München – Dass der Münchener Rückversicherer Munich Re an einem Sparprogramm arbeitet, ist seit Anfang Februar bekannt. Damals hatte Vorstandschef Joachim Wenning die Mitarbeiter konzernintern darüber informiert, die Zukunftsfähigkeit des Konzerns „mit einer Stellenreduzierung zu stärken“. Damit dürfte den meisten Beschäftigten klar gewesen sein, dass es der neue Chef nach wenigen Monaten im Amt ernst meint, den Rückversicherer wieder auf Kurs zu bringen. Wie viele Stellen genau auf Wennings Streichliste stehen, war bislang allerdings nicht bekannt.
Gestern hat der Vorstandschef bei der Bilanzpressekonferenz in München seine Pläne konkretisiert. Wenning kündigte an, weltweit 900 Stellen im Rückversicherungsgeschäft abbauen zu wollen, die Hälfte davon in München. Damit würden am Konzernsitz über zehn Prozent der 4300 Stellen gestrichen.
Betriebsbedingte Kündigungen sind Wenning zufolge nicht geplant: Etwa die Hälfte der 450 Arbeitsplätze in München soll über natürliche Fluktuation und Altersteilzeitregelungen wegfallen, der Rest über ein Freiwilligenprogramm. Gemunkelt wird über üppige Abfindungen, die der Konzern Beschäftigten zahlen will, sofern sie freiwillig gehen.
Wenning sagte, das Freiwilligenprogramm laufe bereits seit drei Wochen und sei auf sechs Monate angelegt. Der Vorstandschef wies Gerüchte zurück, wonach die Stimmung im Unternehmen schlecht sei und sich inzwischen über 1000 Mitarbeiter für das Freiwilligenprogramm beworben hätten. Wörtlich sagte er: „Die Stimmung ist ausgezeichnet – nicht nur im Vorstand, auch im Betrieb.“
Der Vorstandschef erhofft sich durch den weltweiten Personalabbau Einsparungen in Höhe von 200 Millionen Euro. Offiziell ist von einem „Transformationsprogramm“ die Rede. Denn neben den Einsparungen sind Investitionen in digitale Geschäftsfelder geplant, die zukünftiges Wachstum versprechen.
Um nur ein Beispiel zu nennen: Das Geschäft mit Cyberversicherungen soll im Rahmen des Transformationsprogramms ausgebaut werden. Damit sind Policen gemeint, mit denen sich Unternehmen gegen das Risiko von Hacker-Angriffen schützen können. Die ersten Erfahrungen sind vielversprechend: 2017 hat die Munich Re durch den Verkauf von Cyberpolicen 350 Millionen Euro an Beiträgen eingenommen, wie Vorstandsmitglied Torsten Jeworrek berichtete. Das seien etwa 100 Millionen Euro mehr gewesen als noch ein Jahr zuvor. Zwar sagen diese Beitragseinnahmen nichts über den Gewinn in dem Geschäft, Jeworrek sagte aber, die Cyberversicherung sei eines der neuen starken Wachstumsfelder, auch wenn das Geschäft ein Großschadenspotenzial berge – schließlich könne ein Hacker-Angriff eine ganze Industrie oder ein ganzes Land treffen.
Neue Geschäfte, ein millionenschweres Sparprogramm, all das soll nach jahrelangem Gewinnschwund wieder für steigende Überschüsse im Konzern sorgen. Rückenwind soll auch aus der Erstversicherung kommen: Die Düsseldorfer Tochter Ergo hat einen drastischen Stellenabbau bereits weitgehend hinter sich, 2017 hatte sich die Versicherung mit einem überraschend hohen Nettogewinn in Höhe von 273 Millionen Euro zurückgemeldet. Ergo-Chef Markus Rieß erwartet in diesem Jahr einen Gewinn in ähnlicher Höhe. „Im Wesentlichen läuft alles so gut wie geplant – tendenziell sogar ein bisschen besser“, sagte er.
Auch das Zinstief sieht die Munich Re hinter sich. Finanzchef Jörg Schneider beobachtet, dass der Rendite-rückgang neuer Kapitalanlagen allmählich zum Stillstand kommt. Und Kapitalanlagen spielen bei Rückversicherern eine wichtige Rolle. 2017 verwaltete die Munich Re die kaum vorstellbare Summe von 217 Milliarden Euro. Kleine Zinsänderungen machen sich bei Neuanlagen in Milliardenhöhe schnell bemerkbar.
Wenning ist optimistisch, dass 2018 die Gewinne auf Konzernebene wieder sprudeln. Er rechnet mit einem Überschuss von 2,1 bis 2,5 Milliarden Euro. Das wäre ein kräftiger Anstieg gegenüber 2017, als der Gewinn bedingt durch drei verheerende Hurrikane in den USA auf weniger als 400 Millionen Euro eingebrochen war. Und das Gewinnwachstum soll weitergehen: Für 2020 peilt Wenning sogar einen Gewinn von 2,8 Milliarden Euro an.