Am deutschen Aktienmarkt neigt sich ein Jahr mit stetig steigenden Kurse dem Ende zu. Der Dax überraschte sogar mit einem Allzeithoch, negative Nachrichten konnten die Stimmung der professionellen Anleger nur sehr kurzzeitig trüben. Warum das so ist und wie es im nächsten Jahr weitergeht, besprchen wir mit dem Kapitalanlagechef der Investmentgesellschaft Blackrock, Martin Lück.
-Beim Brexit ist offenbar der Durchbruch geschafft, am Aktienmarkt herrscht gute Stimmung. Wie wichtig ist das Thema Brexit für den Kapitalmarkt?
Anleger schauen derzeit recht pragmatisch auf den Kapitalmarkt, auch im Hinblick auf den Brexit. Der Markt ist derzeit in einer Stimmung, in der gute Nachrichten freudig zum Anlass genommen werden, noch mal eine Runde nachzukaufen. Wir haben ein sehr günstiges Makroumfeld, in dem der Markt eher nach oben als nach unten ausschlägt.
-Was macht das Makroumfeld derzeit aus?
Das synchrone Wachstum in vielen Teilen der Welt, in Europa, in den USA und in Asien, ist in diesem Jahr stärker ausgefallen als vielfach erwartet. Das übersetzen die Unternehmen in steigende Gewinne. Und das alles passiert bei nach wie vor sehr niedrigen Zinsen. Damit kommen hier die wichtigsten Zutaten für steigende Aktienpreise zusammen. Es sieht nicht so aus, also ob sich daran in der nächsten Zeit etwas ändern würde. Die Stimmung ist so, dass Investoren bereit sind, eher mal ein Risiko mehr zu nehmen.
-Seit wann besteht dieses Umfeld?
In dieser Konstellation ungefähr seit eineinhalb Jahren. Man hat das sehr deutlich beim Brexit-Votum im Juni gesehen. Die Märkte reagierten zunächst negativ, der Dax hat mit minus 11 Prozent eröffnet. Aber der Markt hat sich schon im Tagesverlauf, in den Wochen darauf noch viel stärker, wieder erholt. Wenig später lag der Dax sogar höher als vorher. Die Anleger haben sich gesagt, gut, das wird irgendwann Auswirkungen haben, aber nicht jetzt. Sie haben eine extrem pragmatische Haltung gefunden, an schlechte, teilweise besorgniserregende Nachrichten heranzugehen. Das hat sich bis heute gehalten.
-Die Schmerzgrenze liegt also relativ hoch zurzeit.
So kann man das sagen.
-Ist so auch zu erklären, dass es keine besonderen Reaktionen auf die doch recht zähe Regierungsbildung in Deutschland gibt?
Die Märkte sind diesbezüglich tatsächlich recht entspannt. Über die vergangenen Jahre gab es kaum etwas vonseiten der deutschen Regierung, worauf die Märkte besonders erfreut oder besonders besorgt hätten reagieren müssen. Gut möglich, dass die künftige Regierung daher nicht so sehr im Fokus steht. Mein Eindruck ist, dass die Wirtschaft zurzeit sehr gut ohne Regierung funktioniert – was natürlich nicht heißt, dass wir keine brauchen. Aber im Moment ist das am Kapitalmarkt kein großes Thema.
-Es sind alle möglichen Konstellationen denkbar, eine Minderheitsregierung, die teure Kompromisse erfordern könnte, eine neue Große Koalition, bei der die SPD viel durchsetzen könnte, zum Beispiel die Bürgerversicherung. All das hat nicht das Kaliber, an der Börse Unruhe zu stiften?
Im Moment sind wir noch in einer frühen Phase. Wenn sich dann einzelne Punkte konkretisieren, wenn etwa die Union der Bürgerversicherung zustimmt, um eine Koalition mit der SPD hinzubekommen, dann könnte das schon Auswirkungen auf die betroffenen Segmente, etwa auf die Aktienkurse der Versicherungskonzerne haben. Aber das ist noch weit weg. Im Moment sind die Märkte so pragmatisch, dass Risiken, die weit in der Zukunft liegen und von denen man gar nicht weiß, ob sie überhaupt zum Tragen kommen, sie komplett kaltlassen.
-Was wird im kommenden Jahr die Kapitalmärkte bestimmen? Brexit, Trump oder der Mittlere Osten?
Die erste Frage wird sein, gibt es eine dramatische Verschlechterung des Wachstums? Wir glauben das nicht, der Markt glaubt das auch nicht. Alle Erwartungen für 2018 wurden zuletzt kontinuierlich nach oben korrigiert. Man geht davon aus, dass das Wachstum im kommenden Jahr ähnlich solide sein wird wie in diesem. Die zweite Frage ist, welchen Einfluss werden die Zentralbanken haben? Dann erst kommen die genannten Risiken.
-Welches ist am gefährlichsten?
Am wichtigsten erscheint mir der Mittlere Osten, weil die Märkte diese Krise offenbar noch nicht wirklich als großes Risiko begreifen. Aber der US-Präsident legt da Lunte an ein gewaltiges Pulverfass, etwa mit seiner Jerusalem-Entscheidung. Die Lage ist ja so schon sensibel genug, allein durch die Zuspitzung des Konflikts zwischen dem Iran und Saudi-Arabien über die letzten Monate. Man muss sich klarmachen, dass da der größte Erdölproduzent der Welt, nämlich Saudi-Arabien, schnell involviert ist. Wenn hier die Regionalmächte in eine Auseinandersetzung militärischer Art getrieben werden, dann wäre das eine Bedrohung für die globale Wirtschaft. Schon eine Verschärfung des Palästinakonflikts, etwa eine neue Intifada, könnte dazu führen, dass sich das Risikoumfeld an den Aktienmärkten komplett verändert.
-Zurück zur Geldpolitik. Die Zinswende in Europa ist noch nicht so schnell in Sicht. Welche Rolle wird im nächsten Jahr die Zentralbank spielen?
Wir haben durch die Reaktionen auf die Finanzkrise eines über die Geldpolitik gelernt: Die USA haben hier einen großen zeitlichen Vorlauf, und zwar von ziemlich genau vier Jahren. Wie die EZB vorgehen wird, können wir im Großen und Ganzen an den Aktionen der US-Notenbank Fed in der Vergangenheit ablesen. Die Fed hat im Dezember 2015 angefangen, den Leitzins wieder zu erhöhen. Das heißt, dass die EZB vermutlich in der zweiten Jahreshälfte 2019 erstmals den Zins erhöhen wird, frühestens. Da dürfte also im nächsten Jahr nichts passieren.
-Wie soll ich mich als privater Anleger auf das neue Jahr einrichten?
Wichtig bleibt, man sollte versuchen, seine Angst vor Aktien abzubauen. Als kurzfristiges Spekulationsinstrument genutzt, können Aktien leicht zu Verlusten führen, zumindest dann, wenn man sich nicht gut auskennt. Aktien als langfristige Anlage hingegen sind sehr viel sicherer, als private Anleger oft glauben. Nachdem die Unternehmensgewinne auch nächstes Jahr wachsen und die Zinsen niedrig bleiben dürften, spricht auch 2018 alles für Aktien. Wir gehen davon aus, dass die Indizes in etwa so zulegen werden wie die Unternehmensgewinne in den USA und Europa, sprich um etwa 10 Prozent. Es kann dabei zwischenzeitlich auch zu größeren Schwankungen kommen, was dafür spricht, investiert zu bleiben und nicht auf Sicht weniger Wochen zu spekulieren. Das könnte für Privatanleger nach hinten losgehen.
Interview: Corinna Maier