München – Während vor der Olympiahalle Siemens-Mitarbeiter mit Trillerpfeifen, Rasseln und Plakaten gegen den geplanten Stellenabbau bei dem Industriekonzern demonstrieren, applaudieren drinnen die Aktionäre. „2017 war das operativ stärkste Jahr der 170-jährigen Firmengeschichte“, verkündet Vorstandschef Joe Kaeser am Mittwoch bei der Hauptversammlung des Konzerns. Davon profitieren auch die Aktionäre – in Form einer Rekorddividende, 3,70 Euro je Aktie.
Doch gerade diese Erfolge sorgen bei den Mitarbeitern, die sich vor dem Eingang zum Spalier aufgestellt haben, für Unverständnis. Sie gehören zu den gut 3000 Mitarbeitern, deren Stellen in Deutschland wegfallen sollen. Das sorgt auch bei den Aktionären für reichlich Fragen, auch wenn die meisten in Anbetracht von Nachfragerückgang und Preisverfall einen Umbau in der Kraftwerkssparte für unumgänglich halten. Quersubventionen seien keine Lösung, so die vorherrschende Meinung. „Stellenabbau muss aber das letzte Mittel sein. Suchen Sie eine andere Lösung“, fordert Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Sie kritisiert zudem die Kommunikation in der Sache scharf. Vor allem die jüngsten Äußerungen von Kaeser bei einem Dinner mit US-Präsident Trump hätten nicht dazu beigetragen, die Wogen zu glätten. Kaeser hatte bei besagtem Abendessen angekündigt, einen neue Generation von Gasturbinen in den USA zu entwickeln. Das sorgte zu Hause für Entrüstung bei Gewerkschaft und Betriebsrat. Denn gerade in dieser Sparte sollen in Deutschland Stellen wegfallen. Die Verhandlungen zum Abbau, die auf Siemens-Seite Personalchefin Janina Kugel führt, verlaufen schleppend.
Kaeser verteidigt indes den Stellenabbau. Behauptungen, dass die Werke in Offenbach, Erfurt, Mühlheim oder auch Görlitz voll ausgelastet seien und sogar profitabel „sind ein Mythos oder Stimmen aus vergangenen Zeiten“. Doch der Siemens-Chef gibt den Mitarbeitern – speziell in Görlitz – auch Hoffnung. „Siemens steht so gut da wie nie zuvor. Deshalb werden wir alles dafür tun, für die betroffenen Kollegen Perspektiven zu finden“, verspricht Kaeser. Für Görlitz schwebt ihm ein Industriekonzept für die gesamte Oberlausitz vor, an dem sich Siemens beteiligen könnte. „Dafür brauchen wir aber die Politik, es geht in der Region nicht nur um Siemens“, erläutert Kaeser am Rande der Hauptversammlung. Denkbar sei, dass sich die Beschäftigten in Görlitz für eine Übergangszeit von ein bis drei Jahren eigenverantwortlich um das Dampfturbinengeschäft kümmern. In der Zeit könne man sich Gedanken um Zukunftsmodelle machen. „Ich denke dabei in Richtung Elektromobilität, zum Beispiel an die Batteriefertigung.“
Die Kraftwerkssparte ist aber nur eine der offenen Baustellen. Nachdem das Windgeschäft fusioniert wurde, soll noch im ersten Halbjahr 2018 die Medizinsparte an die Börse gebracht werden, das Zuggeschäft soll ebenfalls ausgegliedert und fusioniert werden. Künftig gibt es also drei börsennotierte Töchter, die für die Hälfte des Umsatzes stehen. „Konglomerate alten Zuschnitts haben keine Zukunft“, so die Prämisse des Siemens-Chefs, der seine „Vision 2020“ weitgehend umgesetzt hat.
Das Programm sorgte in den vergangenen Jahren für Wachstum. Auch der Start ins aktuelle Geschäftsjahr lief gut, wie Siemens gestern mitteilte. Der Umsatz stieg im ersten Quartal um drei Prozent auf 19,8 Milliarden, der Auftragseingang um 14 Prozent auf 22,5 Milliarden Euro. Beim Gewinn (plus 12 Prozent auf 2,2 Milliarden) machten sich vor allem der Verkauf von Osram-Aktien und die US-Steuerreform bemerkbar. Schwach entwickelte sich allerdings die Kraftwerkssparte. Für Finanzchef Ralf Thomas noch ein Beleg dafür, dass hier Handlungsbedarf besteht.
Nun wird ein neues Zukunftsprogramm entwickelt, die „Vision 2020+“. Vorgestellt werden soll das Konzept erst, wenn die Gespräche zum Stellenabbau in der Kraftwerkssparte abgeschlossen sind. Fest steht bereits: Der Umbau vom Tanker zum Flottenverbund geht weiter. Dass sich Siemens dabei aus Deutschland verabschiede, sei allerdings ein Mythos, so Kaeser. Während 13 Prozent des Umsatzes in Deutschland gemacht werden, beschäftige man hier 31 Prozent der Mitarbeiter. Auch die Befürchtung manchen Aktionärs, dass von Siemens nur einen Finanzholding übrig bleibe, erteilt Kaeser eine Absage. Eine solche Holding habe keinen Wert. „Wir wollen das Unternehmen nicht zerschlagen, sondern für die Zukunft richtig aufstellen“, betont Kaeser.
„Für augenblicklichen Gewinn werden wir die Zukunft nicht verkaufen.“ Mit einem Zitat des Firmengründers Werner von Siemens beendet Kaeser seine Rede vor den Aktionären. Eine Maxime, die Siemens gut zu Gesicht steht. Da sind sich Manager und Mitarbeiter einig – in der Theorie. In der Praxis lässt der Satz offenbar erheblichen Interpretationsspielraum, wie die Proteste zeigen.