Berlin – Der neue VW-Chef Herbert Diess will beim viel beschworenen Kulturwandel Ernst machen und den Riesenkonzern möglicherweise weiter verschlanken. Sparten wie die italienische Motorradmarke Ducati oder der hochprofitable Getriebehersteller Renk kommen auf den Prüfstand. Ausgliederungen seien „denkbar“, aber auch Erweiterungen und Wachstumsstrategien, erklärte der Manager auf der Hauptversammlung in Berlin. Weder Verkäufe noch Börsengänge sind ausgeschlossen.
Für die nicht zum Kerngeschäft zählenden Geschäftsfelder – darunter auch MAN Diesel & Turbo für Großmotoren – müssten „belastbare Zukunftsperspektiven“ erarbeitet werden, kündigte er an. Das werde „in aller Ruhe und mit der gebotenen Gründlichkeit“ geschehen.
Die Sparte der schweren Nutzfahrzeuge wiederum – Volkswagen Truck & Bus, wozu auch die MAN Nutzfahrzeuge gehören – soll weitgehend unabhängig von der Steuerung durch den Konzern aufgestellt und „in absehbarer Zeit“ fit für die Börse gemacht werden. Nach Angaben von Spartenchef Andreas Renschler wird VW hier die Mehrheit der Anteile behalten.
Dauerhafter wirtschaftlicher Erfolg sei nur mit einer gesunden Unternehmenskultur möglich, betonte Diess. „Volkswagen muss in diesem Sinne noch ehrlicher, offener, wahrhaftiger, in einem Wort: anständiger werden.“
Das interne Hinweisgeber-System soll demnach ausgebaut, Fehlverhalten kompromisslos geahndet und integres Verhalten in den Mittelpunkt gestellt werden. Nötig seien belastbare Strukturen und Prozesse – „vor allem aber müssen wir auch danach handeln“, verlangte Diess. Dazu gehöre es auch, unbequeme Wahrheiten auszusprechen: Den Weg zu einer offeneren Unternehmenskultur, in der Widerspruch belohnt statt erstickt werde, habe man unterschätzt.
Zugleich konkretisierte Diess, was er sich unter der neuen Konzernstruktur vorstellt – neben der möglichen Ausgliederung von Nicht-Kerngeschäften. Nach dem Willen des Vorstands soll Volkswagen bei Entscheidungen und deren Umsetzung schneller werden.
„Wir müssen den Konzern vom schwerfälligen Tanker zu einem schlagkräftigen Verbund von Schnellbooten machen“, sagte Diess. Die Beschlusswege seien zu lang, zudem gebe es an vielen Stellen Doppelarbeit. Das soll anders werden: Die neuen Markengruppen heißen „Volumen“ (Volkswagen, Skoda und Seat), „Premium“ (unter anderem Audi) und „Super Premium“ (Porsche, Bentley und Bugatti).
2018 will der Konzern mehr als 70 neue Fahrzeuge auf den Markt bringen. Diess warnte mit Blick auf den neuen WLTP-Prüfzyklus vor möglichen Lieferengpässen. Er wies etwa auf die Kapazitäten der Genehmigungsbehörden hin. 2018 werde aber erneut ein gutes Jahr. Die Erlöse sollen um bis zu fünf Prozent steigen, die operative Rendite werde zwischen 6,5 und 7,5 Prozent liegen.
Vor der Halle forderten Greenpeace-Aktivisten zu Beginn der Hauptversammlung, Volkswagen müsse sauberer werden. Auch die umstrittenen Tierversuche mit Affen prangerten sie an. „Herbert Diess muss bei VW endlich ein Großreinemachen anstoßen“, sagte Greenpeace-Sprecher Niklas Schinerl.