Siemens ist dabei, die Industrie zu digitalisieren. Im eigenen Haus und bei Kunden werden Produktionsanlagen automatisiert und vernetzt. Es werden Daten gesammelt, gespeichert und ausgewertet. Im Mittelpunkt steht dabei das Betriebssystem MindSphere, das für die Anbindung von Anlagen oder Maschinen an das Internet entwickelt wurde. Jan Mrosik (53) verantwortet seit vergangenem Jahr den zuständigen Geschäftsbereich „Digitale Fabrik“. Wir sprachen mit dem Digitalisierer darüber, wie in Zukunft produziert wird und ob dafür überhaupt noch Menschen nötig sind.
-Herr Mrosik, Ihr Job ist es, Fabriken zu digitalisieren. Wie viele haben Sie schon umgerüstet?
Das ist schwer zu sagen. Sowohl unsere Fabriken als auch die unserer Kunden befinden sich in unterschiedlichen Stadien der Digitalisierung. Unsere Lösungen reichen von der Steuerung von Anlagen über die Automatisierung und Datenerfassung bis hin zur Analyse und Optimierung. Man könnte sagen: Wir statten Fabriken mit Gehirnen aus. Von unseren Kunden arbeiten bereits heute 147 000 mit unserer PLM-Software, die den kompletten Lebenszyklus eines Produkts managt. Viele nutzen dafür den sogenannten digitalen Zwilling des Produkts und der Produktion – Produkt und Produktion werden also virtuell konstruiert und geplant, bevor das Ganze in die Realität übertragen wird. Dazu kommen 45 Millionen Automatisierungsgeräte, die die Produktion in den Fabriken unserer Kunden steuern. Der italienische Autobauer Maserati entwickelt und simuliert zum Beispiel mit unserer PLM-Software seine Autos und die Fertigung und nutzt auch unsere Automatisierungstechnologien. Bei Siemens selbst sind mittlerweile eine Million Geräte in Zügen, bei Windrädern oder Maschinen unter anderem an unser Betriebssystem MindSphere angeschlossen. Bei unseren eigenen Werken implementieren wir sukzessive diese Technologie.
-Was kann eine digitale Fabrik im Gegensatz zu einer analogen?
Bei Maserati wurde die Zeit bis zur Marktreife für den neuen Ghibli von 30 auf 16 Monate verkürzt, die Anzahl der in der Fabrik produzierten Fahrzeuge gleichzeitig verdreifacht. Ein anderes Beispiel, das zeigt, was Digitalisierung bewirkt, ist unsere eigene Fabrik in Amberg, die wir 1989 eröffnet haben. Seitdem haben wir die Zahl der Produkte, die täglich das Werk verlassen, verzehnfacht. Heute werden 1200 unterschiedliche Produkte gebaut. Jede Sekunde verlässt eines das Band. 24 Stunden vergehen von der Bestellung bis zur Auslieferung. Und dabei beschäftigen wir die gleiche Zahl an Mitarbeitern wie 1989 – nämlich 1200. Das zeigt, dass man durch Digitalisierung Wertschöpfung und Mitarbeiter am Standort erhalten kann. So bleibt man auch in Deutschland wettbewerbsfähig und erhält Standorte.
-Insgesamt sinkt aber die Zahl der Mitarbeiter dennoch. Man kann sich ja durch die Produktivitätssteigerung eine zweite Fabrik komplett sparen.
Man darf nicht vergessen: Was für ein Produkt bezahlt wird, bestimmt der Markt. Man kann in einem kompetitiven Umfeld nur überleben, wenn man ständig an seiner Wettbewerbsfähigkeit arbeitet. Die Alternative lautet deshalb nicht: ein Werk oder zwei Werke, sondern: ein Werk, das gesund dasteht, oder gar kein Werk, weil man in der Zwischenzeit verschwunden ist. Die Hälfte der Fortune-500-Firmen (Anm. d. Red.: Damit sind die 500 größten Firmen der Welt gemeint) aus dem Jahr 2000 sind mittlerweile verschwunden, weil sie die Digitalisierung nicht ernst genommen haben. Entweder ist ihr Geschäftsmodell komplett weggebrochen wie zum Beispiel beim Kamerahersteller Kodak, der den Trend zur Digitalkamera nicht früh genug erkannt hat. Oder sie waren irgendwann ineffizient, weil die Produktion nicht digitalisiert wurde.
-Wo stehen wir derzeit bei der Digitalisierung der Industrie?
Die Zahl der Fabriken, die weltweit ans Internet der Dinge angeschlossen sind, die also ihre Maschinen vernetzt haben, liegt weltweit bei rund 3,5 Prozent. Es ist also noch ein weiter Weg zu gehen.
-Wenn man sich verschiede Branchen ansieht: Wer sind die Vorreiter? Wer ist hinten dran?
Das kann man schwer an Branchen festmachen. Grundsätzlich sind große Firmen häufig weiter. Das liegt beispielsweise daran, dass kleine und mittlere Unternehmen oft nicht über größere IT-Abteilungen in der Fertigung verfügen – oder derzeit auch so gut mit Aufträgen ausgelastet sind, dass sie wenig freie Ressourcen für das Thema Digitalisierung haben. Verbände und Firmen wie Siemens unterstützen bei den ersten Schritten. Man muss nicht alles gleich auf einmal angehen, sondern sich vielleicht manchmal auch nur ein Thema vornehmen. Wichtig ist, dass die Firmen frühzeitig handeln. Wenn man merkt, dass der Wettbewerber an einem vorbeigezogen ist, ist es meist zu spät. Dann geht es einem vielleicht wie Kodak.
Interview: Manuela Dollinger