Frankfurt – Er reizte die Massen: Josef Ackermann. Als Chef der Deutschen Bank stand der Schweizer für ein Jahrzehnt im Rampenlicht wie kaum ein anderer Manager in Deutschland. Buhmann oder Staatsmann? Saulus oder Paulus? Das Urteil über Ackermanns Lebenswerk fällt gegensätzlich aus – je nachdem, wen man fragt. Ackermann selbst scheint mit sich im Reinen. „Gerade in Deutschland habe ich oft den Eindruck, sie wissen das, was die Deutsche Bank in meiner Zeit an der Spitze erreicht hat, heute mehr zu schätzen als je zuvor“, sagte er anlässlich seines morgigen 70. Geburtstages.
Im Mai 2002 übernimmt der Investmentbanker als erster Ausländer den Chefposten bei der Deutschen Bank. Die Anfangsjahre sind holprig: 2004 zeigt er im Gerichtssaal grinsend das Victory-Zeichen, 2005 verkündet der Deutsche-Bank-Chef in einem Atemzug ein scheinbar wahnwitziges 25-Prozent-Renditeziel und den Abbau tausender Stellen.
Ackermann fühlt sich seinerzeit missverstanden und keilt zurück: „Das ist das einzige Land, wo diejenigen, die erfolgreich sind und Werte schaffen, deswegen vor Gericht stehen“, schimpft er im Januar 2004 im Düsseldorfer Mannesmann-Prozess – eine Aussage, die er heute bereut: „Das war aus der Verärgerung heraus gesagt, unüberlegt und sehr missverständlich.“ Der Prozess um Untreue bei der Zahlung üppiger Prämien im Zusammenhang mit der Mannesmann-Übernahme durch Vodafone wurde nach fast drei Jahren gegen Geldauflage eingestellt. In der Finanzkrise 2007/2008 präsentiert sich Ackermann geläutert. „Kein Geschäft ist es wert, den guten Ruf der Deutschen Bank aufs Spiel zu setzen.“ Die Krise habe Ackermann „nachdenklicher, menschlicher“ gemacht, sagt ein Weggefährte. „Späte Reue“ nennt es Ackermanns damaliger Kommunikations-chef Stefan Baron in einem gleichnamigen Buch.
Ackermann räumt Fehler seiner Zunft ein. Hat er auch selbst Fehler gemacht? „Natürlich habe ich das“, sagt der Jubilar. „Wir dachten in der Branche damals zum Beispiel alle, durch die Verbriefung von Forderungen, also deren Verteilung auf viele Schultern, sei die Ausfallgefahr viel geringer geworden. Dabei sind wir wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass sich jeder nur so viel auflädt, wie er auch im Notfall noch tragen kann. Das war ein Irrtum.“
Als Deutsche-Bank-Chef steigt „Joe“ Ackermann zum gefragten Gesprächspartner der Politik auf. Ob Notfallplan für die Hypo Real Estate oder Bankenbeitrag zur Griechenland-Rettung: Der Schweizer verhandelt mit. Doch mit deutlichen Worten eckt er immer wieder an. Ob es um Staatshilfen für strauchelnde Banken geht („Ich würde mich schämen, wenn wir in der Krise Staatsgeld annehmen würden.“) oder die Krise um Schuldensünder Griechenland („Ob Griechenland über die Zeit wirklich in der Lage ist, diese Leistungskraft aufzubringen, das wage ich zu bezweifeln.“).
Geboren am 7. Februar 1948 in Mels im Kanton St. Gallen lässt sich Josef Ackermann von Vater Karl, einem Arzt und Börsenfan, begeistern: Nach Gymnasium und Militärdienst studiert er Wirtschaftswissenschaft in St. Gallen. Von 1977 an arbeitet er für die Schweizerische Kreditanstalt – die heutige Credit Suisse. 1996 holt ihn Hilmar Kopper zur Deutschen Bank, dort steigt Ackermann zum obersten Investmentbanker und 2002 zum Konzernchef auf.
Privat in Zürich verwurzelt, setzt Ackermann mit seiner finnischen Frau Pirkko, die er 1977 heiratete, heute andere Schwerpunkte. „Ich reise gerne und kann mir dabei jetzt öfter die Zeit nehmen zu verweilen. Ich lese vieles, wozu ich früher nicht gekommen bin, besuche mit meiner Frau Konzerte und Kunstausstellungen, wandere mit Freunden in den Bergen und spiele etwas Golf.“ Für den 70. Geburtstag hätten seine Frau und die gemeinsame Tochter „eine ganz persönliche Überraschung vorbereitet“, verrät der Jubilar. Ein Geschenk will sich Ackermann aber auch zum 70. nicht machen: eine Autobiografie. „Darauf warten Sie vergeblich.“ jörn bender