Brüssel – Nach der Milchquote ist nun auch der letzte Schutzmechanismus in der Agrarpolitik der Europäischen Union gefallen: Seit gestern gelten keine Mindestpreise mehr für in der EU angebaute Zuckerrüben. Auch die Quoten und Begrenzungen europäischer Produktion von Zucker und Glukosesirup sowie bestehende Exportbeschränkungen fallen weg. Das hat Folgen.
-Was regelte die Zuckerquote?
Der Zuckerproduktion in der EU waren bislang enge Grenzen gesetzt gewesen. Maximal 85 Prozent der Produktion durften aus EU-Ländern stammen, der Rest wurde durch Importabkommen vor allem mit Entwicklungsländern gedeckt. Zusätzlich galt eine Obergrenze von jährlich 13,5 Millionen Tonnen. Der Anteil von Glukosesirup, ein Flüssigzucker, der aus Mais oder Weizen hergestellt wird, war auf fünf Prozent dieser 13,5 Millionen Tonnen begrenzt. Außerdem mussten die Zuckerproduzenten den Landwirten einen Mindestpreis für ihre Rüben zahlen. Diese starren Begrenzungen wurden 2006 eingeführt, nachdem es in der EU wegen Exportsubventionen jahrzehntelang zu einer Überproduktion gekommen war.
-Woher stammt der in Europa verarbeitete Zucker?
Noch wird der meiste Zucker in Europa aus Zuckerrüben hergestellt. Deutschland und Frankreich sichern mit jeweils 24 Prozent fast die Hälfte der europäischen Produktion. In Bayern bauen zum Beispiel rund 2900 Landwirte Zuckerrüben für das Südzucker-Werk Rain (Kreis Donau-Ries) an. Ein weiteres großes Südzucker-Werk steht im niederbayerischen Plattling.
Firmen in Großbritannien, Portugal und Rumänien raffinieren importierten Zucker, vor allem Rohrzucker aus Lateinamerika. Die Zuckereinfuhren unterliegen, bis auf Einfuhrkontingente aus ausgewählten Drittländern, aber weiterhin hohen Schutzzöllen – und werden daher vermutlich vorerst nicht zunehmen. Die deutsche Süßwarenindustrie fordert allerdings bereits eine deutliche Absenkung der Zollschranken für Importe aus Drittändern. Ein solcher Schritt sei „längst überfällig“, beklagte der Vorsitzende des Bundesverbands der Deutschen Süßwarenindustrie (BDSI), Stephan Nießner. Nach dem Ende der Zuckerquote müsse es nun Ziel sein, drohende Zuckerengpässe für die Lebensmittelwirtschaft zu vermeiden, so Nießner.
Wegen des Wegfalls der Quote planen Irland, Portugal und Slowenien, den Zuckerrübenanbau wieder aufzunehmen. Ungarn möchte seine Maissirup-Herstellung verdreifachen.
-Was bedeutet der Wegfall der Quote für die Zuckerrüben-Bauern?
Die Landwirte müssen sich auf härtere Zeiten einstellen: Auf dem europäischen Markt wird es deutlich mehr Wettbewerb geben. Experten sind sich einig, dass der Preis für Zuckerrüben sinken wird. Außerdem wird es stärkere Preisschwankungen geben. Ein Preissturz wie bei der Abschaffung der Milchquote wird allerdings nicht erwartet. Der Wegfall der Quote bietet auch Chancen: Die Zuckerindustrie könnte vom unbeschränkten Export profitieren, und Landwirte haben die Möglichkeit, mehr zu produzieren. Die EU erwartet, dass in der Union mehr Glukosesirup hergestellt wird und dadurch Arbeitsplätze in ländlichen Regionen entstehen.
-Wird Zucker billiger?
Für die Kunden im Supermarkt werden die Auswirkungen des Wegfalls der Quote wohl minimal sein. „Hier setzt der Handel die Preise, das nimmt der Verbraucher kaum wahr“, sagte kürzlich Hartwig Fuchs, Chef des Unternehmens Nordzucker, der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Oliver Huizinga von der Verbraucherorganisation Foodwatch warnt die Verbraucher dennoch: „Niedrige Zuckerpreise versprechen hohe Gewinne für die Lebensmittelindustrie – auf Kosten der Gesundheit.“ Mit gesunden Lebensmitteln wie Obst oder Gemüse machten Unternehmen deutlich weniger Profit als mit zuckrigen Getränken oder Snacks.
-Was ändert sich noch?
Der Anteil von Glukosesirup an der europäischen Zuckerproduktion und -verarbeitung wird steigen, weil er günstiger zu produzieren ist als Zucker aus Zuckerrüben. Gesundheitsschädlicher ist dieser Alternativzucker, fachsprachlich auch Isoglukose genannt, aber nicht. Aus gesundheitlicher Sicht sei es „unerheblich“, ob zum Beispiel Limonaden mit Isoglukose oder Haushaltszucker gesüßt werden, erklärt Huizinga.
dpa/afp/mad