Textilindustrie

„Manches hat sich zum Positiven verändert“

von Redaktion

Der Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch vor genau fünf Jahren war für viele Unternehmen ein Weckruf. Wir sprachen mit Miriam Saage-Maaß, Juristin beim Verein Europäisches Zentrum für Verfassungs- und Menschenrechte, was sich seitdem in der Branche verändert hat.

-Über 1100 Menschen starben, als vor fünf Jahren das Fabrikgebäude Rana Plaza in Bangladesch zusammenstürzte. Dort wurde auch für deutsche Geschäfte Kleidung genäht. Sind die Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie seitdem besser geworden?

In Bangladesch hat sich manches zum Positiven verändert. Einige internationale Textilkonzerne versuchen dort ernsthaft, Verbesserungen in der Lieferkette durchzusetzen. Insgesamt aber ist die Lage der Arbeiterinnen und Arbeiter in den Produktionsländern ähnlich beklagenswert wie vor fünf Jahren. Die Löhne reichen nicht für ein menschenwürdiges Leben.

-Nach dem Rana-Plaza-Einsturz vor fünf Jahren haben nationale und internationale Gewerkschafter sowie zahlreiche Konzerne den Bangladesch-Accord für Brandschutz und Gebäudesicherheit gegründet. Funktioniert diese Organisation?

Bemerkenswert gut. Das lag vermutlich an der historischen Chance. Der Accord wurde unter dem Eindruck der Katastrophe gegründet. Die Modemarken und die Händler waren zu Konzessionen an die Gewerkschaften bereit. Sie stellten Geld zur Verfügung und ermöglichten den Aufbau einer unabhängigen Institution, die nicht im Verdacht steht, korrupt zu sein. Auch die Regierung in Bangladesch hält sich an die damalige Vereinbarung und setzt die Entscheidungen des Accord durch. Die Prüfberichte über die Fabriken werden respektiert. Die Fabrikbesitzer verbessern den Feuerschutz oder bauen die geforderten Notausgänge ein. Manche Anlage wurde sogar geschlossen.

-Haben die Opfer inzwischen Entschädigungen erhalten?

Unter Mitwirkung der Internationalen Arbeitsorganisation in Genf haben die Familien der Getöteten und die Verletzten Entschädigungszahlungen erhalten, die unter anderem den Verdienstausfall ersetzen sollen. Ein Nachteil dabei ist allerdings, dass sich diese Zahlungen am niedrigen Lohnniveau in Bangladesch orientieren.

-CSU-Entwicklungsminister Gerd Müller gründete als Reaktion auf Rana Plaza ein Textilbündnis. Konzerne wie Adidas, H&M, KiK und Otto machen mit. Was hat das den Arbeitern der Zulieferfabriken konkret gebracht?

Die Mitgliedsunternehmen versprechen, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Das begrüßen wir. Tatsächlich passiert ist bisher jedoch wenig bis nichts. Den Beweis, dass das Bündnis konkrete Fortschritte bewirken kann, haben sie noch nicht erbracht. Dafür wird es aber allmählich Zeit. Insgesamt krankt die Veranstaltung an dem Ansatz der Freiwilligkeit. Die Firmen setzen sich Ziele, deren Einhaltung dann überprüft wird.

-Der Mindestlohn für Textilarbeiter in Bangladesch beträgt nur 52 Euro monatlich. Gleichzeitig versprechen die Firmen im Textilbündnis, sich für existenzsichernde Löhne einzusetzen. Wie kann man diesen Widerspruch lösen?

Es braucht eine rechtsverbindliche Konstruktion, die die internationalen Modemarken und Händler zu Fortschritten innerhalb bestimmter Zeiträume verpflichtet. Dann würden sie den Produktionsfirmen vielleicht etwas mehr finanziellen Spielraum einräumen, damit diese die Löhne ihrer Beschäftigten erhöhen.

-Ihre Fortschritte belegen die Unternehmen oft mit Zertifikaten. Gutachter bescheinigen, dass beispielsweise Bauvorschriften eingehalten werden, genug Feuerlöscher und Notausgänge vorhanden sind.

Grundsätzlich ist es problematisch, dass die Fabriken private Prüfer beauftragen, die ihnen den guten Zustand der Produktion zertifizieren. Manche Firma kauft sich den Prüfbericht oder besticht den Auditor. Davon abgesehen muss man die Korrektheit vieler Zertifikate bezweifeln. Kürzlich habe ich einen Report des TÜV Rheinland über eine Fabrik in Bangladesch gelesen, in dem keine Rede davon war, dass die vorgeschriebene Sprinkleranlage zum Feuerschutz fehlte.

-Haben Kunden mit sozialen und ökologischen Ansprüchen mittlerweile mehr Möglichkeiten, solche Textilien zu kaufen?

Das Angebot nimmt zu, ja. Aber noch immer handelt es sich um eine Nische unterhalb von einem Prozent des Gesamtmarktes.

Interview: Hannes Koch

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