München – Wer derzeit in Oberbayern einen Handwerker braucht, muss sich auf ein paar Extra-Wochen Wartezeit einstellen. Der Grund: Die Auftragsbücher – vor allem im Bau- und Ausbaugewerbe – sind so voll wie nie zuvor. „Es hat sich ein enormer Auftragsbestand angesammelt, der sogar bis weit ins nächste Jahr hinein für eine hervorragende Geschäftstätigkeit sorgen wird“, erklärte Franz Xaver Peteranderl, Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern (HWK), gestern in München bei der Vorstellung der Ergebnisse einer aktuellen Konjunkturumfrage unter den Handwerksbetrieben.
In Zahlen bedeutet das: Im Bauhauptgewerbe haben die Betriebe Aufträge für 10,5 Wochen in den Büchern. Ähnlich hoch ist die Auslastung im Ausbaugewerbe. Über alle Gewerke liegt der Auftragsbestand bei Oberbayerns Handwerkern derzeit bei 8,2 Wochen – erneut etwas mehr als im Vorjahr, als die Auslastung bereits hoch war.
Doch nicht nur, was den Auftragsbestand angeht, sind die knapp 80 000 oberbayerischen Handwerksbetriebe auf Rekordjagd. So sind etwa die Umsätze (nach Schätzungen der HWK) im dritten Quartal auf knapp 10 Milliarden Euro gestiegen – plus fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Für das Gesamtjahr erwartet die HWK ein Umsatzwachstum der Branche von 4,5 Prozent, das wäre deutlich mehr als die Gesamtwirtschaft.
Auch die Betriebe selbst bewerten ihre Lage so gut wie nie zuvor. Spitzenreiter sind hier erneut Bau- und Ausbaugewerbe. Aber auch das Handwerk für den gewerblichen Bedarf (etwa Metallbauer oder Mechaniker), die Lebensmittelhandwerke (etwa Bäcker und Metzger) und die verbrauchernahen Dienstleistungen (etwa Floristen und Friseure) haben wenig Grund zum Klagen. Lediglich im Kfz-Handwerk sind die Betriebe weniger zufrieden als im Vorjahr. „Schuld daran dürfte vor allem die Dieselkrise sein, die zu teils deutlichen Wertverlusten bei Gebrauchtwagen geführt hat“, erläuterte Peter-anderl. Umfangreiche Rabattaktionen würden zudem auf die ohnehin niedrigen Margen drücken.
Seit 2014 sei das Konjunkturhoch im Handwerk ungebrochen. „Die Betriebe eilen von einem Rekord zum nächsten“, betonte Peteranderl. Auch die Zahl der neuen Ausbildungsverträge ist in diesem Jahr gestiegen. Bis Ende September wurden 8550 neue Ausbildungsverträge in Oberbayern abgeschlossen – gut vier Prozent mehr als im Vorjahr. Gut sieben Prozent der Lehrstellen, insgesamt 619, gingen an junge Leute mit Fluchthintergrund. Hier sei es dank intensiver Betreuung gelungen, die eingangs hohen Abbrecherquoten zu verringern. „Mittlerweile liegt die Abbrecherquote unter Azubis mit Fluchthintergrund auf normalem Niveau“, so Peter-anderl. „Normal“ bedeutet rund 30 Prozent, wobei dabei Wechsel in einen anderen Betrieb oder Handwerksberuf miteingerechnet werden.
Auch wenn die Zahl der jungen Leute, die sich für eine Zukunft im Handwerk entschieden haben, gestiegen ist, geht Peteranderl davon aus, dass auch heuer bayernweit mehrere tausend Lehrstellen unbesetzt bleiben werden. Und auch sonst fehlt es an Personal: In fast allen Handwerksgruppen bestehe Einstellungsbedarf. Fachkräfte bleiben bis auf Weiteres Mangelware.