Arbeitsmarkt

Über drei Millionen Menschen mit Zweitjobs

von Redaktion

Von Basil Wegener Und Sebastian Hölzle

Berlin/München – Immer mehr Beschäftigte in Deutschland gehen mehreren Jobs nach. Binnen zehn Jahren nahm die Zahl der Mehrfachbeschäftigten nahezu kontinuierlich um rund eine Million auf 3,2 Millionen im vergangenen März zu, wie aus einer Erhebung der Bundesagentur für Arbeit (BA) hervorgeht. Die Linkenfraktion im Bundestag hatte die Zahlen bei der BA angefragt. Auch im Vorjahresvergleich nahm die Zahl zu: Im März 2016 waren noch 3,1 Millionen Arbeitnehmer von Mehrfachbeschäftigung betroffen – also etwa 100 000 weniger als ein Jahr später.

Eine Variante fällt besonders auf: 2,7 Millionen Betroffene kombinieren eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung mit mindestens einer geringfügigen Beschäftigung. Das ist die häufigste Kombination in Deutschland. Mehr als 310 000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte haben mindestens einen weiteren solchen Job. Eine dritte Variante ist die Ausübung einer geringfügigen Beschäftigung und mindestens einer weiteren geringfügigen Beschäftigung. Das betraf über 260 000 Menschen.

Der bundesweite Trend zur Mehrfachbeschäftigung ist auch in Bayern zu beobachten. Laut Daten der Bundesagentur für Arbeit, die unserer Zeitung vorliegen, hatten im März 2017 knapp 639 000 Arbeitnehmer im Freistaat zusätzlich mindestens einen weiteren Job. Das waren 4,3 Prozent mehr als im Vorjahr.

Linken-Fraktionsvize Sabine Zimmermann, die die Anfrage gestellt hatte, interpretierte die Zahlen so: „Für immer mehr Beschäftigte reicht das Einkommen aus einem Job nicht mehr aus. Der überwiegende Teil dürfte aus purer finanzieller Not mehr als einen Job haben und nicht freiwillig.“ Viel zu viele Menschen seien arm, trotz Arbeit. Die Einführung des Mindestlohns sei nicht ausreichend gewesen, um Arbeit existenzsichernd zu machen. Nötig seien dessen Erhöhung und die Abschaffung von „Niedriglohnbeschäftigung in Form der Leiharbeit“.

Die Arbeitslosigkeit ist zuletzt auf ein neues Rekordtief gesunken. Bundesweit gab es knapp 2,5 Millionen Arbeitslose im September. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten nahm in den vergangenen Jahren fast kontinuierlich von 26,8 auf knapp 32 Millionen zu, die der ausschließlich geringfügig Beschäftigten sank von 5,2 auf rund 4,9 Millionen. Auch in Bayern ist die Arbeitslosigkeit in vielen Gegenden derzeit so niedrig wie schon lange nicht mehr.

Ein Sprecher des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Bayern zeigte sich über die Zunahme der Mehrfachbeschäftigung in Bayern wenig überrascht. Die Gewerkschaft kritisiert schon lange, dass im Freistaat die sogenannte atypische Beschäftigung seit Jahren zunehme. Zu den atypisch Beschäftigten zählen beispielsweise Leiharbeiter, geringfügig Beschäftigte, Teilzeitbeschäftigte oder Arbeitnehmer in einem befristeten Beschäftigungsverhältnis. Nach Angaben des DGB arbeiteten 2016 in Bayern etwa 38,3 Prozent aller Beschäftigten in solchen atypischen Arbeitsverhältnissen, Zum Vergleich: 2003 habe die Zahl noch bei 30 Prozent gelegen. „Wir haben in Bayern einen Arbeitsmarkt, der nur auf den ersten Blick gut aussieht“, sagte ein DGB-Sprecher.

Beim Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sieht man die Zunahme der Zweit- und Drittjobs differenzierter. IAB-Forscher Enzo Weber erklärte: „Der Grund für einen Zweitjob ist relativ einfach: Diese Jobs sind relativ begünstigt.“ Damit meint er: In Minijobs – die häufigste Kombinationsform beim Zweitjob – fallen weder Steuern noch Sozialabgaben an. Daher können solche Zusatzjobs für sozialversicherungspflichtig Beschäftigte lohnenswerter sein, anstatt die Arbeitszeit in den steuerpflichtigen Job zu investieren. Für Weber ist die Zunahme der Mehrfachbeschäftigung eine logische Folge aus dieser Begünstigung. Die Zunahme müsse daher nicht zwingend bedeuten, dass sich die Beschäftigen mit Zweitjobs in einer finanziellen Notlage befänden. Webers Analysen zeigen aber auch: „Im Durchschnitt verdienen Zweitjobber relativ wenig.“

Das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln (IW) glaubt dennoch nicht, dass Nebenerwerbstätigkeit ein Indiz für Armut sei. „Nebenjobber sind sogar oft sozial besser gestellt als andere Beschäftigte“, erklärte IW-Forscher Holger Schäfer.

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