München – Es ist eine Geschichte, die immer erzählt wird, wenn von den Anfängen der Beraterlegende Roland Berger die Rede ist: Wie es war, damals, im Jahr 1958, als der 20-Jährige noch während seines Studiums eine Wäscherei eröffnete und später dann einen Spirituosenladen. Kein Wunder, denn die Geschichte ist gut. Zeigt sie doch, wie dieser Roland Berger denkt, wie einer gestrickt ist, dessen Expertise später einmal die größten Unternehmen, Politiker, ja ganze Regierungen schätzen würden.
Berger, gebürtiger Berliner, studierte Betriebswirtschaft in München. So ganz scheint ihn das nicht ausgefüllt zu haben. „Ich wollte die betriebswirtschaftlichen Regeln, die ich gelernt hatte, in praktischen Erfolg umsetzen, ich wollte wissen, ob ich die unternehmerischen Fähigkeiten besitze und ich wollte schlicht und einfach Geld verdienen“, so begründet Berger seinen damaligen Schritt in die Selbstständigkeit.
Dass es ausgerechnet eine Wäscherei war, die er gründete, war natürlich ebenfalls kein Zufall. Die Deutschen hatten 1958 oft noch nicht genug Geld, um sich eine eigene Waschmaschine leisten zu können, aber schon genug, um die Wäsche ab und zu außer Haus zu geben, so seine Überlegung – die aufging. Berger führte das Geschäft drei Jahre lang und verkaufte es schließlich für eine halbe Million D-Mark. 15 Mitarbeiter hatte er bis dahin.
Oder die Sache mit dem Spirituosenladen, den er quasi zwischen mündlichem und schriftlichem Examen aufzog: Bergers Professor hatte ihm vom damals neuen Discount-Prinzip erzählt. Auch hier musste der Praxistest her. Schnaps hat sich der Wirtschaftsabsolvent deshalb ausgesucht, weil deutsche Spirituosen damals einer Preisbindung unterlagen und ausländische Erzeugnisse ebenso rar wie teuer waren. Wie sich zeigte, funktionierte das Discount-Prinzip dank Kosten-Optimierung – und Berger stieg wieder aus, „ich wollte ja schließlich kein Spirituosen-Millionär werden“.
Unternehmensberater, das wollte er werden. Und er wurde es auch, nur ein paar Jahre später. 1967 gründete Berger, noch keine 30 Jahre alt, seine internationale Strategie- und Marketingberatungsfirma in München, zusammen mit einer Sekretärin. Das Geschäft wuchs rasant. Schon wenige Jahre später lagen die Honorarumsätze in Millionenhöhe, ein Roland-Berger-Büro nach dem anderen eröffnete. Rigoroses Kostenkappen – was der Beraterzunft einen eher schlechten Ruf einbrachte – betrachtete Berger nicht als sein Kerngeschäft. Ihm ging es um Wachstumsstrategien und Kreativität – und er scheute sich nicht, recht altmodische Tugenden als Kernkompetenzen zu nennen: Integrität, Anstand, Zuverlässigkeit. Und immer, so versicherte er einmal, sei er nicht nur mit Rationalität, sondern auch mit Emotionen an seine Projekte herangegangen.
Als Berger sich 2003 aus dem operativen Geschäft zurückzog, hatte seine Strategieberatung 33 Niederlassungen in 23 Ländern. Doch die Firma blieb sein Baby: Ein paar Jahre noch war er ihr als Aufsichtsratschef verbunden, bis heute ist er Ehrenvorsitzender. Und beraten tut Roland Berger natürlich immer noch – seit seinem offiziellen Rückzug des Öfteren Politiker und Regierungen. In über 20 Kommissionen war er aktiv, darunter die Rürup-Kommission und die europäische Kommission zur Entbürokratisierung, die er leitete. Doch Politiker wollte Berger, trotz diverser Angebote, selbst nie werden. Er sei schlicht nicht der Typ gewesen, sich völlig einem Parteiprogramm unterzuordnen, so seine Begründung.
Den Willen zur Gestaltung und Veränderung hat er allerdings. „Jeder muss einen konstruktiven Beitrag für die Gesellschaft leisten, damit die Menschheit Fortschritte erzielen kann“, so Bergers Credo. Seinen eigenen Beitrag sieht er zunehmend in der im Jahr 2008 gegründeten Roland Berger Stiftung, in die er 50 Millionen Euro aus privaten Mitteln steckte. Die Stiftung setzt sich für Menschenwürde ein und hilft benachteiligten Kindern, trotz aller Probleme einen guten Start ins Leben zu schaffen. 700 begabte Kinder und Jugendliche haben von der Stiftung bereits ein Stipendium bekommen, 300 studieren schon. Auch die junge Start-up-Szene findet in Berger einen begeisterten Unterstützer. Er ist zum Beispiel bei Rocket Internet aktiv und hat sich soeben an der Gründung einer neuartigen Bank beteiligt.
„Solange ich einen Beitrag leisten kann, nehme ich die Gelegenheit wahr und lerne selbst weiter dazu“, erklärte Berger einmal gegenüber unserer Zeitung. Für private Leidenschaften – zum Beispiel die moderne Kunst, die klassische Musik, Skifahren und das Bergwandern – versucht Berger zwischendrin Zeit zu finden. Womöglich gelingt ihm das jetzt mit 80 ein bisschen besser als in den vergangenen 15 Jahren, in denen er ja dem Alter nach auch schon Rentner war. Wahrscheinlich ist das aber nicht.