München – Die Fusion des Münchner Gasekonzerns Linde mit dem US-Konkurrenten Praxair rückt Schritt für Schritt näher. Seit 15. August können Linde-Aktionäre ihre Aktien in Anteilsscheine der neuen Holdinggesellschaft Linde plc eintauschen. Mindestens 75 Prozent der Anteile müssen umgetauscht werden – sonst wird die Fusion abgeblasen. Während der Vorstand und die Kapitalseite im Linde-Aufsichtsrat bei den Aktionären dafür werben, das Angebot anzunehmen, warnen Arbeitnehmervertreter davor.
Zu den Eckdaten: Anfang Juni hatte der Linde-Aufsichtsrat die Fusion mit Praxair besiegelt. Die Abstimmung war allerdings denkbar knapp – fünf der sechs Arbeitnehmervertreter votierten Insidern zufolge gegen den milliardenschweren Deal. Mit 27 Milliarden Euro Umsatz, 66 Milliarden Euro Börsenwert und 80 000 Mitarbeitern würde der neue Gasekonzern neuer Weltmarktführer. Die Aktionäre von Linde und Praxair sollen je die Hälfte der Anteile an der neuen Holding Linde pls halten. Ende 2018 soll die Fusion abgeschlossen sein. Praxair-Chef Steve Angel soll dann den Konzern vom bisherigen Praxair-Standort Danbury in den USA aus führen. Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle soll Aufsichtsratschef der neuen Holding werden. Sitz der Holding soll Dublin sein. Die Genehmigung der Behörden steht noch aus. Erwartet wird, dass Linde und Praxair Teile ihres Geschäftes veräußern müssen, damit die Kartellbehörden der Fusion zustimmen. Die Praxair-Aktionäre sollen auf einer außerordentlichen Hauptversammlung Ende September der Fusion zustimmen. Bei Linde ist keine Abstimmung geplant.
Hier bleibt Aktionären die Wahl, das Umtauschangebot anzunehmen oder nicht. Die Umtauschfrist geht bis 24. Oktober. Es gilt zwar als wahrscheinlich, dass die Annahmequote von 75 Prozent erreicht wird. Den Großteil der Linde-Anteile halten institutionelle Anleger. Laut einer Untersuchung des Beratungsunternehmens Ernst & Young sind 62 Prozent der Aktienanteile in ausländischer Hand. Großaktionär ist etwa der US-Vermögensverwalter Blackrock.
Arbeitnehmervertreter, die seit Monaten versuchen, den Zusammenschluss zu verhindern, haben die Hoffnung allerdings noch nicht aufgegeben. In einer Stellungnahme warnte der Konzernbetriebsrat die Aktionäre in der vergangenen Woche davor, das Umtauschangebot anzunehmen. Auf neun Seiten legt der Betriebsrat seine Bedenken dar: Befürchtet wird unter anderem eine Schwächung der deutschen Linde-Standorte sowie eine strukturelle Benachteiligung von Linde – etwa bei der Verteilung der Schlüsselfunktionen im operativen Geschäft. Aber auch die gegenwärtige politische Entwicklung in den USA stimmt die Arbeitnehmer skeptisch. Als deutsches Unternehmen in den USA könnte Linde Nachteile haben, heißt es in dem Schreiben.
Der gesamte Linde-Vorstand und die Mehrheit im Aufsichtsrat raten dagegen in einem eigenen Papier Aktionären zum Aktienumtausch. Betont werden die „Vorteile und Chancen für beide Unternehmen und ihre Mitarbeiter“ – unter anderem „jährliche Synergieeffekte und Kosteneinsparungen in Höhe von etwa 1,1 Milliarden Euro“. Vorstand und Aufsichtsrat gehen zudem davon aus, dass die Aktien der neuen Holding eine bessere Bewertung an den Kapitalmärkten erhalten werden als die Aktien der Linde AG. Grund hierfür sei, dass die Aktien der Linde plc sowohl an der New York Stock Exchange als auch an der Frankfurter Wertpapierbörse notiert werden sollen. Linde soll im Dax gelistet bleiben.
Ob das klappt, ist allerdings noch nicht ausgemacht. Sollte der Haupthandel mit den neuen Aktien in den USA über das Börsenparkett gehen, müsste sich das Dax-Gründungsmitglied mit dem Abstieg aus der ersten deutschen Börsenliga abfinden. Fondsgesellschaften, die Indexfonds anbieten (wie ewa Blackrock) dürfte das nicht gefallen.
Auch die Börsennotierung in den USA sehen Arbeitnehmervertreter indes kritisch. Sie bringe Risiken und Belastungen mit sich. Nicht ohne Grund hätten sich über ein Dutzend deutsche Firmen von der US-Börse wieder zurückgezogen – etwa Siemens und die Deutsche Telekom.
Sollte das Umtauschangebot bis zum Ende der Annahmefrist für 90 Prozent oder mehr Aktien der Linde AG angenommen worden sein, so will die neue Holding übrigens ihre gesetzlichen Möglichkeiten nutzen, um – wie aus den Unterlagen hervorgeht – die restlichen Aktionäre zwangsweise aus dem Unternehmen zu drängen. Ihnen bleibt dann keine Wahl mehr.