München – Im Fall von Diesel-Fahrverboten in Städten hat Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer Ausnahmeregelungen für Handwerksbetriebe und ihre Mitarbeiter gefordert. Der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerk (ZDH) sagte: „Es muss Überbrückungszeiten geben, denn ansonsten kommen die Betriebe von heute auf morgen nicht mehr in die Innenstädte. Das ist existenzbedrohend für viele.“
Das hat eine Umfrage der Handwerkskammer für München und Oberbayern bereits im Juli 2016 belegt: 31 Prozent der Betriebe sehen sich bei der Einführung eines sofortigen Diesel-Einfahrverbotes in die Münchner Umweltzone in ihrer Existenz bedroht. In der Landeshauptstadt selbst stünde jeder zweite Handwerksbetrieb vor dem Aus.
„Es darf daher weder zu Einfahrtbeschränkungen noch zu -verboten für Dieselfahrzeuge kommen“, sagte Handwerkskammer-Präsident Franz Xaver Peteranderl gegenüber unserer Zeitung. „Ein fließender Wirtschaftsverkehr ist für das erfolgreiche Wirtschaften und für das gesamte gesellschaftliche Leben in den Städten unverzichtbar.“
Im kommenden Jahr drohen gerichtlich erzwungene Fahrverbote für ältere Dieselautos in Städten. Am 22. Februar wird eine Grundsatzentscheidung des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig erwartet.
Wollseifer sagte, Fahrverbote kämen einer „kalten Enteignung“ von Handwerksbetrieben gleich. „Bei abrupten Diesel-Fahrverboten würde es zu großen Verwerfungen kommen.“ Es müsse Ausnahmeregelungen für Betriebe geben und für die Beschäftigten.
Der Diesel werde zumindest noch für eine Übergangszeit gebraucht. „Derzeit haben unsere Handwerksbetriebe kaum eine Wahl.“ Denn vor allem bei Transportern gibt es zum Diesel in der Praxis keine Alternative. Zwar gibt es den elektrischen „Streetscooter“ der Post. Doch wäre der kleine Hersteller unter dem Dach des Logistik-Dienstleisters überfordert, wenn er mit der plötzlichen Nachfrage konfrontiert wäre.
Außerdem sind die 80 Kilometer Reichweite des Streetscooter zwar für einen Handwerksbetrieb in der Stadt ausreichend. Wer aber auch Aufträge aus der Umgebung annimmt oder aus dem Umland in die Stadt pendelt, käme nicht weit.
Es ist kein Zufall, dass der Dieselmotor im gewerblichen Einsatz den früher vorherrschenden Benziner fast völlig verdrängt hat. Ein Beispiel: Den meistverbreiteten deutsche Transporter, der VW T6, gibt es zwar auch als Benziner. Doch der hat dann einen Normverbrauch von 9 Litern, der entsprechende Diesel hat dagegen einen von 6 Litern. Das bedeutet in der Praxis 70 Prozent höhere Spritkosten für den Benziner. Ähnlich sieht es beim Mercedes Sprinter aus. Und vergleichbare Fahrzeuge von Peugeot, Citroën und Fiat haben den Benzinmotor gar nicht im Angebot. Es gibt also keine Alternative. Dazu kommen auch andere Aspekte. Unternehmen können Fahrzeuge nicht einfach während der Laufzeit eines Leasingvertrages zurückgeben. Eigentümer trifft es besonders hart. Ihr Fuhrpark wäre über Nacht wertlos. Zu den notwendigen Abschreibungen kommen die Kosten für Neuanschaffungen. Das würde eine Welle von Insolvenzen auslösen.
Doch das trifft nicht nur das Handwerk. Es fehlt auch jede Infrastruktur etwa zur Versorgung von Händlern und Supermärkten. Man bräuchte an Stadträndern riesige Umschlagplätze, wo Diesel-Zugmaschinen haltmachen müssten und durch elektrische ersetzt werden – die es aber gar nicht zu kaufen gibt. Das bedeutet: Ein Diesel-Verbot würde die Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen in den betroffenen Städten für Monate oder gar Jahre zusammenbrechen lassen. mit dpa