seien unerlässlich beim Schrauben. Die künstliche Intelligenz (KI) werde im Schreinerhandwerk zwar zunehmend einen stärkeren Platz bekommen, könne den Schreiner als Mensch aber nicht ersetzen, zeigte sich der Obermeister gelassen.
Der Schreinerberuf sei eine „Lebensversicherung in Zeiten eines nie dagewesenen Umbruchs.“ Der Gesellenberuf sei nicht das Ende des Lernens. Die Hauptaufgabe in dem Beruf sei es gerade auch in der Zukunft „Kopf, Hand und moderne Technik zusammenzubringen.“ In einer Zeit des immer schneller werdenden Wandels seien die Schreiner jung genug, sich dieser neuen Realität zu stellen.
Landtagsabgeordneter Konrad Baur betonte in seinem Grußwort: „Ich bringe euch meine vollste Wertschätzung entgegen für das, was ihr geschafft habt!“ An dem Tag sehe man, wie viel Zukunft das Handwerk habe, sagte er vorwärtsgewandt mit Blick auf die jungen Gesellen und rückwärtsgewandt mit Blick auf die ausgezeichneten und ausgestellten Gesellenstücke hinter ihm auf der Bühne. Das Handwerk habe auch in Zeiten von KI eine ausgezeichnete Zukunftsperspektive. Er würdigte die jungen Gesellen, dankte ihnen für ihre berufliche Entscheidung und hatte viel Lob für die Eltern sowie Ausbilder in Betrieb und Schule parat. Mit Blick auf die Großbaustelle des BS1-Neubaus betonte er die hohen Investitionen, die der Landkreis in die berufliche Bildung investiert und mit denen er beste Voraussetzungen schafft.
Der Präsident des Fachverbands Schreinerhandwerk Bayern, Bernhard Daxenberger, sagte zu den jungen Gesellen: „Ihr seid unsere Zukunft!“ Er lobte das hohe Ausbildungsniveau in Traunstein, was sich auch in einer guten Zusammenarbeit zwischen Innung und Berufsschule zeige und diese mit begründe. Die Freisprechung zeige auch mit den ausgestellten Gesellenstücken, welch leistungsstarkes Niveau es in der Region im Schreinerhandwerk gebe.
Die Unterstützung des Handwerks durch die heimische Wirtschaft wurde durch Jörg Burow, den Vorstandsbevollmächtigten der Landesdirektion des Münchner Vereins, deutlich. Er staunte über die hohe Wertschätzung, die den jungen Gesellen – gerade auch bei der Freisprechungsfeier – zuteilwerde. In vielen anderen Bereichen der Wirtschaft gebe es keine so herausragende Würdigung der beruflichen Abschlüsse und eine solche Festveranstaltung.
Fachoberlehrer Helmut Thanbichler von der Jugendsiedlung in Traunreut sagte: „Sie alle haben es geschafft!“ Eine anstrengende und schweißtreibende Lehrzeit liege hinter ihnen. Sie hätten mit Kopf, Herz und Verstand gearbeitet. Das könne auch in Zeiten von KI kein Roboter schaffen. Maschinen hätten kein Gefühl für die Maserung eines edlen Stückes. Jedes einzelne fertige Gesellenstück sei ein „Denkmal für Ausdauer, Kreativität und handwerkliche Reife“. Die beruflichen Perspektiven seien gut: „Fachkräfte werden dringend gesucht, die Welt steht euch offen.“
Innungsobermeister Weinzierl – bekannt für seine individuelle und interessante Art, den förmlichen Freisprechungsakt durchzuführen – sagte an die scheidenden Lehrlinge gerichtet: „Macht dem Handwerk alle Ehre!“ Dem folgten einige Ratschläge, Aufforderungen und Mahnungen zur Gestaltung des beruflichen und privaten Lebens. Und schon war es geschehen: Die ehemaligen Lehrlinge waren nach einer jahrhundertealten Tradition freigesprochen und in den Gesellenstand gehoben. Die Anwesenden quittierten das „Ergebnis“ mit einem lang anhaltenden Applaus der Freude über diesen beruflichen Schritt.
Gerhard Fuschlberger, Fachlehrer an der BS1 und Prüfungsvorsitzender, präsentierte die Ergebnisse der Gesellenprüfung und stellte erfreut fest: „Alle haben bestanden!“ Insgesamt 42 Lehrlinge, darunter vier Teilnehmer des Gymnasiums Landschulheim Marquartstein, die in fünf Jahren parallel zur Schulzeit eine Schreinerlehre absolvierten, und vier Teilnehmer von der Berufsschule in Traunreut komplettierten die 34 jungen Handwerker der BS1, die die Prüfung insgesamt mit einem Notendurchschnitt aus Theorie und Praxis von 2,76 abschlossen.
Die Innung würdigt im Rahmen der Freisprechung besondere Ergebnisse: Anna Theresa Eder und Elisabeth Mayerhofer (jeweils ausgezeichnetes Berichtsheft), Linus Löffler und Ailish Foyle (jeweils Note eins in der schriftlichen Prüfung), Dominik Frank (Praxis), Anna Eder, Martin Geisreiter, Moritz Rosenegger, Elias Georg Schneider, Marina Wagner (jeweils Note eins für das Gesellenstück) und Ailish Foyle für das beste Gesellenstück (Gesamtpunktzahl 98 Punkte) wurden gesondert für ihre hervorragenden Ergebnisse gewürdigt. Innungssieger mit einer herausragenden Leistung ist Paul Resch vom Ausbildungsbetrieb Schreinerei Schützinger in Traunstein, der jeweils mit der Note eins in der Arbeitsprobe, in der schriftlichen Prüfung und beim Gesellenstück bestach und die Innung beim Berufswettbewerb der Handwerkskammer vertritt.
Im Rahmen der Freisprechungsfeier wurden die Sieger des Gestaltungswettbewerbs „Die Gute Form“ gekürt. Die Stimmung war auch nach dem Veranstaltungsende gut. Dafür sorgte – während des Programms, aber auch danach – das Trio „Road-Traun-Musi“ aus Siegsdorf mit gekonnt gespielten bayerischen Klängen. Die „Schreinerfamilie“ war noch lange zusammen, um sich die einzelnen Gesellenstücke anzusehen oder einfach die jungen Gesellen zu feiern.