Mühldorf – Die Lage der heimischen Reisebüros ist dramatisch: Sie haben derzeit keine Einnahmen, müssen aber gleichzeitig Geld für stornierte Reisen an Kunden zahlen, die großen Veranstalter schieben vieles auf die lange Bank. Um auf die Situation der Branche aufmerksam zu machen, hatte die Mühldorfer Reisebüroinhaberin Silke Rauch am vergangenen Wochenende eine Demonstration in München organisiert.
Keine Reisen, keine Buchungen: Wovon lebt ein Reisebüro derzeit?
Von Luft und Liebe – wir haben seit 16. März keinerlei Einkommen und leben von den Rücklagen.
Reicht die Soforthilfe des Staates?
Sie deckt die Fixkosten für zwei oder drei Monate, also längstens bis Mitte Mai. Da wir aber überhaupt nicht wissen, wann es weitergeht, reicht sie nicht. Wir werden noch lange viel Arbeit haben, aber keinen Ertrag. Wir waren die Ersten, die von der Pandemie betroffen waren, und werden die Letzten sein, bei denen das Geschäft wieder anläuft.
Was erwarten Reisebüros vom Staat?
Weitere Soforthilfen und einen Rettungsfond, der die komplette Touristik einbezieht und nicht nur große Veranstalter. Dazu einen Verlustrücktrag, um nicht auch noch mit einer Steuernachzahlung aus 2019 belastet zu werden.
Wie lange kann ein Geschäft diese Situation aushalten?
Als Einzelunternehmen hafte ich privat und brauche gerade meine Altersvorsorge auf. Rein rechnerisch ist jedes Büro jetzt schon insolvent. Unser Hauptproblem besteht darin, dass uns nicht nur das aktuelle und zukünftige Geschäft kaputt geht – wir vernichten im Moment die Arbeit des letzten Jahres. Reisen werden weit im Voraus gebucht – wer also im April fliegen wollte, hat meist schon im September gebucht. Und den Lohn unserer Arbeit im September – den müssen wir nun auch noch zurückzahlen.
Sie sagen, dass Sie trotz der Reisesperre viel Arbeit haben. Was gibt es für Sie zu tun?
Jede einzelne Buchung landet jetzt vier- bis fünfmal auf dem Tisch, von der Stornierung bis zur Erstattung. Die Kunden sind verunsichert und möchten beraten werden – doch viele Veranstalter haben einfach ihre Telefone abgeschaltet. Von den Fluggesellschaften kommt gar keine Antwort und wenn dann eine Standardmail mit Verweis auf Gutscheine – und eine Bearbeitungszeit von 330 Tagen. Die Veranstalter setzen auf Zeit und warten auf eine Entscheidung der Politik, um Gutscheine ausgeben zu dürfen – und wir stehen dazwischen. Wir sind das Bindeglied zwischen Kunden und Veranstaltern und nach wie vor für unsere Kunden erreichbar. Ohne Entlohnung.
Wann rechnen Sie wieder mit den ersten Buchungen?
Ich hoffe auf Abreisen im September. Es wird sicher ein ganz langsamer Einstieg werden – im Juni in Deutschland und vielleicht ab Juli auch wieder nach Österreich.
Interview: Markus Honervogt