Frankfurt – Der Brexit rückt näher. Bis Ende März 2019 muss geklärt sein, wie die Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU künftig aussehen. Noch gibt es viele offene Fragen. Die Finanzbranche kann nicht warten, bis sich Politiker einigen. In London und am Finanzplatz Frankfurt laufen die Vorbereitungen.
– Was müssen Banken jetzt tun?
Banken brauchen für Dienstleistungen wie Einlagen- und Kreditgeschäft in der EU rechtlich selbstständige Tochtergesellschaften in einem EU-Staat. London als derzeit mit Abstand wichtigster Finanzplatz Europas wird nach Einschätzung von Fachleuten zwar auch nach dem Brexit eine wichtige Rolle spielen. Dennoch sind dort angesiedelte Finanzinstitute gezwungen, sich neu zu orientieren.
-Um wie viele Jobs geht es?
Nach jüngsten Zahlen des britischen Branchenverbandes The City UK arbeiten in ganz Großbritannien gut 2,2 Millionen Menschen in der Finanzindustrie oder als Dienstleister in deren Umfeld. In London sind es 751 000. Der Vize-Präsident der britischen Notenbank, Sam Woods, nannte Schätzungen „plausibel“, dass wegen des Brexits bis zu 75 000 Jobs bei Banken und Versicherern auf der Insel verloren gehen könnten – etwa 10 000 davon bereits bis März 2019.
-Kommen nun tausende Banker nach Frankfurt?
Die Standortinitiative „Frankfurt Main Finance“ geht von 10 000 zusätzlichen Arbeitsplätzen am Main aus, die Landesbank Hessen-Thüringen hält ein Plus von mindestens 8000 Stellen im hiesigen Bankensektor für realistisch. Doch um Banker aus London buhlen unter anderen auch Paris, Dublin und Luxemburg. Gescheitert sind bereits deutsche Bemühungen, die Bankenaufsicht EBA nach Frankfurt zu holen: Die Behörde zieht nach Paris. Etwas defensiver sind denn auch die Schätzungen des Verbandes der Auslandsbanken in Deutschland: Dort rechnet man mit 3000 bis 5000 zusätzlichen Stellen in Frankfurt in den nächsten zwei bis drei Jahren.
-Wie konkret sind die Planungen schon?
Hessens Europaministerin Lucia Puttrich (CDU) verweist darauf, dass bislang 18 in London ansässige Finanzinstitute öffentlich angekündigt haben, Teile ihres Geschäfts von der Themse an den Main verlegen oder bestehende Einheiten in Frankfurt ausbauen zu wollen. Die deutsche Finanzaufsicht Bafin hat nach Angaben eines Sprechers mit mehreren Dutzend Instituten Gespräche zum Thema Brexit geführt. Die Zahl der Anträge für Banklizenzen in Deutschland liege im zweistelligen Bereich.
-Reicht Auslandsbanken nicht ohnehin eine abgespeckte EU-Präsenz?
Briefkastenfirmen werden nicht akzeptiert – das machten Europas Bankenaufseher wiederholt deutlich. „Auf Dauer erwarten wir (…) auch vom Spitzenmanagement, dass es mit mehr als nur einem Türschild in den EU-27-Staaten präsent ist“, sagte der Präsident der Finanzaufsicht Bafin, Felix Hufeld.
-Welche Geschäfte könnten verlagert werden?
Die Deutsche Börse sieht große Wachstumschancen für Frankfurt beim Euro-Clearing. Die billionenschwere Abwicklung von Handelsgeschäften mit Euro-Wertpapieren findet derzeit vorwiegend in London statt.
-Macht sich der Brexit schon jetzt in Frankfurt bemerkbar?
Einige Institute haben sich Büroflächen gesichert, mitunter wurden auch schon erste Mitarbeiter eingekauft. Internationale Schulen berichten, dass Banken vorsorglich Schulplätze für die Kinder von Mitarbeitern reserviert haben.
J. Bender / Ch. Meyer