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Die Deutschen hängen am Bargeld

von Redaktion

von rolf obertreis

Frankfurt – 107 Euro hatten Bundesbürger im vergangenen Jahr im Schnitt in ihrer Geldbörse – 101 Euro in Scheinen und sechs Euro in Münzen. Und jeden Monat heben sie im Schnitt 615 Euro am Geldautomaten ab oder lassen es sich am Schalter aushändigen – in ganzen Jahr sind es 7374 Euro. Schließlich zahlen die Deutschen an der Ladenkasse immer noch in drei von vier Fällen bar, wie Bundesbank-Präsident Jens Weidmann erläutert. „Der technische Fortschritt macht bargeldloses Bezahlen immer bequemer und effizienter. Und doch hat das Bargeld weiterhin seine Berechtigung.“

Seine Bedeutung nimmt nur langsam ab, wie die neue Studie der Bundesbank über das Zahlungsverhalten der Bundesbürger zeigt, über das Notenbanker, Banker und Juristen am Mittwoch auf einem Symposium der Zentralbank in Frankfurt diskutieren. Gemessen am Umsatz mit Waren und Dienstleistungen wurden 2017 in Deutschland 48 Prozent bar bezahlt, mit Blick auf die Zahl der Transaktionen sogar 74 Prozent. Das sind jeweils nur fünf Prozentpunkte weniger als bei der letzten Untersuchung vor drei Jahren.

„Das Bezahlverhalten der Bundesbürger ändert sich zwar stetig, aber doch nur langsam. Die Mehrheit hat den Wunsch, Bargeld als Zahlungsmittel zu behalten“, sagt Bundesbank-Vorstandsmitglied Carl-Ludwig Thiele. Eine Abschaffung des Bargeldes ist für die Notenbank kein Thema. „Bargeld ist geprägte Freiheit und es ist das einzige Zahlungsmittel, das keine digitalen Spuren hinterlässt.“ Beträge bis fünf Euro werden fast ausschließlich bar beglichen, selbst bei Einkäufen bis 60 Euro liegt der Anteil noch bei fast zwei Drittel.

Gleichwohl zücken die Deutschen immer öfter die EC- und Girokarte. Ihr Anteil an der Zahl der Zahlungen ist von 2014 bis 2017 von 15 Prozent auf 19 Prozent gestiegen, aber damit immer noch überschaubar (nach Umsatz waren es 2017 rund 34 Prozent). Auch kontaktlose Bezahlverfahren nehmen zu, haben aber immer noch nur einen Anteil von einem Prozent. „Und per Smartphone wird bisher kaum bezahlt“, sagt Thiele. Ganz im Gegensatz zu vielen afrikanischen Ländern: Dort sind Zahlungen per Smartphone und Überweisungen von Smartphone oder Handy zu anderen Mobilgeräten seit Jahren Alltag.

Fast 90 Prozent der Bundesbürger wollen auch in Zukunft bar bezahlen können. Die Abschaffung von Münzen und Banknoten lehnen sie der Studie zufolge ab. Daran wird auch bei der Bundesbank wie auch der Europäischen Zentralbank (EZB) nicht gedacht, wie Direktoriumsmitglied Yves Mersch betont. „Bargeld wird seine Rolle noch sehr lange behalten. Es gibt keine gleichwertige Alternative. Bargeld ermöglicht die Wahrnehmung von Grundrechten und die informationelle Selbstbestimmung.“ Dies bekräftigt auch der ehemalige Bundesverfassungsrichter Udo di Fabio. „Bargeld ist individuell verfügbar ohne sich kenntlich zu machen.“ Trotzdem ist er für die Zukunft von Münzen und Scheinen weniger zuversichtlich. „Schauen Sie nur auf China. Dort liegt der Umsatz im Zahlungsverkehr über Smartphones und Handys schon bei jährlich 5,5 Billionen Dollar.“

Bundesbank-Präsident Weidmann sieht in digitalen Währungen auf absehbare Zeit keinen „ernsthaften“ Konkurrenten für Bargeld. Auch bei einer möglichen Einführung von digitalem Geld durch die Zentralbanken gebe es beträchtliche Risiken: Etwa einen digitalen „Bank Run“, also dem Abzug der Ersparnisse von Konten bei Sparkassen oder Banken per Mausklick auf das Digitalkonto des Verbrauchers bei der Notenbank. Das, sagt Weidmann, könnte das gesamte Bankensystem ins Wanken bringen.

Der Bundesbank-Präsident warnt einmal mehr auch vor Krypto-Währungen. Bitcoin und Co. hätten für den Zahlungsverkehr ohnehin keine Bedeutung. „Wer Bitcoins kauft, riskiert Verluste, möglicherweise sogar den Totalverlust.“ Die Wert-Schwankungen seien extrem, der Stromverbrauch 460 000 Mal höher als bei einer gewöhnlichen Überweisung. „Bitcoin ist aus ökonomischer und ökologischer Sicht ineffizient.“ Trotzdem ist Weidmann gegen ein Verbot von Bitcoin und Co. Warnungen der Verbraucher durch die Finanzaufsicht seien aber wichtig, genauso wie die Durchsetzung bestehender Geldwäschevorschriften, um zu verhindern, dass Krypto-Währungen von Kriminellen und als Mittel der Terrorfinanzierung eingesetzt werden. Da spielt, sagen Experten, Bargeld keine zentrale Rolle. „Dafür gibt es keine überzeugenden Nachweise“, betont EZB-Direktor Mersch.

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