„Keiner kann behaupten, dass es super läuft“

von Redaktion

Firmenchef Konrad Irlbacher gibt Einblicke in die Pläne des Radspezialisten Corratec in schwierigen Zeiten

Sudelfeld/Raubling – Der Fahrradmarkt in Deutschland ist heiß umkämpft. Rund 3,8 Millionen Räder werden bundesweit verkauft – davon immer mehr E-Bikes. Zuletzt wurden die Gewinnmargen dünner. Aufgrund der hohen Lagerbestände mussten die Händler Rabattschlachten in Kauf nehmen. Der Raublinger Hersteller „Corratec“ produziert 100.000 Räder pro Jahr. Am Tatzelwurm stellte das Familienunternehmen seine neue Bike-Kollektion den Fachhändlern und der Presse vor.

Gemeinsam mit der Mountainbike-Weltmeisterin Marion Fromberger ging es über felsiges Terrain an den berühmten Wasserfällen vorbei. Das E-Bike zieht mit 800 Watt den Berg hoch, die Automatikschaltung sorgt dafür, dass sich der Fahrer besser auf das Gelände konzentrieren kann. Die Profi-Bikerin Marion Fromberger kurbelt daneben aus eigener Kraft. Ihr Corratec-Bike hat das typische Bogen-Design im Rahmen. Die gleichen Bikes sind im Verkauf – für rund 10.000 Euro. Genauso viel muss man für die besten Rennräder der Firma hinlegen. Einsteiger-Modelle beginnen bei 1.800 Euro.

Vom Ski-Erbe zur
eigenen Fahrradmarke

Konrad Irlbacher hat Corratec vor über 35 Jahren gegründet. Sein Vater Konrad Irlbacher senior baute Ski und betrieb ein Sportgeschäft. „Da musste ich mich absetzen und was anderes machen“, erzählt der Firmenchef, der immer noch tausende Kilometer auf seinem Rennrad absolviert. Am Anfang importierte er die italienischen Edelmarken. Im Land, aus dem die besten Rennradler kamen, heißt Konrad „Corrado“. Heute verkaufen 400 Händler in Deutschland, Österreich und der Schweiz Corratec-Räder. 75 Prozent davon sind E-Bikes.

Auf die Frage, wie sich die Krise auf dem Fahrradmarkt auf Corratec auswirkt – schließlich sind nach dem Corona-Boom immer noch über eine Million Fahrräder auf Lager –, erklärt Konrad Irlbacher: „Der ganze Markt ist betroffen. Es gibt kaum einen Hersteller, der nicht zu große Lagerbestände hat. Keiner kann behaupten, dass es super läuft. Aber ich glaube, dass wir in einem Markt sind, der doch relativ stabil ist. Es gab natürlich einen Corona-Boom mit vier Millionen, später 4,4 Millionen verkauften Fahrrädern in Deutschland. Dann ging es etwas runter. Aber wir sind immer noch auf einem sehr guten Level. Was momentan der Fall ist, dass die Preise nicht durchgesetzt werden können, weil natürlich Lagerbestände abverkauft werden. Das trifft Corratec so wie jede andere Marke auch. Abverkauf ist nach wie vor da, aber die Gewinnmargen sind nicht mehr so hoch wie früher.“

Produktion in Rumänien
statt „Made in Germany“

Am Standort in Raubling wurden 2025 elf Mitarbeiter entlassen. Während Design und Entwicklung weiterhin in der Region stattfinden, wurde die Produktion vor vier Jahren nach Rumänien verlagert. Auf die Frage, ob „Made in Germany“ damit passé sei, entgegnet Irlbacher, dies sei aus Mangel an Personal geschehen: „Es ist gar nicht der Punkt, dass die Mitarbeiter hier zu viel Geld kosten, sondern dass wir die Leute nicht hatten, um die vielen Aufträge zu beliefern. Deswegen ist es einfach nicht mehr möglich gewesen, hier so zuverlässig zu sein, wie wir hätten sein müssen. Jetzt sind wir mittlerweile ganz froh, dass wir in Rumänien sind. Das ist für uns relativ leicht erreichbar.“

Einen Vergleich der Fahrradbranche mit der kriselnden deutschen Automobilindustrie weist der Corratec-Chef zurück. Die Fahrradbranche sei komplett anders: „Die Autobauer arbeiten mit sehr geplanten Strukturen mit langen Entwicklungszeiten. Die Bike-Branche ist dagegen sehr schnelllebig. Du musst sehr schnell entwickeln, sehr schnell am Markt sein, sehr schnell die neuen Produkte auf den Markt bringen. Und natürlich auch über das Ganze deinen Kunden motivieren. Die Fahrradbranche hat eigentlich keine Absatzkrise. Fünf bis acht Prozent runter ist noch relativ stabil.“

Bezüglich der starken Konkurrenz aus China bei den Elektromotoren und der Frage, wie lange Corratec noch Bosch-Motoren verbauen werde, betont Irlbacher die Bedeutung von Langlebigkeit und Zuverlässigkeit: „Bosch ist bei uns gesetzt. Die größten Stückzahlen laufen darüber, aber wir haben auch Räder mit dem Avinox-Motor, hinter dem der chinesische Marktführer für Drohnen- und Kameratechnik DJI steckt. Der Motor hat eine Riesenleistung, Power, die Spaß macht. Der Endverbraucher wird es irgendwann entscheiden, was er kaufen will.“

Angesprochen auf die Gefahr von EU-Reglementierungen, welche die Leistung drosseln und den Fahrern den Spaß verderben könnten, verweist Irlbacher auf seine frühere Tätigkeit im Zweirad-Industrieverband (ZIV): „Ich war dort im Vorstand. Vom ZIV aus waren wir immer der Meinung, dass wir mit 100 Newtonmetern die Obergrenze der Leistung eigentlich erreicht haben und auch nicht überschreiten sollten. Heute sind wir bei 150 Newtonmetern. Die Geschwindigkeitsbegrenzung liegt bei 25 Kilometern pro Stunde. Ob das jetzt schneller beschleunigt oder weniger, das kommt auf den Fahrzeug- oder Fahrradtyp an.“

Die breite Aufstellung mit Gravel-, Renn-, Mountain- und Citybikes sieht der Gründer gelassen. Das Rennrad sei schon immer seine Leidenschaft gewesen und zeichne das Unternehmen aus. Ein Gravelbike sei die Ableitung von einem guten Rennrad: „Da werden fast Reifen gefahren wie früher beim Mountainbike. Und ein E-Bike ist natürlich auch ein wichtiges Produkt. Wir verkaufen ungefähr 75 Prozent E-Bikes und 25 Prozent Normalräder. Und das wird so stabil bleiben.“

Corratec ist ein Familienunternehmen, in das mittlerweile drei Kinder eingestiegen seien. Die Aufgaben sind klar verteilt: „Die Kinder waren bei uns immer mit dabei. Wir haben sie nicht abgeschreckt, sondern begeistert. Johannes macht IT und Finance. Die Tessa macht die Shops und den Einzelhandel und Konrad kümmert sich um die Technik und Entwicklung. Wir bleiben ein Familienbetrieb in dritter Generation.“

Bosch-Motoren und
die Konkurrenz aus China

Auf die Frage nach dem Fahrrad der Zukunft erklärt Irlbacher, dass alles sehr schnelllebig sei: „Was in den nächsten Jahren los ist, kann keiner sagen. Hat ein Gravelbike in zwei Jahren 32 Zoll? Das wird sich ergeben, das wird sich entwickeln. Man muss für alles offen sein, den Markt beobachten und schauen, dass wir einen Trend setzen können. Wir kombinieren zum Beispiel Rennrad und Mountainbike in einer Hybridversion. Auch die Citybikes werden wichtiger. Der Gesundheitsaspekt spielt eine immer größere Rolle. Das Rad ist kein T-Shirt, wo man einfach neue Farben macht. Sondern ein technisches Produkt, wo man immer auf der Suche ist.“

Zum Abschluss folgt der Endspurt mit der Mountainbike-Weltcupsiegerin Marion Fromberger am Sudelfeld. Die Speckalm rückt näher. Das Rennen geht unentschieden aus. Aber was den Kalorienverbrauch betrifft: Da hat Marion mit ihrem Bio-Bike eindeutig mehr verbrannt.

Artikel 3 von 8