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Testen bis zur Schwerelosigkeit

von Redaktion

von Rudolf Bögel

Toulouse – Ein bisschen ist es so, als ob man sich einen Neuwagen bei BMW oder bei VW abholt. Nur ein bisschen größer. Schließlich parken in diesem Auslieferungszentrum an der Avenue Jean Monnet in Toulouse die richtig dicken Brummer. Von der A320 bis zur A350 stehen sie hier in Reih’ und Glied, bemalt mit unterschiedlichsten Farben der unterschiedlichsten Länder. Hier der in Wüstentönen gehaltene Airbus aus Qatar, dort der quietschbunte und mit einem knuddeligen Panda-bären bemalte Flieger für China. Und mittendrin ein brandneuer Airbus der Reihe A350XWB. Der mit dem blauen Kranich. Der Flieger heißt Mannheim und ist der siebte A350, der in München stationiert wird und Ziele von Boston bis Singapur anfliegen soll. An diesem Donnerstag wird der Airbus aber noch nicht abgeholt, dafür auf Herz und Nieren getestet. Schließlich kostet das gute Stück 311 Millionen (Listenpreis) und da heißt es: Augen auf beim Flugzeugkauf!

Zum ersten Mal durften Journalisten an einem sogenannten Acceptance Flight teilnehmen und den Abnahmepiloten über die Schultern schauen. So ein Testflug ist kein Ausflug ins Blaue, sondern genau durchgeplant. Vier Piloten sind an Bord, zwei von Airbus und zwei von Lufthansa. Der stellvertretende Flottenchef der Langstreckenflotte in München, Andreas Jasper, muss das Fluggerät dann später abnehmen.

Aber zuerst wird dem Flieger alles abverlangt, was die Technik zu bieten hat. Weil nur rund 20 Menschen an Bord sind, wird die Maschine kräftig betankt, um auch das Gewicht einer voll beladenen A350 simulieren zu können. 55 Tonnen Sprit sind an Bord und gleich geht es los.

TOGA heißt der erste Programmpunkt und bedeutet „Takeoff/Go-Around-Power“. Einer der Piloten übersetzt ganz trocken: „Wir legen den Hebel auf den Tisch.“ Sprich: Die beiden Rolls-Royce-Triebwerke liefern Maximum-Schub. TOGA heißt im aktuellen Fall: Einen so schnellen Start erlebt der Durchschnittspassagier so gut wie nie, weil das im normalen Betrieb auch aus Ersparnisgründen nicht praktiziert wird. Es sei denn, bei schlechtem Wetter oder wenn der Flieger voll beladen ist.

Und gleich noch ein Leckerbissen für Menschen mit guten Mägen: Nach einem extremen Steigflug geht die A350 in einen extremen Sinkflug über, gefühlt ist das so wie auf der Achterbahn, wenn man den höchsten Punkt erklommen hat, kurz bevor es dann steil nach unten geht. Nur ist die Kabine der A350 mit über 60 Metern Länge ein bisschen größer als so ein Achterbahn-Trolley. Genau an diesem Punkt des Fluges ist die Schwerkraft fast aufgehoben, für wenige Zehntelsekunden fühlt man sich wie ein Astronaut. Dann geht die Maschine fast schon wieder in den normalen Flugmodus über, aber nicht ohne zwei Kurven zu fliegen, die es in sich haben. Im normalen Flugbetrieb kippt der Flieger nur bis zu 25 Grad, beim Testflug sind es 67 Grad. Fast sieht man senkrecht durch das Fenster runter zur Erde.

Nach den Tests machen sich die Lufthansa-Kabinentester daran, das Innere des Fliegers zu begutachten. Da wird jede Klospülung betätigt, jede Klappe geöffnet, die Temperatur in den Kühlschränken wird geprüft und die Teppichböden werden nach Fehlern untersucht. Irgendwie kommt man sich vor wie beim Gebrauchtwagenkauf. Nur gesitteter. Ist ein kleiner Fehler gefunden, wird die Stelle mit einem grünen Kreuz markiert. Was auffällt, ist vor allem die Ruhe, die in diesem Jet herrscht. Ruhe ist ja auch eines der Konstruktions-Markenzeichen von Airbus. So ein Flüsterflieger wie die A350 ist für die Passagiere angenehm. Genauso wie der Kabinen-Luftdruck, der in dieser A350 nur etwa so hoch ist wie auf 1800 Höhenmetern. Bei anderen Fliegern liegt dieser Wert auf einem Niveau, wie man es auf 2400 Metern kennt und dann auch von dünner Luft spricht.

Die Mannheim fliegt die Pyrenäen entlang, nimmt Kurs auf das Mittelmeer. Im Cockpit werden weitere Systeme getestet. Passt der Vereisungsschutz? Was passiert, wenn ein Hydraulik-Kreislauf unterbrochen wird? Springen die Hilfssysteme an? Routiniert arbeitet das Piloten-Team die Check-Liste ab. Und kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Dieser Airbus hat den Abnahmeflug zumindest auf technischer Ebene mit Bravour bestanden. Die kleinen Lack- und Webfehler in der Kabine müssen noch bis zur nächsten Woche nachgebessert werden, denn dann darf die Mannheim wirklich heim – nach München.

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