schnellstrecke München – Berlin

DB: Start missglückt

von Redaktion

Von Sebastian hölzle

München – Warum der Start der Neubaustrecke München – Berlin am Freitag so gründlich schiefging, ist seit gestern klar: Die neue Alstom-Technik ETCS in den Hochgeschwindigkeitszügen der Bahn ist im Regelbetrieb extrem fehleranfällig. 174 ICE-Züge hatte Alstom mit der Technik ausgerüstet. Das System ist die Grundvoraussetzung dafür, dass ein ICE auf der neuen Rennstrecke fahren darf.

Das European Train Control System soll dafür sorgen soll, dass Züge schnell und leichter grenzübergreifend fahren können. Bislang finden sich an den meisten Strecken Signalmasten, die dem Lokführer vorgeschriebene Geschwindigkeiten oder Streckensperrungen anzeigen. Allerdings hat jedes Land seine eigenen Signale, weshalb beim Überqueren der Grenze etwa die Lokführer getauscht werden müssen. Dazu kommt, dass die Lokführer bei hohem Tempo – wie etwa auf der Neubautrasse – Probleme haben, die Signale noch zu erkennen. Mit ETCS sind Masten überflüssig, Informationen kommen digital im Führerstand an – und das europaweit einheitlich.

Für 200 Ehrengäste und Journalisten endete der europäische einheitliche Bahnverkehr am Freitagabend am Bahnhof Nürnberg: Die Passagiere waren auf der Rückfahrt von Berlin nach München, in der Hauptstadt hatten sie mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) die Eröffnung des „Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nr. 8“ (VDE) gefeiert. Auf der Rückfahrt legte der ICE vor Nürnberg eine Zwangsbremsung ein, der „historische Tag“ endete mit zwei Stunden Verspätung am Münchner Hauptbahnhof. Das Alstom-System war nicht in der Lage gewesen die korrekte Geschwindigkeit zu berechnen, weil ein Mitarbeiter nach Angaben der Bahn einen falschen Raddurchmesser ins System eingegeben hatte.

Ab Sonntag, als zum Fahrplanwechsel der reguläre Fahrbetrieb startete, setzte sich die Pannenserie fort. Züge waren verspätet, wurden umgeleitet – oder fielen ganz aus. „Der Start der VDE ist missglückt“, räumte Bahn Vorstandsmitglied Birgit Bohle gestern ein. „Wir haben unser Versprechen nicht gehalten, dafür möchte ich mich explizit entschuldigen.“

Grund sei auch das Wetter gewesen: Am Sonntag sei es durch Schnee und Eis zu einem Engpass in der ICE-Flotte gekommen, erklärte Bohle. 16 ICE ließ die Bahn aus dem Verkehr ziehen, zwei weitere Züge der Flotte fielen wegen eines Wildschadens aus.

Zwischen München und Berlin waren die Folgen zu spüren, weil vier der ausgefallenen Züge die neuen Alstom-Systeme an Bord hatten. Im Umfeld von Alstom ist von „Kinderkrankheiten“ die Rede, also technischen Anfangsschwierigkeiten, die sich nach einigen Tagen Praxiserfahrung lösen lassen.

Im Bahnvorstand kommt die Einschätzung nicht gut an: „Man kann über eine Wortwahl wie Kinderkrankheiten trefflich streiten“, sagte Bohle. Auch Masern könnten ziemlich unangenehm sein. Immerhin, da sind sich Bahn und Alstom einig, handelt es sich nicht um ein grundlegendes Systemproblem.

Solche Aussagen dürften auch die Siemens-Manager in München beruhigen, schließlich will Siemens seine Zugsparte mit Alstom fusionieren. Ausgeschlossen ist trotzdem nicht, dass Alstom wegen des Fiaskos auf der Neubaustrecke zur Kasse gebeten wird. „Den Kassensturz werden wir irgendwann machen, das gilt auch für die Frage, ob wir in Richtung Alstom noch anders reagieren werden“, so Bohle.

Für die Bahn könnte eine großzügige Kulanzregel teuer werden. Hat ein ICE auf der Neubautrasse eine Verspätung von mehr als einer Stunde, bekommen die Fahrgäste den vollen Ticketpreis erstattet und zusätzlich einen Reisegutschein von mindestens 50 Euro, verspricht das Unternehmen. Diese Regel gelte bis Ende des Jahres. Bohle ist aber zuversichtlich, bis Ende der Woche eine „Stabilisierung“ im Bahnverkehr zu erreichen.

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